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June-July: Special Issue focused on Missing Links

Today, Open Data is an imperative. Government data, research data, and data from various other fields must be freely accessible and reusable – of course within the limits of legitimate interests of privacy and secrecy. Open Data provides value for democracy and for the economy: Open Data furthers participation, increases transparency, opens up new business opportunities, helps facilitate decision making and drives the app we use every day. To be open, data must be findable, interoperable, accessible and reusable. Free reuse implies that there are no legal, economic or technical barriers to free access – the totality of a dataset needs to be available for download or accessible through an API.

Government and research data are the result of administrative or research activities that are completely or often largely financed by public funds. They deal with issues of public interest. It therefore seems legitimate to open the resulting datasets to the public, so that the data can be exploited in new, fruitful ways that were not originally envisioned. As datasets are non-rivalrous goods, multiple usages do not diminish their value, quite to the contrary!

With these multiple usages of data in mind, Tim Berners-Lee has devised his five-star maturity model that posits that the most valuable form of open data is linked open data. Linked data allows data users to concentrate their efforts on the analysis and the exploitation of the data by greatly reducing the effort required to re-capture and to re-aggregate the data for every new purpose. Thus, linked data is a modest extra investment made by data producers or data holders for the greater benefit of all potential and real data users.

As data can be put to a variety of uses, it is impossible to foresee or plan for them from the outset. New questions trigger creative reuses of existing data, and serendipity leads to data being exploited in novel ways. However, data are typically created with a particular intention and for a specific purpose. And the context of their original production matters; data cannot be combined at will, for if we do, we risk misguided interpretations and erroneous applications.

It is therefore crucial to make data available in a form that preserves enough information about their original context, permitting informed re-use by third parties. Furthermore, it is indispensable that the data be made available in a form that facilitates their combination. Linked open data is the state-of-the-art approach to achieve this. However, to fully exploit its potential, we need to foster cooperation across organizations and sectors even in areas where collaboration has rarely taken place. Besides aligning data models and providing the technical infrastructure, coordination is needed in various areas to help organizations acquire the necessary capacity and to foster the required skills among their workforce.

In order to close these gaps, the opendata.ch association has created a linked open data working group. It is open to everyone who is willing to support concerted efforts to promote linked data in Switzerland, not only by calling upon data providers to make an extra effort to facilitate the re-use of their data, but also by enabling cooperation among various stakeholders, and by empowering people interested in using linked open data. Each of the articles of this thematic issue of SocietyByte illustrates one or several of the “missing links” in the world of the semantic web that need our attention if we want to create a flourishing linked data ecosystem.

We wish you an exciting and insightful reading.

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Dateninfrastruktur macht Städte erst smart

Erst der clevere Umgang mit den Daten, die in einer Stadt analog wie digital entstehen, legt den Grundstein für eine intelligente Metropole. Wie sehen zukunftsweisende Beispiele aus, welche Städte gehen voran und wo steht die Schweiz? Eine internationele Bestandsaufnahme der smarten Datenpolitik.

Daten sind die zentrale Ressource einer digitalen Wirtschaft und Gesellschaft. Sie bieten grosse Chancen für Innovation, Forschung und wirtschaftliches Wachstum (Swiss Data Alliance 2017). Der Bundesrat will kohärente Rechtsgrundlagen für die Schweiz schaffen, welche den Umgang mit Daten regeln, und sich als attraktiven Standort für eine datenbasierte Wertschöpfung positionieren. Dazu gehört, dass Datenbestände als Rohstoff für die digitale Gesellschaft bereitgestellt werden, dass auch in der Verwaltungsarbeit vermehrt Datenanalysen eingesetzt werden und dass im politischen Entscheidungsfindungsprozess und in der administrativen Leistungserbringung die breite Öffentlichkeit verstärkt einbezogen wird. Diese Praktiken sind in Smart Cities wie Wien, Barcelona oder Amsterdam heute bereits Realität (OECD 2015+2018, EU-Kommission 2017a+b, Open Data Institute 2018, KPMG 2016, Deloitte 2015).

Vor diesem Hintergrund drängt es sich auch für die Schweizer Städte und Agglomerationen auf, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und Leitlinien für eine zeitgemässe Datenpolitik zu erlassen. Ziel sollte es sein, sich als Stadt im nationalen Diskurs zum Thema Datenpolitik aktiv einzubringen und sicherzustellen, dass sich Stadt und Agglomeration im Sinne der Standortförderung gegenüber anderen Regionen auch in Zukunft behaupten können.

Im Rahmen der internationalen Datenpolitik (z.B. OECD 2015+2018, EU-Kommission 2017a+b) und der angewandten Datenwissenschaft lassen sich verschiedene Trends ausmachen, die es bei der Erarbeitung einer Datenpolitik auf lokaler Ebene zu berücksichtigen gilt. Je nach Ausgangslage und Zielsetzungen können im Rahmen der mittelfristigen Planung unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden.

Open, Shared und Linked Data liefern die Grundlage

Daten sind ein wichtiger Innovationstreiber. Dabei ist die Verfügbarkeit von Daten für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ebenso wichtig wie die Bereitstellung von Infrastrukturen zu deren Speicherung und Übertragung (OECD 2015). In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Daten, welche in erster Linie von der öffentlichen Hand finanziert werden, am besten als «Open Data» bereitgestellt werden, um deren Sekundärnutzung innerhalb und ausserhalb der öffentlichen Verwaltung zu fördern. Auch sensible oder urheberrechtlich geschützte Daten können oftmals im Rahmen eines klar definierten Nutzerkreises gemeinsam bewirtschaftet werden. Um den Datenaustausch über Organisationsgrenzen hinweg zu erleichtern, werden Datenbestände zudem mittels Linked-Data-Technologie semantisch beschrieben und untereinander vernetzt. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Bereitstellung von Basisregistern.

Es gibt einige Beispiele für gelungenen Datentransfer in Städten. Für rund 30 deutsche Städte steht mit «ally» eine kostenlose App für den städtischen Nahverkehr zur Verfügung. Die Anwendung zeigt Live-Daten für die optimale Fortbewegung in der Stadt. Integriert sind neben den Daten des öffentlichen Nahverkehrs auch neue Mobilitäts-Services wie Carsharing und Bike-Sharing-Dienste. Zusätzlich sorgen von den Nutzern bereitgestellte Live-Informationen für genaueste Echtzeit-Informationen der verfügbaren Routen. Auch die «Bike Citizens» App nutzt offenes Kartenmaterial der öffentlichen Hand sowie von den Nutzern gesammelte Daten, um Radfahrern die beste Route durch den Stadtverkehr anzuzeigen. Zudem bietet der Plattform-Betreiber Partnerschaften mit Städten und die Aufbereitung der Daten für die Verkehrsplanung an.

Im Bereich der Finanzplanung findet Open Government Data ebenfalls Verwendung. Hier erlaubt es beispielsweise die «Open Spending»-Plattform, Daten aus dem öffentlichen Finanzhaushalt zu visualisieren und zu analysieren und ermöglicht so neue Sichten auf die öffentlichen Finanzen.

Bürgerinnen und Bürger mit einbeziehen

Viele Städte haben erkannt, dass durch den Einbezug der Bevölkerung, innovativer Kreise und Start-ups sowohl die Lebensqualität wie auch die Standortattraktivität gesteigert werden können. Mit einer gut gebildeten und engagierten Bevölkerung sind Crowdsourcing und Co-Kreation oft genutzte und erfolgreiche Ansätze, um neue Ideen zu generieren und diese erfolgreich umzusetzen. Der Nutzen solcher Ansätze geht über die Ideengenerierung hinaus; sie führen im Vergleich zu Lösungen, die «von oben herab» ausgerollt werden, auch zu einer besseren Akzeptanz von Innovationen.

Beispielsweise nutzt die Stadt Wien solche Ansätze zur Verbesserung der Lebensqualität unter dem Begriff «g’meinsam g’scheiter» , Amsterdam betreibt unter dem Namen «Amsterdam Smart City«” eine Plattform, um potentielle Partner und Interessenten für Innovationsprojekte zusammenzubringen , und in Grossbritannien wird die Online-Plattform “Predictiv” für Verhaltensexperimente genutzt . Letztere ermöglicht es Regierungen, randomisierte kontrollierte Studien mit einer Online-Population von Teilnehmenden durchzuführen und so zu testen, wie gut neue Strategien und Interventionen funktionieren, bevor sie in der Praxis eingesetzt werden.

Big Data für service public nutzen

Infolge von verbesserten technischen Möglichkeiten können immer grössere Datenmengen verarbeitet werden. Diese technologische Entwicklung wird von neuen Daten-Analyse-Methoden begleitet. Dank Big Data können auch im öffentlichen Sektor Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen erzielt werden. Beispiele hierfür sind Verbesserungen im Bereich der Logistik und bei der Instandhaltung von Stadtwerken, Gebäuden und Verkehrsinfrastruktur, welche dank Analysen und Prognosen und mittels geeigneter Algorithmen für Planung und Steuerung realisiert werden (KPMG 2016). Neben der nötigen Infrastruktur für die ganze Wertschöpfungskette bedarf es auf dem Weg zur Nutzengenerierung zudem einschlägiger methodologischer Kompetenzen sowie der Bereitschaft, mit Partnern aus Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten.

Um die Wirksamkeit der kommunalen Verwaltung zu erhöhen, sammelt und analysiert Barcelona Daten aus den eigenen Systemen und offenen Quellen (z.B. Social Media Daten, Software Log Files und GPS Signale). Dank visueller Analytik werden z.B. Wohnungen ohne Touristenlizenz identifiziert oder Betrugsfälle in der U-Bahn verhindert.

Nudging dank Internet der Dinge

Das Internet der Dinge (engl. Internet of Things, IoT) ermöglicht die Vernetzung von physischen Objekten und Kleinstgeräten, insbesondere Sensoren. Dadurch lässt sich z.B. genauer und zeitnaher messen, was in einer Stadt oder einer Agglomeration geschieht. Und nur was man messen kann, kann man auch steuern – seien dies Energieverbrauch, Mobilitätsströme oder Schadstoffausstoss. Zusammen mit Ko-Kreation, Big und Open Data bildet das Internet der Dinge eine wichtige Grundlage für eine effizientere und ressourcenschonendere Stadt, für die “Smart City”.

So kann zum Beispiel mit einer intelligenten Strassenbeleuchtung nicht nur Energie gespart werden; sie kann auch wie in Amsterdam dazu genutzt werden, Gegenden sicherer zu machen und Besucher via «Nudging» zu beeinflussen. Eine solche Infrastruktur kann wie in einem Pilotprojekt in Wädenswil ZH auch als Grundlage für weitere Nutzungen wie öffentliches WLAN oder die Bereitstellung von Elektrotankstellen genutzt werden. In vielen Städten werden mithilfe von IoT auch intelligente Parksysteme umgesetzt (z.B. in Barcelona, Heidelberg oder Murcia).

MyData

Angesichts der zunehmenden Verfügbarkeit von Daten und der immer mächtigeren Methoden für die Datenanalyse rückt auch der Datenschutz wieder stärker in den Fokus. So gilt beispielsweise ab 2018 auf dem Gebiet der Europäischen Union neu das Prinzip des Datenschutzes by design and by default. Zudem können NutzerInnen gemäss dem Grundsatz der Datenportabilität sich ihre Daten von Dienstleistern aushändigen lassen. Das Ziel der “Demokratisierung” personenbezogener Daten wird auch von sogenannten «MyData»-Initiativen verfolgt, welche Plattformen bereitstellen, die es dem Einzelnen ermöglichen, seine Daten zu verwalten und selektiv zu teilen. Dabei spielt einerseits die Forderung nach informationeller Selbstbestimmung eine wichtige Rolle; andererseits zeigen die «MyData»-Initiativen den Weg auf, wie auch hochsensible Daten, bspw. aus dem Gesundheitsbereich, für gemeinnützige Zwecke gepoolt werden können, ohne dass dem Einzelnen die Kontrolle darüber entzogen wird.

Beispiele: Unter den Namen “Blue Button” (Gesundheitsdaten) und “Green Button” (Daten zum Energieverbrauch) bestehen in den USA Programme, die es den BürgerInnen erlauben, personen- bzw. haushaltsbezogene Daten von verschiedenen Dienstleistern in einem standardisierten Format zu beziehen, auf einer geschützten Plattform zwischenzuspeichern und nach eigenem Gutdünken mit Dritten zu teilen. Ein ähnliches Ziel wird in der Schweiz mit der Midata-Initiative verfolgt. Erste Pilotprojekte im medizinischen Bereich wurden an den Universtitätsspitälern Bern und Zürich durchgeführt.

City Platform as a Service – Integrated and OpenCity Platform as a Service – Integrated and Open

Das E-Government-Institut der BFH koordiniert das Horizon 2020 EU-Japan Forschungsprojekt im Bereich Smart Cities. Die im Projekt entwickelte CPaaS.io Plattform verknüpft Technologien des Internets der Dinge, Big Data und Cloud Computing mit offenen Behördendaten (OGD) und Linked Open Data, um neue Anwendungen zu ermöglichen. So können Dienstleistungen der Stadt oder auch von Dritten der Öffentlichkeit oder Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Die praktische Relevanz dieser Plattform wird in Zusammenarbeit mit mehreren Städten überprüft, welche bereits über einschlägige Erfahrungen in den Bereichen Open Data und Smart City verfügen.


Möchten Sie im Bereich Dateninfrastruktur, Datenpolitik etwas bewegen? Das E-Government-Institut der Berner Fachhochschule unterstützt Sie mit Tools und Methoden in der Konzeption, Implementierung und Evaluation datenbasierten Innovationsvorhaben und in der Formulierung strategischer Stossrichtungen. Unsere Erfahrung basiert auf internationalen Forschungs- und Entwicklungsprojekten und Dienstleistungen auf lokaler Ebene innerhalb der Schweiz.


Referenzen

Bundesrat (2017): Auf dem Weg zu einer Datenpolitik des Bundes. Medienmitteilung des Bundesrates vom 22.03.2017
Deloitte (2015): Smart Cities. How rapid advances in technology are reshaping our economy and society, Version 1.0
EU-Kommission (2017a): eGovernment Benchmark 2017. Taking stock of user-centric design and delivery of digital public services in Europe
EU-Kommission (2017b): Digitaler Binnenmarkt. Hindernisse beseitigen – Online-Potenzial ausschöpfen
EU-Kommission (2018): «Data Protection», Website der Europäischen Kommission
KPMG (2016): Der öffentliche Sektor auf dem Weg zu Big Data? Mit Daten Werte schaffen, Sonderausgabe für die öffentliche Verwaltung
OECD (2015): Data-driven innovation for growth and well-being
OECD (2018): Embracing Innovation in Government. Global Trends 2018
Open Data Institute (2018): Using open data to deliver public services
Swiss Data Alliance (2017): Swiss Data Alliance. Für eine zukunftsorientierte Datenpolitik in der Schweiz

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«Der offene Ansatz hat eine enorme Kraft» – Interview B. Estermann Teil I

Daten sind der Rohstoff des digitalen Zeitalters. Museen, Bibliotheken und Archive verfügen über grosse Mengen an Informationen. Während manche Länder diesen Datenschatz schon der Öffentlichkeit zugänglich machen, hinkt die Schweiz im Bereich Open GLAM hinterher, sagt Beat Estermann Forscher am BFH-Zentrum Digital Society und Gründer der OpenGLAM-Arbeitsgruppe von opendata.ch im ersten Teil unseres Interviews.

SocietyByte: Was verbindet Sie mit der Open-GLAM-Community, sind Sie im Herzen ein Hacker?

Beat Estermann: Ich bin selber kein Programmierer, hatte aber schon seit meinem Erststudium als Übersetzer immer wieder Berührungspunkte mit der IT. Ab 2000 habe ich beispielsweise im Rahmen eines Studierendenprojekts den Internetauftritt der Soziologie-Fachschaften der Universitäten Zürich, Basel, Bern und Genf mitgestaltet. Damals war gerade die Auszeichnungssprache XML entwickelt worden, mit der wir die Website bauten. Aber ich habe mich bald wieder auf Inhalte fokussiert und in meinem Masterstudium in Public Management die offene Produktionsweise, wie sie bei der Entwicklung von Open-Source-Software oder bei der Wikipedia anzutreffen ist, unter ökonomischen Gesichtspunkten untersucht. Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts der Berner Fachhochschule zum Thema „Senioren und Online-Communities“ besuchte ich dann erstmals auch Veranstaltungen der Wikimedia-Community. Das war um das Jahr 2010, als die Wikimedia-Community gerade damit begonnen hatte, systematisch die Kooperation mit Gedächtnisinstitutionen zu suchen.

Wie haben Sie die Verbindung zwischen BFH und Open Data und Open GLAM entwickelt?

Zwischen Open-Government-Data (OGD) und Open GLAM gibt es viele Parallelen; die Bereiche befruchten sich wechselseitig. In der Schweiz ist die Open-Data-Bewegung etwa 2010 entstanden. Ich war dort von Beginn weg involviert und habe das Thema ans E-Government-Institut gebracht. 2012 betreute ich eine Studierendenarbeit über Schweizerische Gedächtnisinstitutionen. Diese Pilotstudie erwies sich als wichtiger Türöffner, denn sie brachte das Thema den Institutionen näher. Das war quasi die Pilotstudie für die grössere Studie im Rahmen meiner Dissertation. Klassischerweise befasst sich die BFH mehr mit E-Government-Themen als mit dem Bereich der Gedächtnisinstitutionen; die Open-GLAM-Thematik passt aber sehr gut zum BFH-Zentrum Digital Society. Seit letztem Jahr bekommen wir auch vermehrt Aufträge aus dem Open-GLAM-Bereich, so zum Beispiel von Memoriav oder der Schweizerischen Nationalbibliothek.

Neben diesen Beratungsaufträgen widmen Sie sich auch der Forschung. Welches sind Ihre aktuellen Projekte?

Neben einem kleineren Forschungsmandat zum Thema Langzeitarchivierung publiziere ich die Ergebnisse meiner vergleichenden Studie über die Gedächtnisinstitutionen in zehn Ländern. Es geht um die Art und Weise, wie die Gedächtnisinstitutionen mit neuen Trends rund um das Internet umgehen.

Dabei fanden Sie heraus, dass die Schweiz im internationalen Vergleich hinterherhinkt bzw. im hinteren Mittelfeld liegt. Was machen die führenden Länder im Open-GLAM-Bereich besser?

Ein grosser Unterschied liegt im Umgang mit föderalen Strukturen. Interessanterweise ist der Heritage-Sektor zum Beispiel auch in den Niederlanden kleinteilig und bei kleineren Institutionen stark auf Freiwilligenarbeit ausgerichtet. Da unterscheiden sich die beiden Länder nicht so stark. Aber die E-Partizipation-Kultur ist dort viel weiter entwickelt als in der Schweiz. Wir haben von jeher eine demokratische Partizipationskultur, die weitgehend ohne Internet auskommt. In vielen EU-Ländern wurde erst mit dem Aufkommen des Internets der Ruf nach mehr Bürgerpartizipation laut. Hinzu kommt, dass sich Gedächtnisinstitutionen in anderen Ländern wie Brasilien oder der Ukraine im Durchschnitt erst recht spät eine Internetpräsenz zugelegt haben, und dann oftmals gleich im Web 2.0. Die Schweizer Institutionen waren zwar früher dran, haben aber ihre Homepages nicht ins Web 2.0 übertragen – die Seiten vieler Institutionen sind daher nicht interaktiv.

Auf welche Weise unterstützt der Staat in den Niederlanden – die in Ihrer Studie die Nase vorn haben – die Open-GLAM-Bewegung?

Das kann ich so direkt nicht sagen. In einem früheren Projekt habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass in den Niederlanden die Zentralregierung recht schnell einspringt und die Federführung übernimmt, wenn es um landesweite Ziele geht. Wenn die Umsetzung nach ein paar Jahren läuft, zieht sich die Regierung wieder zurück. So kommen die Niederlande schneller vorwärts.

Der Bundesrat hat im vergangenen Jahr die Strategie „Digitale Schweiz“ verabschiedet. Wie schätzen Sie diese ein?

Die Strategie gibt die allgemeine Stossrichtung vor, aber sie enthält keine Budgets. Über die Budgets müssen die verschiedenen Akteure selbst entscheiden. Ähnlich zahnlos wurde vor zwei Jahren auch die Open-Government-Data-Strategie des Bundes verabschiedet, bei der ebenfalls die Kantone nicht beteiligt sind. Man wartet jetzt ab, wie die einzelnen Kantone darauf reagieren.

Was treibt den Prozess abseits der Politik voran?

Zu den Treibern zähle ich den Verein opendata.ch, das Schweizer Chapter von Open Knowledge International, Creative Commons mit offenen Lizenzen und die Wikimedia-Bewegung. Hinzu kommen innovative Institutionen, welche neue Ansätze ausprobieren. Sie zeigen, wie Crowdsourcing funktioniert, dass Open-Content funktioniert und auch ökonomisch eine Bedeutung hat. Zum Beispiel hat Wikipedia innerhalb nur eines Jahrzehnts im Marktsegment der allgemeinen Enzyklopädien die Grossen aus dem Markt gedrängt. Dieser offene Ansatz hat eine enorme Kraft. Zudem hat die Wikimedia-Community ab 2008 damit begonnen, Gedächtnisinstitutionen direkt zu kontaktieren und ihnen klarzumachen: wir machen im Internet grundsätzlich dasselbe, wir vermitteln kulturelle Inhalte und Wissen.

Diese Entwicklung wurde sicherlich durch die Digitalisierung beschleunigt?

Zu den Trends, die das Internet möglich macht, gehören User-Partizipation, Social Media Crowdsourcing und kollaboratives Arbeiten. Diese Entwicklungen sind nicht grundsätzlich neu. Partizipative Ansätze gibt es schon lange. Der Einbezug von Freiwilligen war zum Beispiel im Bereich der Archäologie lange Gang und Gäbe. Doch dieser Bereich wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend professionalisiert; man wurde vorsichtiger, arbeitete mehr und mehr nach wissenschaftlichen Standards und schloss Laien von vielen Aufgaben aus. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte von Museen anschaut, war ihr Ursprung meist das Hobby oder die Leidenschaft eines Einzelnen. Danach ist aber oftmals eine Professionalisierung zu beobachten. Mit dem Aufkommen des Internets wird nun die Frage nach neuen Beteiligungsmöglichkeiten gestellt; zum Beispiel um externes Expertenwissen zu speziellen Themen zu erschliessen, das in den Gedächtnisinstitutionen selbst nicht vorliegt. So hat sich beispielsweise die ETH Bibliothek an ehemalige Mitarbeiter der Swissair gewendet, um die Metadaten der Fotobestände der Fluggesellschaft zu ergänzen.

Ist aus den partizipativen Trends heraus die Open-GLAM-Bewegung entstanden (oder hängt sie vielmehr mit der Hacker-Kultur zusammen)?

Solche Entwicklungen kommen immer schubweise. Im Bereich Open Data sagen manche, dass die Ursprünge im wissenschaftlichen Bereich bis in die 1950er Jahre zurückgehen. Sicher gab die Open-Source-Bewegung einen wichtigen Impetus. Dabei haben sich Computerprogrammierer an US-amerikanischen Universitäten ab den 1970er Jahren zusammengetan, um ihre Software auszutauschen. Andererseits gab es schlaue Leute wie Bill Gates, die wollten sich für ihre Software bezahlen lassen. Beides passte nicht zusammen. Seitdem haben wir im Bereich der Software zwei Paradigmen: Proprietäre Software, bei der sich oftmals Quasi-Monopole herausbilden, und Open Source Software. Wobei die Open-Source-Bewegung die Monopole zum Teil unterläuft  und eine Wettbewerbssituation herstellt. Die Gesellschaft profitiert von diesem Wechselspiel.

Neben den Gedächtnisinstitutionen verfügt auch der Staat über grosse Datenmengen. Wie öffnet der Staat diese?

Ausgehend vom Transparenzgebot und vom Informationsfreiheitsgesetz, welches den BürgerInnen den Zugang zu staatlichen Unterlagen zusichert, entwickelte sich die Idee, nicht einfach PDFs zu veröffentlichen, sondern die Daten in Formaten bereitzustellen, die einfach weiterverwendet werden können. Das ist die OGD-Idee. Wichtigen Anschub gaben Grossbritannien und die erste Obama-Administration, die OGD ab 2009 sehr hoch hängten. Das schwappte über die G8-Staaten auf andere über, die in der Folge OGD-Gesetze bzw. OGD-Strategien verabschiedeten. Seither erfolgt deren Umsetzung, die je nach Kontext und Organisationskultur sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Ist es eine Frage des Glaubens oder der Einstellung?

In meiner Wahrnehmung gibt es unter den Gedächtnisinstitutionen wie auch unter den Verwaltungsstellen welche, die eher innovationsaffin sind. Von diesen wird erwartet, dass sie sich als Erste bewegen. Das können beispielsweise Institutionen sein, die an namhafte Forschungs­institutionen gekoppelt sind, wie die ETH-Bibliothek. Da sind die Erwartungen der Nutzer hoch und die Community schaut genau hin: „Was machen die First Movers?“ – Ich denke, es gibt eine ganze Reihe von Institutionen, die niemals zu den Vorreitern gehören werden, da sie genau wissen, wem sie zuerst über die Schulter schauen können, bevor sie sich selber bewegen.


Zur Person

Beat Estermann ist stellvertretender Leiter des Schwerpunkts «Open & Linked Data» am E-Government-Institut der Berner Fachhochschule. Er forscht im Themenbereich Open Data und OpenGLAM, d.h. Open Data und Crowdsourcing in Gedächtnisinstitutionen. Zudem koordiniert er die schweizerische OpenGLAM- Arbeitsgruppe des Vereins opendata.ch und die eCH-Fachgruppe Open Government Data.

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Hacken erwünscht

In Archiven, Bibliotheken und Museen schlummern grosse Datenschätze, die im digitalen Zeitalter aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. Wie aus den alten Daten neue Anwendungen entstehen, zeigten Programmiererinnen und Programmierer am „#ZACK – Zürcher Archiv Hackday“. Dafür stellten die beteiligten Archive umfangreiches Text- und Bildmaterial zur Verfügung.

Seit Jahrhunderten sammeln Menschen Akten, Unterlagen, Bilder und andere Artefakte, welche ihr Leben und die Welt um sie herum dokumentieren. Diese Daten und Artefakte werden in Gedächtnisinstitutionen für die kommenden Generationen aufbewahrt und dem interessierten Publikum zugänglich gemacht. Die OpenGLAM-Bewegung engagiert sich im Sinne der Open-Data-Philosophie dafür, dass die Daten und digitalisierten Artefakte aus Gedächtnisinstitutionen („GLAM“ ist Englisch und steht für „Galleries, Libraries, Archives and Museums“) soweit wie möglich im Internet frei verfügbar gemacht werden, damit sie von interessierten Nutzern für diverse Zwecke weiter­verwendet werden können. Am Schweizer Archivtag am 9. Juni  öffneten die Zürcher Archive daher nicht nur ihre Türen, sondern auch gleich einen Teil ihrer Daten und luden Software Programmierer, Digital Humanists, Wikipedianer und andere Geschichts- und Kulturinteressierte dazu ein, diese in unterschiedlichsten Formen weiterzuverwenden. Daneben stellten die Archive im Rahmen einer Vortragsserie verschiedene Pilotprojekte vor.

Dass diese Öffnung der Bestände leider noch nicht überall Common Sense ist, zeigte Beat Estermann, stellvertretender Leiter des Forschungsschwerpunkts Open & Linked Data am E-Government-Institut der Berner Fachhochschule und Gründer der OpenGLAM-Arbeitsgruppe Schweiz. Auf der Basis einer Umfrage bei Gedächtnisinstitutionen in neun Ländern untersuchte er, inwieweit die Gedächtnisinstitutionen ihre Daten und Digitalisate heute bereits zur freien Weiterverwendung bereitstellen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind zum Teil beträchtlich, wobei die Niederlande generell die Nase vorn hat, während sich die Schweiz im hinteren Mittelfeld tummelt. Allerdings ist der Anteil an Inhalten, die durch Dritte frei genutzt werden dürfen, im Vergleich zu den Gesamtbeständen heute in allen Ländern noch gering. Binnen der nächsten fünf Jahre werde sich diese Situation jedoch grundlegend ändern, ist sich Estermann sicher, denn viele Archive gäben an, künftig einen substantiellen Teil ihrer Bestände für die Weiterverwendung freigeben zu wollen.

Er formuliert fünf Prinzipien, die Institutionen erfüllen müssten, damit OpenGLAM funktioniert:

  1. Metadaten sollen ohne Nutzungsbeschränkungen online veröffentlicht werden.
  2. Auch bei gemeinfreien Werke, welche online publiziert werden, sollen keine Nutzungsbeschränkungen geltend gemacht werden.
  3. Bei der Publikation von urheberrechtlich geschützten Inhalten soll mittels standardisierter Lizenzen deutlich gemacht werden, wie die Inhalte weiterverwendet werden dürfen.
  4. Um die Weiterverwendung zu erleichtern, sind Daten und Inhalte in maschinenlesbarer Form und in Open-Source-Dateiformaten zu veröffentlichen.
  5. Die neuen Partizipationsmöglichkeiten, die sich durch das Internet ergeben, sollen gefördert werden.

Als Hauptgründe, weshalb sich viele Institutionen bei der Freigabe von digitalisierten Inhalten im Netz noch etwas zurückhalten, nennt Estermann das Urheberrecht, den Extraaufwand und die technischen Voraussetzungen, die es erfordert, analoge Dokumente zu digitalisieren, sowie die Angst vor dem Kontrollverlust seitens der Institutionen.

Eine Vorreiterrolle, wenn es um die Verbreitung der Open-Data-Philosophie in der öffentlichen Verwaltung geht, nimmt Open Data Zürich ein. Die Dienststelle ist bei der Stadt Zürich für die Umsetzung von Open Government Data zuständig und macht seit einigen Jahren einen wachsenden Teil von Daten der Zürcher Stadtverwaltung unter offenen Lizenzen zugänglich und unterstützt auch immer wieder Hackathons, um deren Nutzung zu fördern. „Wir verfügen über grosse Datenmengen über die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Zürich, von den Beförderungszahlen der Zürcher Verkehrsbetriebe über Eheschliessungen und Taufen bis hin zu den registrierten Hunden und wie sie heissen“, sagt Marco Sieber, Projektleiter Statistik bei der Stadt Zürich. Er gab in seiner Präsentation einen anschaulichen Einblick über den Datenschatz. Zudem veröffentlichte Open Data Zürich eigens für den Hackday Datensätze, darunter die Ehe- und Taufbücher des Grossmünsters von 1708 bis 1732, das Bildarchiv des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks sowie Fahrpläne der Tösstalbahn.

Auch andere Archive und Initiativen wie Histhub oder TOPOterm stellten ihre Projekte und Daten vor. Dodis verfügt etwa über die Diplomatischen Dokumente der Schweiz und stellt diese in gedruckter und digitalisierter Form zur Verfügung. Eine Teilnehmerin des letztjährigen Schweizer Kulturhackathons stellte zudem eine Online-Applikation mit Daten des Verbandes Schweizerischer jüdischer Fürsorgen VSJF aus dem Archiv für Zeitgeschichte vor, welche die Bewegungen jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz im Laufe des 20. Jahrhunderts visualisiert.

Die meisten Institutionen besitzen Originaldokumente und suchen nach einer technischen Lösung, wie sie diese in geeignete Dateiformate umwandeln können. Ein besonders kniffeliges Beispiel, die Handschriftenerkennung beim Projekt READ (Recognition and Enrichment of Archival Documents), stellte Tobial Hodel vom Staatsarchiv Zürich vor. Mittels Software werden historische Aufzeichnungen wie gedruckte Texte eingelesen und in Dateien umgewandelt. Dabei setzen die Forscher auf neuronale Netzwerke. „Allerdings müssen die Maschinen noch viel lernen; neu gibt es eine Software, die Frakturschrift erkennen kann“, erläuterte Hodel. Derzeit sei die Fehlerquote noch relativ hoch, sinke aber, je länger die Texte seien: Bei 150 Seiten liege die Quote bei 10 Prozent, bei 1000 Seiten um 3 Prozent. Das Problem sei, dass handschriftliche Texte meist keinen gleichbleibenden Schemen folgten. Randnotizen und Fussnoten erschweren die Erkennung weiter. Als Beispiel zeigte Hodel einen Brief des Dichters Rainer Maria Rilke, den der Algorithmus in eine Datei umwandelte – der Text war aufgrund der vielen Erkennungsfehler jedoch unlesbar.

Das Staatsarchiv stellte denn auch einen Datensatz von Rilkes Aufzeichnungen zur Verfügung, an dem ein Hackerteam arbeitete und die dazugehörigen Metadaten anreicherte und visualisierte. Andere Teams programmierten unter anderem ein Tool, das die Eheschliessungen in Zürich visualisiert, welche grafisch einer Spinne ähnlich sehen. Thomas Weibel, Multimediaproduzent an der BFH  und an der HTW Chur, verwandelte Fotos des Usterner Unternehmers und Fotografen Julius Guyer (1893-1909) in den Prototypen eines Memorys.

Hintergrund:

Der Zürcher Hackday ist ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschschweizer Archiven, der Arbeitsgruppe OpenGLAM des Vereins opendata.ch und Wikimedia CH. Organisiert wurde der Anlass von Tobias Hodel vom Staatsarchiv Zürich  und Karin Beck vom Stadtarchiv Zürich in Zusammenarbeit mit Vertretern von vier weiteren Archiven (Sozialarchiv, Stadtarchiv Uster, Stadtarchiv Winterthur, Schweizerisches Literaturarchiv), welche für den Anlass eigene Daten bereitstellten. Der Hackday ist einer der Pre-Events zum Swiss-Open-Cultural-Data-Hackathon, der am 15.-16. September an der Universität Lausanne stattfindet.

 

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«Das Design von Bürger- und Unternehmensdiensten bleibt eine wichtige Aufgabe im E-Government»

Prof. Dr. Klaus Lenk spricht über die Probleme und Herausforderungen im heutigen E-Government wie auch von Marketing in der öffentlichen Verwaltung und der Bedeutung von gutem Serviceengineering.

Interview: Reinhard Riedl

Was sind die Probleme im heutigen E­-Government?

Die Durchdringung der Gesellschaft mit immer neuen Formen der Nutzung von Informationstechnik hält uns gegenwärtig so sehr in Atem, dass die zum Teil seit Jahrzehnten bekannten Formen der Nutzung dieser Technik für eine besser ansprechbare, effektivere und effizientere Verwaltung darüber fast in Vergessenheit geraten sind. So sind die organisatorischen Gestaltungspotenziale der Informationstechnik für einen besseren Bürgerservice und für reibungslosere Kommunikation zwischen öffentlicher Verwaltung und der Wirtschaft noch lange nicht ausgeschöpft. Shared-Service-Zentren und Dienstleistungen aus einer Hand in One-Stop-Läden oder -Portalen sind bei Weitem nicht so verbreitet, wie wir dies vor einem Vierteljahrhundert, vor der Ausrufung des E-Governments, für möglich gehalten und erwartet haben. Und die Aussicht auf eine Entlastung der Unternehmen von den zahlreichen Informationspflichten gegenüber öffentlichen Stellen, die mit einem 2009 in Deutschland entwickelten Konzept direkt aus den ERP-Systemen dieser Unternehmen möglich wäre, ist leider mangels weitblickender Finanzierung geschrumpft zu einem «Prozessdatenbeschleuniger», dem man kaum noch ansieht, wozu er gut sein kann.


Sie haben in Vorträgen empfohlen, die Unternehmerbrille aufzusetzen. Das passiert offensichtlich selten. Warum ist das so schwierig?

Das gerade erwähnte Beispiel zeigt, dass die Entwicklung von Anwendungssystemen immer noch eine technische Schlagseite hat. Der Nutzen einer «Compliance Engine», die den Unternehmen lästige Pflichten abnimmt, könnte alles in den Schatten stellen, was an Bürokratieabbau bislang geleistet wurde. Das gelingt aber nicht mit einem technisch ausgereiften System allein. Zu wenig wird gesehen, dass organisatorische Vorkehrungen erforderlich sind, die auf eine Vernetzung unter Beteiligung aller Stellen hinauslaufen, welche die Unternehmensdaten erhalten sollen. In den Frühzeiten der Informatisierung war die Vernachlässigung der organisatorischen Aspekte verständlich, denn die technischen Anteile der Systeme mussten überhaupt erst einmal zum Laufen gebracht werden. Aber die techniklastige Entwicklungskultur hat sich verfestigt. Man ist davon überzeugt, dass neue Technikanwendungen in jedem Fall segensbringend sind. Dabei glaubt man zu wissen, was die Unternehmen oder die Bürger brauchen, und schaut daher nicht genauer hin. Es fehlt die Kenntnis der tatsächlichen Lebenslagen bzw. Unternehmenssituationen, aus denen heraus öffentliche Dienste in Anspruch genommen werden.

Hinzu kommt, dass wir zunehmend in eine Welt der Zahlengläubigkeit hineinwachsen, einfach deswegen, weil die Daten vorliegen.


klaus-lenkProf. Dr. Klaus Lenk
ist nach juristischer Ausbildung und verschiedenen Tätigkeiten, unter anderem im Wissenschaftsdirektorat der OECD, seit 1975 Professor für Verwaltungswissenschaft an der Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Verwaltungsinformatik, Verwaltungsorganisation und Technikgestaltung. Er ist Fellow der deutschen Gesellschaft für Informatik, für die er vor seiner Emeritierung 2005 in verschiedenen Funktionen tätig war, sowie Mitbegründer des Institute for eGovernment an der Universität Potsdam. Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren, unter anderem am Netherlands Institute for Advanced Study (NIAS) und an den Universitäten Edinburgh, Linz und Krems/Donau, sind ebenfalls Teil seiner Laufbahn. Für seine praxisbezogene wissenschaftliche Tätigkeit wurde ihm 2012 das deutsche Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen.



Einige der von Ihnen genannten Probleme werden in Unternehmen von der Marketingabteilung gelöst. Bräuchte es auch ein
E-­Government­ Marketing?

Die Unterschiede des öffentlichen Sektors zur Wirtschaft liegen darin, dass in der Wirtschaft Versäumnisse im Marketing unmittelbar auf die Erfolgslage durchschlagen. An sich sollte es auch im öffentlichen Sektor eine Selbstverständlichkeit sein, Angebote auf die Abnehmer zuzuschneiden, sodass diese auch für sich selbst einen Nutzen davon haben. Aber leider wird Marketing in vielen Verwaltungen immer noch ganz eng als ein Verkaufen von nun einmal vorhandenen Dingen gesehen. Dabei sollte Marketing bereits in der Konzeptionsphase dieser Dinge handlungsleitend sein.

Im klassischen Marketingmix von «promotion», «product», «place» und «price» geht es nicht nur um «promotion» (Verbreitung der Kenntnis von Angeboten), sondern zuerst um das «product», das vermarktet werden soll, also um die Produktgestaltung. Ferner spielt der «place» eine Rolle, heute im Sinne der Gestaltung der Art und Weise des Angebots und der – digitalen wie auch physischen – Vertriebskanäle. Und der «price» ist auch für öffentliche Angebote zum Nulltarif ein Gesichtspunkt für die Gestaltung, nämlich wenn es um den nötigen Aufwand geht, um das Produkt zu erlangen; auch wenn die Leistung gratis erscheint, können Bürokratiekosten entstehen. Verwaltungen bedenken diese Zusammenhänge normalerweise nicht, und das sollte sich ändern.


Was ist mit dem neuerdings immer mehr propagierten Servicedesign bzw. Serviceengineering gemeint?

Die ganzheitliche Planung des gesamten Lebenszyklus von öffentlichen Diensten aus einem Marketingverständnis heraus ist möglich, wenn man neuere Ansätze zu einem Serviceengineering in den öffentlichen Sektor einführt. Serviceentwicklung kann geplant werden, wobei es nicht nur um ihren technisch realisierbaren Teil geht. Das gesamte Anwendungssystem, das in der Regel ein soziotechnisches System ist, muss im Hinblick auf die spätere Nutzung und den dabei erwünschten Komfort gestaltet werden. Was dabei technisch erledigt oder unterstützt wird, sollte im Vorhinein festgelegt werden. Manches, etwa das Erklären von Zusammenhängen oder das Eingehen auf Kundenwünsche, können Menschen immer noch besser als Maschinen …

Nach dieser konzeptionellen Arbeit, die am besten von den Verwaltungen selbst am runden Tisch zusammen mit Organisatoren und Ingenieuren geleistet werden sollte, folgt die nicht weniger schwierige Phase der Umsetzung. Die technische und organisatorische Implementation neuer Dienstleistungen darf nicht dem Zufall überlassen werden. Auch sie muss designt werden. Und der anschliessende Übergang in den Routinebetrieb ist besonders schwierig; nach vollbrachter Implementation legen vor allem Verwaltungsspitzen gern die Hände in den Schoss. Wie uns viele Fallstudien über «erfolgreiches Scheitern» von Systemen lehren, geht es dann aber erst richtig los mit den Schwierigkeiten. Es braucht ein Anlaufmanagement, und es muss darauf geachtet werden, dass eine Weiterentwicklung im laufenden Routinebetrieb, ein Design-in-Use, möglich bleibt. Ein immer wieder begangener Fehler liegt darin, sofortige Einsparungen zu erwarten, obwohl diese erst nach geraumer Zeit im Alltagsbetrieb anfallen und dann nicht mehr beachtet werden.


Oft hapert es im E­-Government mit dem Anforderungsverständnis. Was ist dabei die Herausforderung, und wie geht man am besten damit um?

Nicht nur Anforderungen an das technische System, sondern auch die von der Informatik gern als extrafunktional bezeichneten Anforderungen an das gesamte soziotechnische Anwendungssystem müssen erhoben werden. Dies erfordert ein Zusammenwirken von Organisatoren und Technikern. Im Einzelnen halte ich oftmals die Anforderungen an die Vertriebsformen, die Distributionskanäle, die Verständlichkeit der Angebote für unzureichend ermittelt. Das hat mit der Bestimmung der Zielgruppen zu tun, an die sich das Angebot richtet. Man muss Wege finden, auf denen diese Zielgruppen auch wirklich erreicht werden können.


Wie kommt man zur Identifikation der Zielgruppen?

Im Falle von Bürgerdiensten können Zielgruppen zunächst nach vorliegenden Erkenntnissen der Sozialforschung identifiziert werden. Schon vor Jahrzehnten wurden in Bezug auf den Umgang mit der Verwaltung Bürgertypen herausgearbeitet. Dabei zeigte sich, dass nur etwa ein Fünftel der Bürgerinnen und Bürger als «verwaltungskompetent» eingestuft werden kann. Andere lassen sich im Umgang mit Verwaltungsstellen oft von Bekannten helfen, die sie selbst als kompetent einschätzen. Das Ersetzen von Amtswegen durch Onlineangebote ändert an den Schwierigkeiten der weniger kompetenten Bürger nur wenig, solange in ihrer Sprache keine ausreichenden Erklärungen verfügbar sind, die ihrem Verständnishorizont entsprechen.


Wenn man Zielgruppen definiert hat, was gilt es dann beim Serviceentwurf besonders zu beachten?

Man sollte sich davor hüten, allein selig machende Wege zu propagieren oder, wie die deutsche Steuerverwaltung, Unternehmern das Einreichen von Umsatzsteuererklärungen auf Papier zu verbieten. Man hatte dabei wohl ein Bild des Unternehmers mit mehreren Mitarbeitenden vor Augen. Aber auch Menschen wie ich selbst mit einem kleinen Nebenverdienst und ohne Mitarbeiter sind Unternehmer im steuerrechtlichen Sinn. Warum soll ihnen die Wahlfreiheit genommen werden? Ein Zugang auf mehreren Kanälen ist in vielen Fällen sinnvoll, und er sollte nicht behindert werden, auch wenn der physische Kanal mehr kostet. Aber entscheidend ist, dass die Zugangskanäle auf die Bedarfe zugeschnitten werden, die sich auch ändern können. Nicht allen Zielgruppen ist mit einer an Lebenslagen ausgerichteten Bündelung von Angeboten in One-Stop-Frontoffices gedient.


Bislang galten Lebenslagen als Zaubermittel. Auch in Zukunft?

Als erste Orientierung sind statisch konzipierte Lebenslagen sicher sinnvoll. So kann man alle Pflichten und Leistungen, die in einer bestimmten Lebenslage wie der Geburt eines Kindes oder der Aufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit in Betracht kommen, in einen «Lebenslagenantrag» zusammenfassen. Damit käme man dem Grundsatz «Anliegen vor Leistung vor Zuständigkeit» schon näher. Aber reicht das? Jede individuelle Lebenslage ist im Grunde eine andere, und man kann sie kaum vorhersehen. Versucht man sie auf Grund vorhandener Daten vorzustrukturieren, dann ist das auch keine Garantie dafür, es den Menschen recht zu machen. Verwaltungen können sich oft kaum vorstellen, wo der Schuh drückt. Bei einer Untersuchung der Bürokratiebelastung von Eltern eines behinderten Kindes waren wir regelrecht erschrocken darüber, dass die Elternvertreter und die Vertreter beteiligter Verwaltungen völlig unterschiedliche Sichten entwickelten zu unserem Vorschlag, eine Art Fallmanager einzuführen, um die Belastung zu reduzieren.


Die Hochschulen rund um den Bodensee setzen ihre Hoffnung auf Open Government. Was wird das bringen?

So gut wie nichts für das zentrale Ziel von E-Government: eine bessere, weniger belastende und belästigende Verwaltung. Open Government wirkt eher kontraproduktiv. Es hält die Verantwortlichen davon ab, ihre Geschäftsprozesse zu verbessern, im Sinne einer kreativen Nutzung des organisatorischen Gestaltungspotentials von E-Government für effektiveren, bürokratiesparenden und effizienteren Service. Und es schafft der Verwaltung zusätzliche Arbeit, deren Nutzen noch nicht erwiesen ist. Der Druck der kritiklos nachgebeteten Ziele von Open Government (Transparenz, Partizipation, Kollaboration) ist so stark, dass die Verwaltungen nachweisen müssen, etwas zu tun, um nicht an den Pranger gestellt zu werden.


Sie kennen das Schweizer E-­Government gut. Was sind die drei wichtigsten Empfehlungen, die Sie der Schweiz dazu geben können?

Eigentlich ist es nur eine Empfehlung: Weiter so, und lassen Sie sich von EU-Rankings und den zweimal jährlich ausgerufenen neuen technikbezogenen Moden nicht beirren! Bei zwei Evaluationen der Informationsgesellschaft Schweiz 2002 und 2008 konnte ich feststellen, das viel mehr vorhanden als international bekannt war. Das liegt an der föderalen Grundstruktur, die dazu führt, dass gute Entwicklungen auf Gemeinde- und Kantonsebene draussen schlicht nicht wahrgenommen werden. Mit dem Ausspruch «Mehr Sein als Scheinen» kennzeichnete ich damals die Lage in der Schweiz.

Deutschland hat mit seinem Exekutivföderalismus und den oft bemerkenswerten Innovationen der grossen Städte das gleiche Problem mangelnder Sichtbarkeit guter Lösungen, löst es aber seit einigen Jahren nicht nur durch eine – anfänglich recht grossspurige und überzogene – Rhetorik der Bundesebene, die kaum exekutive Verwaltungsaufgaben wahrnimmt, sondern auch organisatorisch. Hier sticht die Gründung des IT-Planungsrats 2010 hervor, auf der Grundlage einer Verfassungsänderung, die ein Zusammenwirken von Bund und Ländern beim Aufbau der IT-Systeme explizit erlaubt. Ein vergleichbares Gremium für die Schweiz wird im Rahmenkonzept «Vernetzte Verwaltung Schweiz» (eCH 0126) gefordert, an dem ich mitarbeiten durfte.

Auf seiner Grundlage kann es zu einer gesamtschweizerischen Verwaltungsarchitektur kommen, bei der die föderalen Strukturen und die kommunale Selbstverwaltung nicht nur bewahrt, sondern letztlich gestärkt werden. Der entscheidende Hebel dafür ist die Bereitschaft und auch die Fähigkeit, auf und zwischen allen staatlichen Ebenen intensiv zu kooperieren.

Die in diesem Dokument in Vordergrund stehende Sicht auf die Geschäftsprozesse der Verwaltung soll verdeutlichen, dass alle Beteiligten aus intensiver Kooperation Nutzen ziehen. Gebietsreformen und Zuständigkeitsänderungen sind nicht erforderlich, um die organisatorischen Gestaltungspotenziale von E-Government in den Dienst einer neuen Architektur der Exekutive zu stellen. Denn einzelne Geschäftsmodule, zum Beispiel Identitätsfeststellung, können konzentriert bearbeitet und in lokale Geschäftsprozesse mit nur geringen Fallzahlen eingefügt werden. Das kann zu Einsparungen führen, zur Schaffung von Shared Service Zentren und zu einem Bürgerservice «Alles aus einer Hand».

Was in dem genannten Dokument noch nicht so deutlich angesprochen wird, ist die Notwendigkeit gesamtschweizerischer Infrastrukturen. Erwähnt sind übergreifend nutzbare Prozessbausteine, aber es geht auch um die Verfügbarkeit von Daten und von Wissen. So sollte auch in der Schweiz, wie in Österreich und in den Niederlanden, über harmonisierte Basisregister betreffend «Erde, Einwohner, Einkommen» nachgedacht werden. Und übergreifend nützliches Rechts- und Faktenwissen könnte in gemeinsamen Einrichtungen des Wissensmanagements bereitstehen.


Unsere traditionelle Abschlussfrage: Wie wird das E­-Government in 25 Jahren aussehen?

Der Zeitraum verführt zu hemmungsloser Spekulation. Ich möchte mich auf 15 Jahre beschränken. Das gestattet mir eine Trendprognose, an die ich aber auch nicht so recht glaube. Im Jahre 2000 erarbeitete ich zusammen mit Kollegen ein Memorandum des Fachausschusses Verwaltungsinformatik der deutschen Gesellschaft für Informatik und der Informationstechnischen Gesellschaft. Es trug den Titel «Electronic Government als Schlüssel zur Modernisierung von Staat und Verwaltung». Enttäuschend für mich ist, dass das allermeiste, was wir darin forderten, noch nicht realisiert ist. Wird das in 15 Jahren anders sein?

Folgt man der kondratievschen Theorie der «langen Wellen» der Wirtschafts- und Technikentwicklung, dann befinden wir uns gegenwärtig in der Abschwungphase des «fünften Kondratievs», der auf der IT aufbaut. Das geradezu verzweifelte Suchen des anlagebereiten Kapitals nach neuen Geschäftsfeldern ist ein Indiz dafür. Was kommt danach? Ich erwarte Umbrüche, die nicht allein mit dem zyklischen Denken in langen Wellen zu erklären sind. Wir stossen an die Grenzen der Nutzung unserer Erde, und die Gesellschaften driften zunehmend auseinander. Daher erwarte ich auch für unseren Bereich, der letztlich mit der künftigen Rolle von Staaten im Weltgeschehen zu tun hat, einschneidende Veränderungen, die wir nicht vorhersagen können. Dabei sollte man aber das Beharrungsvermögen von in der Gesellschaft fest verankerten Institutionen wie Staat und Kommune nicht unterschätzen. Für die Bewältigung vieler noch nicht bekannter Herausforderungen wird eine zwar stabile, aber in ihrer Arbeitsweise von Grund auf transformierte, vernetzte öffentliche Verwaltung eine wichtige Instanz sein.

Vielen Dank für das Interview.

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