Ergänzung statt Ersatz im stationären Langzeitsetting: Wie ein KI-Erinnerungsradio in der Betreuung erlebt wird
Seit Juli 2026 erproben erstmals sieben Schweizer Pflegeinstitutionen das KI-gestützte Erinnerungsradio VRENI in der Betreuung von Menschen mit und ohne Demenz. Erste Rückmeldungen aus den Piloten zeigen, welches Potenzial Fachpersonen darin sehen und welche nächsten Schritte nötig sind.
VRENI – wieso?
Beim Kommunizieren und Interagieren sollen Menschen im Alters- und Pflegeheim (APH) dort abgeholt werden, wo sie „stehen“. Mit ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihren Interessen. Das gilt für alle Bewohnenden. Bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen, insbesondere Demenz, kommt eine weitere Herausforderung hinzu. Unruhe und Agitation sind belastend, sowohl für die Person selbst als auch für die Fachpersonen. Die medikamentöse Behandlung ist eine typische Massnahme. Antipsychotika bei Menschen mit Demenz sind jedoch mit Risiken verbunden (Mok et al. 2024). Die britische Leitlinie NICE empfiehlt deshalb, zuerst psychosoziale und umgebungsbezogene Massnahmen einzusetzen und Antipsychotika nur bei Gefährdung oder starker Belastung anzubieten (NICE 2018). Auch die Schweizer Fachgesellschaften bezeichnen pflegerische und psychosoziale Interventionen als erste Wahl (Savaskan et al. 2014).
Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen. In der Schweiz leben heute rund 166’300 Menschen mit Demenz, bis 2050 dürften es rund 287’800 sein (Alzheimer Schweiz 2026). Derzeitige Prognosen gehen davon aus, dass der Bedarf an Alters- und Langzeitpflegeplätzen bis 2040 um 43 % steigen wird. So bleibt dieser in Zukunft hoch bzw. wird weiter zunehmen (Pahud et al., 2025). Die stationäre Langzeitpflege bildet deshalb ein zentrales Handlungsfeld des Gesundheitswesens. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Er verlangt nach Antworten, die Fachpersonen zum Kommen und Bleiben einladen und ihnen ermöglichen, effizient und gut unterstützt zu arbeiten.
Eine Antwort sind Werkzeuge der digitalen Transformation. Doch wie können digitale Werkzeuge dazu beitragen, die verbleibende Zeit für persönliche Zuwendung wirksam zu gestalten?
Das KI-basierte Erinnerungsradio VRENI versteht sich als ein solches Werkzeug, das die Zeit für Interaktion und Kommunikation wertvoll unterstützen kann. VRENI ist als eine digitale, biografieorientierte Unterstützung in Form eines bildschirmfreien Radios für die Betreuung älterer Menschen in APH konzipiert. VRENI will das Problem lösen, dass biografisches Wissen von älteren Menschen im Pflegealltag oft fehlt oder kaum genutzt wird. Dieses Wissen bietet jedoch Orientierung, Wohlbefinden, personenzentrierte Betreuung und Kommunikation. Davon profitieren besonders Menschen mit Demenz bzw. kognitiven Beeinträchtigungen. Zudem macht VRENI mithilfe von KI Lebensgeschichten, Musik und Sprache für Bewohnende, Pflegefachpersonen und Angehörige nutzbar. Besonders wichtig ist dabei die individuelle Lebensgeschichte. Die Biografie eines Menschen zu kennen, ermöglicht personzentriert zu betreuen. VRENI setzt hier an. Es sammelt Wissen über Rituale, frühere Berufstätigkeit und Vorlieben, dass die Pflege in Interaktion und Kommunikation gezielt aufgreifen kann.
Erkenntnisse aus ersten Piloten
VRENI befindet sich in Entwicklung. Erste Piloten mit Fachpersonen und Bewohnenden geben Hinweise, welche Lücken VRENI im Alltag schliessen kann: Biografisches Wissen wird meist einmal erfasst, aber selten ergänzt. Wer die Biografie kennt, kann Lieder, Geschichten oder andere aktivierende Sequenzen gezielt auf diese abstimmen. Für Bewohnende, die nicht an Gruppenangeboten teilnehmen möchten, stellt VRENI ein Sprachwerkzeug dar, das Gespräch und Aktivierung individuell ermöglicht. Hinzu kommt die sprachliche Vielfalt im Pflegealltag. Bewohnende, deren Muttersprache das Team nicht spricht, sind schwer zu erreichen. Das wiegt umso schwerer, als sich Menschen mit Demenz häufig der zuerst gelernten Sprache zuwenden (Paradis 2004). Für VRENI könnte das bedeuten, dass Fachpersonen ein Werkzeug erhalten, mit dem sie mehr als nur ein Lächeln schenken, da sie Geschichten oder Lieder auch in unterschiedlichen Sprachen anbieten können. VRENI bietet einen sprachbasierten Zugang, was als Chance gesehen wird, etwa für Menschen, die Gespräche mit anderen als belastend oder schambehaftet erleben.
Biografiebögen, Erinnerungskisten, Singgruppen und interaktive Tischprojektoren gehören in vielen APH zum Angebot. Musik auf eine einzelne Person abzustimmen, bleibt laut Fachpersonen dennoch aufwendig, vom Suchen der Lieder bis zum Abspielen im richtigen Moment. Dabei ist die positive Wirkung von Musik gut belegt. Ein Cochrane-Review zeigt, dass musikbasierte Betreuung die Stimmung von Menschen mit Demenz zuverlässig verbessert, mit ersten vielversprechenden Hinweisen auch auf Verhaltenssymptome (van der Steen et al. 2025). Das Schweizer Projekt Musikspiegel berichtet bei biografisch passender Musik von weniger Unruhe, Apathie und Aggression sowie weniger depressiven Symptomen (Zentrum für Gerontologie UZH, 2017–2021). Auch in belastenden Pflegesituationen wie dem Baden zeigt Musik unter den untersuchten Interventionen die stärkste Evidenz (Konda et al. 2026).
VRENI setzt an dieser Lücke an. Das Erinnerungsradio soll den Weg von der Biografie zur personzentrierten Interaktion und Kommunikation verkürzen. VRENI soll ein personalisiertes Angebot für die Pflege sein, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Fazit und Ausblick
Der Bedarf an digitaler Unterstützung in der Pflege wird weiter steigen, da sich immer mehr Menschen weniger Pflegezeit pro Kopf teilen. Entscheidend ist daher, wie solche digitalen Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden können. VRENI bietet den Bewohnenden einen neuen Zugang zu Geschichten, Musik und zur Muttersprache. Für Fachpersonen kann VRENI eine digitale Unterstützung einer personzentrierten Betreuung sein und ein Facilitator in der Interaktion und Kommunikation mit Bewohnenden. Diese ersten Rückmeldungen fliessen laufend in die Weiterentwicklung von VRENI ein. Es braucht nun systematische wissenschaftlich begleitete Studien, um das Potenzial und die Machbarkeit von VRENI für die Betreuung und Pflege des stationären Langzeitsetting umfassend zu verstehen. So kann VRENI bei erfolgreicher Validierung sorgfältig und systematisch pilotiert, evaluiert, das Adoptionsmodell und die Implementierungsstrategie erarbeitet und umgesetzt werden.

Quellen
Alzheimer Schweiz (2026). Demenz in der Schweiz 2026. Zahlen und Fakten. https://www.alzheimer-schweiz.ch/de/ueber-demenz/beitrag/demenz-in-der-schweiz
Konda, V., Arora, T., Kontos, P. et al. (2026). Best Practices for the Design and Evaluation of Bathing Spaces for Older Adults With Cognitive Impairment in Residential Care Settings: A Scoping Review. Journal of the American Medical Directors Association, 27(1), 105971. https://doi.org/10.1016/j.jamda.2025.105971
Mok P L H, Carr M J, Guthrie B, Morales D R, Sheikh A, Elliott R A et al. Multiple adverse outcomes associated with antipsychotic use in people with dementia: population based matched cohort study BMJ 2024; 385 :e076268 doi:10.1136/bmj-2023-076268
NICE (2018). Dementia: assessment, management and support for people living with dementia and their carers (NG97). National Institute for Health and Care Excellence. https://www.nice.org.uk/guidance/ng97
Pahud O, Pellegrini S, Dorn M, Dutoit L, Zufferey J. Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz Aktualisierung der Bedarfsprognosen bis 2040 mit Blick bis 2050. Neuchatel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium; 2025.
Paradis, M. (2004). A Neurolinguistic Theory of Bilingualism. Amsterdam: John Benjamins.
Savaskan, E. et al. (2014). Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der behavioralen und psychologischen Symptome der Demenz (BPSD). SGAP, SGPP, SNG, SFGG u. a. https://www.psychiatrie.ch/fileadmin/SGPP/user_upload/Fachleute/Empfehlungen/BE_Diagnostik_u._Therapie_BPDS_2014.pdf
van der Steen, J. T. et al. (2025). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD003477.pub5. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub5
Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich (2017–2021). Musikspiegel. Forschungsprojekt, Leitung Sandra Oppikofer. https://www.zfg.uzh.ch/de/forschung/forschungsprojekte/musik_alter/Musikspiegel.html
Create PDF

Beiträge als RSS
Dein Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns Deinen Kommentar!