Maschine oder Mensch, das ist die Frage in der Musik

© Österreichisches Kulturforum Bern 8

Ein Bericht vom Symposium «KI als Mozart unserer Zeit am 24.4.2026 in der Kleinen Aula der Universität Zürich – veranstaltet vom Österreichischen Kulturforum, der Universität Zürich und der Berner Fachhochschule.

Eine Veranstaltung zu KI jagt die andere – und trotzdem wissen wir kaum etwas darüber, wie KI derzeit die Welt verändert. Denn fast immer geht es nur um Möglichkeiten oder Risiken der KI-Nutzung. Praktische Veränderungen sind selten ein Thema und kulturelle Prozess fast nie. Und das, obwohl die Kulturforschung gerade in anderen Bereichen spektakuläre Resultate veröffentlicht und gemeinsam mit der Datenwissenschaft einen Zangenangriff auf die Sozialwissenschaften startet.

Wir haben uns deshalb gedacht: wenn die kulturellen Prozesse der digitalen Transformation niemanden interessieren, dann konfrontieren wir die Menschen mit den kulturellen Prozessen der Hochkultur. Nur ist das gar nicht so leicht, so eine Konfrontation zu organisieren. Umso mehr haben wir uns über die Anfrage der Direktorin des österreichischen Kulturforums, Franziska Pfeiffer gefreut! Im Folgenden ein Veranstaltungsbericht.

Wenn über «KI in der Musik» gesprochen wird, steht meist das Komponieren im Zentrum – ganz wie im analogen Leben: Dort ist das Muszieren der Orchestermusiker kein Thema (ausgenommen sie werden beschimpft wie zuletzt in Venedig), Zuhören fast gänzlich unwichtig (man weiss ja, was man hört) und die Kritik weitgehend abgeschafft.

Vielleicht ist das auch gut so, denn der im Publikum anwesende Musikkritiker begriff bis zum Ende des Symposiums nicht, dass es um Musik-Interpretation und nicht um Musik-Komposition ging. In der Folge schimpfte er fürchterlich, dass man das Podium nicht mit Komponisten besetzte hatte – freundlicherweise erst nach dem Apero, um nicht die angeregte Stimmung zu verderben.

Tatsächlich zielte aber das Symposium «KI als Mozart unserer Zeit?» NICHT auf den breit ausgetretenen Trampelpfad der Diskussion über KI-Musik-Kompositionen. Stattdessen ging es ums Zuhören und um das Interpretieren von Musik. Diese Themen werden im öffentlichen KI-Kontext viel seltener angesprochen, sind aber in der wissenschaftlichen Forschung hochaktuell.

Der Gesandte Walter Gehr vom österreichischen Aussenministerium erläuterte zu Beginn die ästhetischen Aspekte des digitalen Humanismus um warum sein Ministerium die Veranstaltung unterstützte.

Danach führte der Pianist Ingolf Wunder vor, wie menschliche Musikinterpretation klingt, und beschrieb die Gefahren, welche die Allgegenwart von Musik mit sich bringt: Sie lässt uns das genaue Zuhören verlernen und macht uns gleichgültig gegenüber dem Unterschied zwischen menschlicher Ausdruckskraft und maschinellem Abspielen von Noten. Für den Pianisten Wunder ist KI ein Werkzeug für das Analysieren und Lernen in der Musik, aber kein Ersatz für menschliche Musiker*innen, denn sie musiziert künstlerische leer und ohne Absicht. Tatsächlich, so meinen viele Expert*innen, ist es bislang auch nicht gelungen, der KI das Imitieren von menschlicher Musikinterpretation auf Spitzenniveau beizubringen. Im privaten Gespräch führte der Pianist dies unter anderem auf die eingeschränkte Qualität der digitalen Tonaufnahmen zurück, die man für das Trainieren der KI benötigt.

Wunder bewegt sich zwischen unterschiedlichen Welten: klassischer Musik, Weiterentwicklung von KI und Unternehmertum. Sein grosses Anliegen aber ist, dem schulischen Musikunterricht wieder mehr Bedeutung zu verschaffen. Immerhin ist in der Schweiz musikalische Bildung nicht freiwillige Kulturpolitik, sondern eine staatliche Aufgabe (Artikel 67a der Bundesverfassung). Zwar wird gelegentlich darüber geklagt, dass die Bürokratisierung des Musikunterrichts bizarre Formen annehme, aber dies ist für mich vor allem ein Beleg mehr für den Wildwuchs bei den staatlichen Aktivitäten zur Kunst. In anderen Bereichen ist man beispielsweise stolz darauf, Projektförderungen zu vergeben, ohne die Gesuche überhaupt zu lesen, weil man ja wisse, wer was könne. In der Sache jedenfalls passt das Engagement des Österreichers Wunder sehr gut zur Schweiz.

Der Informatiker Gerhard Widmer stellte danach den aktuellen Stand der KI-Fähigkeiten in der Musikinterpretation detailliert vor. Die KI ist mittlerweile beim Zuhören so gut, dass es eigentlich keine Umblätterer mehr braucht. Karrieren wie jene des derzeitigen Intendanten des Zürcher Opernhauses, Matthias Schulz, sind damit nicht mehr möglich. Aber es bleibt abzuwarten, wie die User Experience mit der KI sein wird. Einige Apps bieten die Funktionalität bereits an, zum Teil aber auf der Basis von gestischer Steuerung. Jedenfalls kann KI mittlerweile mehr als nur die Noten mitlesen beim Zuhören.

Sie kann beispielsweise auch die menschlichen Emotionen erkennen und einordnen. Und sie schafft es recht gut mit menschlichen Pianisten beim vierhändigen Spiel zusammenzuspielen.  Auch beim selbständigen Interpretieren von Musik hat sie ein beeindruckendes Qualitätslevel erreicht, auch wenn sie noch nicht mit den Allerbesten mithalten kann. Widmer führte auch vor, wie schwer menschliche Pianist*innen von spielender KI zu unterscheiden sind. Nur für das Ersetzen von Musik-Kritiker*innen fehlt ihr schlicht die Fähigkeit, Information zu ignorieren und Dinge kreativ misszuverstehen. Es fehlt, weil sie sie eben ohne Absicht agiert. Aber dies war nicht Thema von Widmers Vortrag. Er schloss mit der Aussage «Machines can learn to compose, produce, “interpret” music…but we don’t have to listen to them

Die Musikwissenschafterin Esma Cerkovnik gab anschliessend einen historischen Überblick über das maschinelle Denken in der Musikgeschichte, beginnend mit Jacques Vaucanson und Julien Offray de la Mettrie. Im Zentrum standen Mozarts Komposition für Spieluhren – ein weiteres aber bislang wenig bekanntes Beispiel für sein musikalisches Genie, denn sie stellen eindrücklich die charakteristischen Eigenschaften des damaligen Abspielinstruments heraus. Das wirft unweigerlich die Frage auf, ob die Geringschätzung maschineller Musik nicht ein peinlicher Snobismus ist. Verstehen wir so viel mehr von Musik als ein Mozart – oder auch nur ein Jean Paul, der vermutlich Mozart zum Komponieren für Spieluhren angeregt hat.

Überhaupt ist Mozart auch heute noch für Innovationen in der Musik gut. Ausgehend von Mozarts Auseinandersetzung mit den Klangeigenschaften damaliger Abspielinstrumente zeigte Cerkovnik auf, dass Prinzipien postmedialer Konzeptkunst durchaus auch im ganz und gar medialen Musikkontext vorstellbar sind. So landete für einmal an diesem Abend die Diskussion doch beim Komponieren – mit KI nicht als Werkzeug, sondern als Inspiration und Thema, was wiederum daran erinnerte, dass wie an so vielen anderen Orten auch die Grenzen zwischen Komposition und Interpretation verwischen.

Die abschliessende Podiumsdiskussion, welche die stellvertretende Botschafterin Franziska Pfeiffer und ich moderierten, ging es um die Frage «Ist KI eine Konkurrenz oder eine Ergänzung für menschliche Musiker?» sowie auch um die Frage, was das Besondere am menschlichen Musizieren ist, im Vergleich mit dem artifiziellem Musikmachen der von Menschen entwickelten KI. Dabei wurden die Aussagen aus den Vorträgen nochmals präzisiert und pointiert und die unterschiedlichen Perspektiven kamen sehr klar zum Vorschein – die von Herzen kommende Unterrichtsmission von Wunder, die wunderbar freie L’art pour l’art Forschung von Widmer und die im aktuellen künstlerischen Zeitgeschehen verankerte Erkenntnis- und Innovationssuche von Cerkovnik.

Elisabeth Ehrensperger, Geschäftsführerin von TA-Swiss, ergänzte das Trio zum Quartett. Sie stellt die Ergebnisse einer Studie vor dem Erscheinen der neuen generativen KI vor und machte klar, wie disruptiv diese generative KI seither wirkte. Einmal mehr wurde uns dabei vor Augen geführt, dass das Technologiemonitoring ein dynamischer Prozess ist, bei dem Themen nicht einfach abgetan werden können mit dem Verweis, dass dazu vor 3 Jahren schon einmal eine Studie gab.

Das Publikum beteiligte sich aktiv an der Podiumsdiskussion. Unter anderem regte eine von der Demo Widmers begeisterte Zuhörerin an, dass man KI auf dem erreichten Niveau sehr gut für den Musikunterricht verwenden könnte. Und auch beim Apero wurde intensiv weiter diskutiert. Manche Missverständnisse konnten bereinigt werden, neue Missverständnisse entstanden. So gut gelaunt und locker das passierte, es bewegte einige Zuhörer*innen stark. Auch noch bei der Nachsitzung im Freundeskreis.

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AUTHOR: Reinhard Riedl

Prof. Dr. Reinhard Riedl ist Dozent am Institut Digital Technology Management der BFH Wirtschaft. Er engagiert sich in vielen Organisationen und ist Mitglied des Steuerungsausschuss von TA-Swiss. Zudem ist er u.a. Vorstandsmitglied von eJustice.ch, Praevenire - Verein zur Optimierung der solidarischen Gesundheitsversorgung (Österreich) und All-acad.com.

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