Der Mythos der digitalen Generation: Erfahrungen aus dem Coaching-Alltag

„Digital Natives“ gelten als selbstverständlich technikaffin und kompetent. Im Coaching-Alltag zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Zwischen Nutzung und Souveränität klafft eine Lücke. Digitale Kompetenz entsteht nicht automatisch durch Verfügbarkeit, sondern durch bewusste Entwicklung und Begleitung.

Zwischen Zuschreibung und Realität

Seit 2023 begleiten wir an der Berner Fachhochschule im Programm Digital Skills Coaching Studierende im Peer-to-Peer-Format. Studierende helfen Studierenden. Als gemeinsames Team aus studentischen Coaches und Programmverantwortlichen arbeiten wir auf Augenhöhe zusammen (die Koordinierenden in der Rolle als Servant Leaders). Dieser Beitrag entstand aus unserer gemeinsamen Praxis.

Im Coaching Alltag erleben wir täglich, wie gross die Lücke zwischen zugeschriebener und tatsächlicher digitaler Kompetenz ist. Die Vorstellung, die sogenannte digitale Generation sei selbstverständlich souverän im Umgang mit Technologie, hält sich hartnäckig [Kirschner & De Bruyckere, 2017]. Unsere Erfahrung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.

Studierende sind mit Smartphones, Social Media und digitalen Plattformen aufgewachsen. Daraus entsteht schnell die Annahme, sie verfügten automatisch über ausgeprägte digitale Fähigkeiten. Hochschulen setzen häufig voraus, dass grundlegende Kompetenzen vorhanden sind, etwa strukturierte Informationssuche und saubere Dokumentation mit digitalen Hilfsmitteln, reflektierter Einsatz von Office-Anwendungen oder kritischer Umgang mit KI.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele Studierende zwar Werkzeuge bedienen können, deren Einsatz aber nicht strategisch planen. Sie wissen, wo sie klicken müssen, aber nicht immer, welches Ziel sie mit einem Tool verfolgen oder welche Alternative sinnvoller wäre. Zwischen technischer Nutzung und bewusster Entscheidung liegt ein deutlicher Unterschied.

Der Mythos der digitalen Generation beruht auf einer Verwechslung. Digitale Sozialisation wird mit digitaler Urteilskraft gleichgesetzt. Doch tägliche Nutzung ersetzt keine strukturierte Kompetenzentwicklung. Genau hier setzt unser Coaching an.

Nutzung ist nicht Kompetenz

Digitale Kompetenz besteht aus mehreren Ebenen. Die erste Ebene ist die technische Bedienung. Die zweite ist die strategische Anwendung. Die dritte ist die kritische Reflexion.

Gerade bei generativer KI wird diese Unterscheidung sichtbar. Texte lassen sich in Sekunden erzeugen. Doch wann ist der Einsatz sinnvoll. Wo beginnt wissenschaftliche Verantwortung. Wie transparent muss der Einsatz gemacht werden. Diese Fragen bleiben häufig unbeantwortet.

Viele Studierende nutzen KI als Beschleuniger, ohne sich mit Transparenz, Urheberschaft oder ethischen Implikationen auseinanderzusetzen. Verfügbarkeit wird mit Fähigkeit verwechselt. Digitale Souveränität entsteht jedoch erst dann, wenn Entscheidungen bewusst getroffen werden.

Peer Coaching als Spiegel

Im Peer Coaching wird die Lücke besonders deutlich. Wenn Studierende andere Studierende begleiten, sinkt die Hemmschwelle, Unsicherheiten zu zeigen. Fragen werden gestellt, die im Seminarraum oder im Hörsaal oft unausgesprochen bleiben.

Dabei geht es nicht nur um technische Probleme. Es geht um Denkweisen: Warum wähle ich dieses Tool? Was will ich damit erreichen? Wie organisiere ich meinen Lernprozess?

Gerade im Bereich KI zeigt sich, wie wichtig kritisches Mitdenken ist. Nicht jede schnelle Antwort ist eine gute Antwort. Nicht jede Effizienz führt zu nachhaltigem Lernen. Lernen auf Augenhöhe, wie es im Peer-to-Peer-Coaching möglich ist, schafft Reflexion statt blosser Instruktion.

Organisation als unterschätzter Faktor

In unserer Coaching Praxis zeigt sich zudem, dass Selbstorganisation ein zentraler Erfolgsfaktor fürs Studium ist. Moodle, Office Anwendungen oder KI-Tools werden genutzt, aber selten systematisch in eine Lernstrategie integriert.

Digitale Werkzeuge können helfen, Wissen langfristig zu sichern, etwa durch strukturierte Planung oder regelmässige Wiederholung. Doch ohne bewusste Struktur bleibt ihr Potenzial unausgeschöpft.

Digital aufgewachsen zu sein bedeutet nicht, Informationen sinnvoll zu verarbeiten oder wissenschaftlich einzuordnen. Zwischen Konsum und Kompetenz liegt ein weiter Weg.

Konklusion: Eine Gestaltungsaufgabe für Hochschulen

Der Mythos der digitalen Generation verdeckt eine zentrale Aufgabe. Digitale Kompetenz entsteht nicht von selbst. Sie muss begleitet, reflektiert und eingeübt werden.

Hochschulen sollten daher weniger voraussetzen und stärker befähigen. Nicht die Anzahl der eingesetzten Tools entscheidet, sondern die Qualität der Entscheidungen im Umgang mit ihnen.

Nur weil wir digital aufgewachsen sind, heisst das noch lange nicht, dass wir automatisch alles können. Denn echte digitale Kompetenz braucht Anleitung und Unterstützung.


Referenzen

Kirschner, P. A., & De Bruyckere, P. (2017). The myths of the digital native and the multitasker. Teaching and Teacher Education, 67, 135–142. https://doi.org/10.1016/j.tate.2017.06.001

Creative Commons Licence

AUTHOR: Chiara Stampfli

Chiara Stampfli ist Bachelorstudentin im Lehrgang BFH TI Medizininformatik und arbeitet seit 2024 als Coachin im BFH Digital Skills Coaching Team.

AUTHOR: Jeniffer Pereyra

Jeniffer Pereyra ist Bachelorstudentin im Lehrgang BFH TI Data Engineering und arbeitet seit 2025 als Coachin im BFH Digital Skills Coaching Team.

AUTHOR: Luca Balsiger

Luca Balsiger ist Student an der HKB und arbeitet seit 2025 als Coach im BFH Digital Skills Coaching Team.

AUTHOR: Kokulan Balaratnam

Kokulan Balaratnam ist Bachelorstudent im Lehrgang BFH TI Automobil- und Fahrzeugtechnik und arbeitet seit 2024 als Coach im BFH Digital Skills Coaching Team.

AUTHOR: Tina Maurer

Tina Maurer ist Co-Leiterin der Fachstelle Lehre und BFH Diagonal.

AUTHOR: Kenneth Ritley

Kenneth Ritley ist Professor für Informatik am Institut für Datenanwendungen und Sicherheit (IDAS) der BFH Technik & Informatik. Der gebürtige US-Amerikaner hat schon eine internationale Karriere in IT hinter sich, er hatte diverse Führungspositionen in mehreren Schweizer Unternehmen inne wie Swiss Post Solutions und Sulzer und baute unter anderem Offshore-Teams in Indien und Nearshore-Teams in Bulgarien auf.

Create PDF
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert