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Digital Humanities – zwischen Metawissenschaft und neuer Disziplin

Die Digital Humanities, also die “digitalen Geisteswissenschaften” sind zurzeit in aller Munde – sei es weil sie die Geisteswissenschaften retten und in eine goldene Zukunft führen werden, sei es weil sie drohen, sie endgültig zu zerstören. Eine Einordnung unseres Autors, dem Linguistik-Informatiker Michael Piotrowski von der Universität Lausanne

Derartige Heilserwartungen bzw. Untergangsszenarien sind offensichtlich überrissen, aber obwohl es inzwischen etliche Konferenzen, Zeitschriften und Professuren (einige davon auch in der Schweiz) gibt, gilt nach wie vor: “Die Digital Humanities sind ein Fach, dessen Inhalte und Qualitätsstandards seit geraumer Zeit der Klärung harren” (Loescher 2017), obwohl sie in der Forschungsgemeinde ausführlich diskutiert wurden: es gibt ganze Bücher zu diesem Thema (Terras, Nyhan, und Vanhoutte 2013); die Seite What Is Digital Humanities? liefert bei jedem Aufruf eine zufällige Definition aus einer Sammlung von über 800. Die Frage ist dabei keineswegs so “akademisch” wie es zunächst scheinen mag, denn Inhalte und Qualitätsstandards haben direkte Auswirkungen auf die Finanzierung von Projekten und die Karrieren von Wissenschaftern, aber auch auf die Mobilität und Berufsaussichten von Studierenden in den entsprechenden Studiengängen. Sahle (2015) mahnt zu Recht: “Um die Digital Humanities nicht der Beliebigkeit anheim fallen zu lassen, kommen wir nicht umhin, auf einen klar und fest definierten Begriff zu pochen.”

Suche nach einer Definition

Zunächst ist festzuhalten, dass die Frage nicht ist, was die Digital Humanities im ontologischen Sinne sind, sondern was wir darunter verstehen wollen – gesucht ist also keine feststellende, sondern eine festsetzende Definition.

Was viele Definitionsversuche gemeinsam haben, ist dass sie den Einsatz informatischer – insbesondere quantitativer – Methoden und Werkzeuge und grosse Datenmengen erwähnen. Aber die Verwendung bestimmter Werkzeuge und die dadurch mögliche Bearbeitung grösserer Datenmengen in kürzerer Zeit begründet noch kein Forschungsgebiet oder gar eine neue Disziplin (1). Disziplinen sind vielmehr charakterisiert durch eine bestimmte, einzigartige Kombination von:

  1. einem Forschungsgegenstand und
  2. einer Forschungsfrage.

Forschungsmethoden stellen einen weiteren, aber nur sekundären Aspekt dar, denn sie sind offensichtlich vom Forschungsgegenstand und der Forschungsfrage abhängig, ebenso wie vom technisch-wissenschaftlichen Fortschritt, der einerseits eine ständige Anpassung der Methoden erfordert und gleichzeitig ihre Weiterentwicklung ermöglicht. Darüber hinaus benutzen alle wissenschaftlichen Disziplinen je nach Bedarf verschiedene Methoden: zwar sind qualitative Methoden zweifellos “typisch” für die Geisteswissenschaften – nicht zuletzt, da ihre Forschungsfragen qualitativ sind –, haben auch quantitative Methoden eine lange Tradition (2).

Modelle ermöglichen informatische Methoden

Wie können wir nun die Digital Humanities sinnvoll definieren? Die Digital Humanities sind selbstverständlich nicht die erste Begegnung der Informatik mit anderen Disziplinen (3). Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass das Entscheidende dabei nicht der Einsatz von Rechnern als solches ist, sondern die Konstruktion von formalen Modellen in den jeweiligen Disziplinen, die die Nutzung informatischer Methoden überhaupt erst ermöglichen. Der Einsatz von Rechnern ist wiederum kein Selbstzweck, sondern ist motiviert durch die Möglichkeiten der rechnergestützten Modellierung – schliesslich wurden Computer historisch gesehen um der Modellierung willen geschaffen. Zum anderen bedarf die Erstellung von Modellen – ganz allgemein – geeignete “Baumaterialien”, ob das nun Stokys-Elemente oder Algorithmen sind.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Definitionen von Digital Humanities:

  • Die Erforschung und Entwicklung der Mittel und Methoden, die für die Erstellung von formalen Modellen in den Geisteswissenschaften nötig sind (theoretische Digital Humanities).
  • Die Anwendung dieser Mittel und Methoden, um konkrete formale Modelle in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu erstellen (angewandte Digital Humanities).

Der Begriff angewandte Digital Humanities bezeichnet also die Forschungsfelder, die, wie beispielsweise die Digitale Geschichtswissenschaft oder die Digitale Literaturwissenschaft, Fragestellungen ihrer Mutterdisziplin unter Verwendung formaler Modelle untersuchen, und die damit zusammenhängende Methodologie. Der Unterschied zwischen “traditioneller” und “digitaler” Geschichts- oder Literaturwissenschaft besteht im Prinzip lediglich in der Art der erstellten Modelle: bei Letzteren sind es formale Modelle, die auf Rechnern implementiert und mit informatischen Methoden manipuliert werden können. Ansonsten teilen sie den Forschungsgegenstand und die Forschungsfrage ihrer jeweiligen Mutterdisziplin. Insbesondere gelten für die “digitale” Forschung selbstverständlich die gleichen Relevanz- und Qualitätskriterien.

Die theoretischen Digital Humanities hingegen untersuchen auf einer höheren Abstraktionsebene die allgemeinen Eigenschaften solcher Modelle. Mit anderen Worten, die theoretischen digitalen Geisteswissenschaften erstellen und untersuchen Metamodelle, deren konkrete Anwendung auf geisteswissenschaftliche Disziplinen Gegenstand der angewandten Digital Humanities ist, sowie die Methodik zum Aufbau dieser Metamodelle. Die theoretischen Digital Humanities beschäftigen sich somit, um eine Analogie von Gladkij und Mel’čuk (1973) aufzugreifen, mit der allgemeinen Theorie des Bauwesens, seiner Materialien und Werkzeugen, während sich die angewandten Digital Humanities mit der Errichtung konkreter Gebäude beschäftigen. Erstere stellen daher eine Metawissenschaft für letztere dar. Als solche können sie im Prinzip als eine Unterdisziplin der Informatik betrachtet werden, die ihre Anwendung auf ein bestimmtes Gebiet – das der Geisteswissenschaften – untersucht.

Fazit

Meunier (2014) warnt, dass das “Buzzword” Digital Humanities für die Etablierung und “Vermarktung” des Felds zwar sehr erfolgreich war, es sich aber ohne eine gute theoretische Basis auch sehr schnell totlaufen kann. Wenn es darum geht, konkrete Forschungsprogramme, Studiengänge und die dafür nötigen Stellen und institutionellen Strukturen zu entwickeln, braucht es eine präzise Definition. Die Verwendung bestimmter Methoden oder Werkzeuge reicht dafür nicht als Kriterium aus. Der Kern der Digital Humanities ist vielmehr – wie letztlich bei allen Anwendungen der Informatik – in der Erstellung formaler Modelle zu finden, die mit Hilfe von Computern untersucht werden können.

Ein wesentlicher Fortschritt besteht darin, dass die Modelle, die bisher in den Geisteswissenschaften oft nur vage in natürlicher Sprache beschrieben wurden, nun explizit gemacht, auf grossen Datenmengen automatisch getestet und iterativ verfeinert werden können. Dies wiederum kann möglicherweise die Forschung beschleunigen, vor allem aber fördert es den Erkenntnisgewinn: die geisteswissenschaftliche Forschung wird transparenter, Theorien intersubjektiv überprüfbar.

Die theoretischen Digital Humanities – die bisher allerdings noch kaum etabliert sind – liefern dafür die Voraussetzungen und leisten gleichzeitig einen Beitrag zur Forschung in der Informatik, da sie sich mit der Formalisierung bisher kaum oder gar nicht untersuchter Phänomene beschäftigen, wie etwa historischer Unsicherheit.


Fussnoten

  1. Die Frage, ob es sich bei den Digital Humanities um eine eigene Disziplin handelt, steht hier nicht im Zentrum, hängt aber eng mit ihrer Definition zusammen: solange man sich nicht festlegt, was man darunter versteht, ist es offensichtlich auch kaum möglich, zu sagen, ob es sich um eine eigene Disziplin handelt oder nicht. Umgekehrt erlaubt eine präzise Definition zumindest eine erste Einordnung.
  2. Tatsächlich war die Motivation für Pioniere wie Roberto Busa oder David Packard die Automatisierung traditioneller quantitativer philologischer Methoden.
  3. Im geisteswissenschaftlichen Kontext ist hier insbesondere die Computerlinguistik zu nennen.

Referenzen

  1. Gladkij, Aleksej Vsevolodovič, und Igor Aleksandrovič Mel’čuk. 1973. Elemente der mathematischen Linguistik. München/Salzburg: Wilhelm Fink.
  2. Loescher, Jens. 2017. “Garagenbastler der Geisteswissenschaften”. Tagesspiegel 73 (23 098): 19+.
  3. Meunier, Jean-Guy. 2014. “Humanités numériques ou computationnelles: Enjeux herméneutiques”. Sens public, Dezember.
  4. Sahle, Patrick. 2015. “Digital Humanities? Gibt’s doch gar nicht!” In Grenzen und Möglichkeiten der Digital Humanities (= Sonderband der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften, 1), herausgegeben von Constanze Baum und Thomas Stäcker. Wolfenbüttel: Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel.
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