Critical Digital Literacy – Von technischer Versiertheit hin zu ethischem und politischem Handeln
Critical Digital Literacy (auch CDL) oder kritische Digitalkompetenz ist ein stetig wachsendes, interdisziplinäres Fachgebiet von großer Bedeutung für die Zukunft – sowohl für die Forschung als auch Lehre und Vermittlung. Sie definiert kritische Kompetenzen neu: weg von technischer Gewandtheit hin zu politischer und ethischer Handlungsfähigkeit. CDL hinterfragt kritisch, wie Plattformen, Algorithmen und mediale Narrative unser Leben prägen – und wie sie sich auf vulnerable Gruppen und knappe natürlich Ressourcen auswirken. Eine Systematisierung soll helfen das wachsende Feld umsetzbar und in seiner besonderen Relevanz vermittelbar zu machen. Dieser Artikel stellt das „Critical Digital Literacy Canvas“ als neue, sofort einsatzbereite Ressource vor.
Die Notwendigkeit kritischer Digitalkompetenz
Kritische digitale Kompetenz oder kritische Digitalkompetenz ist ein Ansatz, der darauf abzielt, bei Nutzer*innen mit verschiedensten Hintergründen Schlüsselkompetenzen und Bewusstsein zu entwickeln, um sicherzustellen, dass sie nicht nur passive Empfänger*innen und Anwender*innen neuer Technologien sind, sondern dass sie die Entwicklung und Nutzung gerechterer und inklusiverer Technologien verstehen und an deren Förderung mitwirken können. Dies führt zu einer Stärkung digitaler Souveränität.
Als Teil des Themenfelds Humane Digital Transformation der BFH zielte das Projekt „Kritische Digitalkompetenz“ darauf ab, durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche (HKB, W, HAFL) neue Ressourcen zu entwickeln. Das Projekt untersuchte Möglichkeiten, kritische Digitalkompetenz in der Lehre und bei unseren Mitarbeitenden einzuführen und zu fördern. Das Projekt wurde von Paola Pierri von der HKB gemeinsam mit Anna Antonakis, Nada Endrissat und Roger Robyr koordiniert. Ziel war, die zahlreichen Initiativen und Kurse zu erfassen, die an der BFH bereits stattfinden, sowie neue Ressourcen zu entwickeln, die kritische Fragen im Zusammenhang mit den Auswirkungen neuer Technologien auf unsere Gesellschaften und Demokratien vorantreiben könnten.
Neue Technologien werden in einem unglaublichen Tempo entwickelt und in unser Leben eingeführt: Es wird immer schwieriger, ihre Auswirkungen vollständig zu verstehen und sich der Folgen ihrer Nutzung bewusst zu sein. Dazu gehören beispielsweise Fehlinformationen, algorithmische Verzerrungen und digitale Ungleichheiten sowie die Auswirkungen auf unsere Umweltressourcen und auf die Demokratie im Allgemeinen. Vor allem junge Berufstätige gehören wahrscheinlich zu den Early Adopters dieser Technologien, könnten jedoch Schwierigkeiten haben, kritische Fragen zu deren Funktionsweise, ihrer Logik und ihren Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, demokratische Praktiken und Umweltressourcen zu entwickeln.
Aufbauend auf aktuellen Studien und CDL-Materialien aus diesem Bereich sowie auf dem vielfältigen Fachwissen und der Zusammenarbeit und den Workshops mit Kolleg*innen aus der gesamten BFH entwickelte das Projekt ein „Critical Digital Literacy Canvas“, um das Bewusstsein für kritische Ansätze zur digitalen Kompetenz zu schärfen und die Handlungsfähigkeit der Studierenden verschiedener Niveaus mit der kritischen Aneignung neuer Technologien sicherzustellen.
Die fünf Wissensdimensionen des CDL-Canvas
Das Critical Digital Literacy Canvas (auch CDLC) ist ein praktisches Instrument, das Lehrkräfte und Mitarbeitende dazu anregen und dabei unterstützen soll, Fragen zur digitalen Technologie aus einer kritischen Perspektive anzugehen. Es umfasst fünf Wissensdimensionen:
- Technische Kompetenz: Förderung des bewussten Einsatzes von Technologie, die dem Menschen dient und Prozesse optimiert, ohne Abhängigkeiten zu schaffen.
- Ethik: Technologie als soziotechnologisches System mit eingebetteten Werten und Zielen verstehen; sich der Folgen ihrer Nutzung für sich selbst und andere (einschließlich der Umwelt) bewusst sein.
- Geschichte & Gesellschaft: Sich der historischen Entwicklung digitaler Werkzeuge und Daten sowie ihrer sozioökonomischen Kosten bewusst sein.
- Selbstreflexivität: Eine kritische Perspektive auf den Einsatz digitaler Werkzeuge bewahren und diese selbstständig und zielgerichtet anwenden, um positive Ergebnisse zu fördern.
- Wirkung & Kreativität: Kreativer Einsatz digitaler Technologien zur Unterstützung sinnvoller menschlicher Zusammenarbeit unter Wahrung und Stärkung der menschlichen Handlungsfähigkeit.
Sie sind von zentraler Bedeutung für ein kritisches Verständnis und den differenzierten Umgang mit digitalen Technologien. Für jede dieser Wissensdimensionen identifiziert das Canvas Lernziele entsprechend verschiedenen Wissensstufen. In jedem Wissensbereich schlägt das Canvas eine Reihe von Lese- und Lernaktivitäten vor, die zum Nachdenken anregen und den Aufbau spezifischer Kompetenzen unterstützen können (wie beispielsweise der KI-Entscheidungsbaum oder visuelles Material, das die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Smartphone-Produktion untersucht).
Zwei Aspekte standen bei der Gestaltung des Canvas im Mittelpunkt:
- Den Fokus über technische Aspekte hinaus auf die kritischen Dimensionen neuer digitaler Technologien zu legen
- Lernziele und Aktivitäten zur Förderung neuer „Haltungen“ und „Denkweisen“ einzubeziehen
Der erste Kernpunkt des Canvas besteht darin, einen „kritischen“ Ansatz für digitale Kompetenz zu verfolgen, der über das reine Erlernen und Anwenden der Technologien hinausgeht. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und CDL-Ressourcen bestätigen, dass digitale Kompetenz über reine technische Fähigkeiten und Fertigkeiten hinausgeht – sie erfordert die Fähigkeit, die Machtstrukturen, Vorurteile und Ideologien zu hinterfragen, die digitale Werkzeuge und Plattformen prägen, sowie ethische und soziale Verantwortung.
Die Konzeptionalisierung der Dimensionen „Ethik“ oder „Geschichte & Gesellschaft“ ist daher ein zentraler Schritt im Canvas, um Technologie in einen Kontext zu stellen und ihre kritische Nutzung und ihr Verständnis zu fördern. Durch einen historischen Ansatz wollen wir beispielsweise die zugrunde liegenden Annahmen über die menschliche Natur hinterfragen, die in verschiedenen Technologien verankert sind, und uns gleichzeitig dafür einsetzen, Technologien zu fördern, die menschliche Potenziale und demokratisches Engagement stärken.
Zweitens zielt das Canvas darauf ab, neben den Fähigkeiten und dem Wissen, die im Mittelpunkt der meisten pädagogischen Ansätze zu digitalen Technologien stehen, einen Fokus auf „Einstellung” und eine reflektierende Haltung zu integrieren. Im Canvas identifizieren wir daher Lernziele und Aktivitäten, die speziell darauf ausgerichtet sind, neue Einstellungen und Denkweisen darüber zu entwickeln, wie wir neue Technologien einordnen, bewerten und wertschätzen. Obwohl Haltungen „sehr schwer zu messen oder zu bewerten sind, glauben wir, dass sie für einen „kritischeren“ Ansatz zur digitalen Kompetenz von zentraler Bedeutung sind. Die Förderung von Haltung wird dabei als gewinnbringender Ansatz verstanden, um „Handlungsfähigkeit“ und Autonomie in der (Aus)Bildung umzusetzen.

Referenz: Hanna Barakat & Cambridge Diversity Fund / https://betterimagesofai.org
Anwendung des CDLC
Um das Canvas zu nutzen, können Pädagog*innen eine oder mehrere Wissensdimensionen auswählen und die am besten geeignete Lernziele sowie Lernaktivitäten für verschiedene Wissensstufen festlegen.
Jede Aktivität ist so konzipiert, dass sie konkret, sozial und reflektierend ist, und wird durch praktische und strukturierte Beispiele, klare Ziele und explizite Verknüpfungen zu den Dimensionen des Canvas unterstützt. Soziale Aktivitäten ermöglichen zudem die Erforschung der unterschiedlichen „Einstellungen“ der Teilnehmenden während der Aktivitäten und Diskussionen.
Aus der Praxis lässt sich festhalten, dass folgende gemeinsamen pädagogischen Prinzipien hilfreich sein können, um das CDLC in die Praxis umzusetzen:
- Vorwiegend gruppenbasierte Aktivitäten
- Vergleich zwischen persönlichen Werten und Interessen und deren kollektiven Auswirkungen
- Bewusster (und manchmal absichtlich unsachgemäßer) Einsatz von Technologien, um zum Nachdenken über deren Folgen anzuregen
- Einbeziehung vielfältiger Technologien, wie KI, Smartphones, soziale Medien, digitale Plattformen, Blockchain und Ansätze zur digitalen Sicherherheit
- Zentrale Rolle von Reflexion und Diskussion, sowohl während als auch am Ende jeder Aktivität
Referenzen
The „Critical Digital Literacy Canvas“: https://www.datocms-assets.com/47062/1780900085-260603_cdl_fe-def2.pdf
Antonakis, A. (2026). The C is not silent – A Scoping Review of Critical Digital Literacy (CDL). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20450951
Fisseler, B. (2024). Digital Accessibility Literacy. ASSETS 2024 Workshop „Teaching Accessibility in Different Disciplines: Topics, Approaches, Resources, Challenges“ https://doi.org/https://doi.org/10.48550/arXiv.2410.11931
Hague, C. & Payton, S. (2021). Digital literacy across the curriculum: a Futurelab handbook. The National Foundation for Educational Research in England and Wales. https://www.nfer.ac.uk/media/jnhety2n/digital_literacy_across_the_curriculum.pdf
Kennedy, K., & Gupta, A. (2025.). KI- und Datenkompetenzen: Aufbau ganzheitlicher KI-Kompetenz im Hochschulbereich. https://academyforeducationalstudies.org/wp-content/uploads/2025/09/kennedy-gupta-final-1.pdf
Leitfaden und Arbeitsblatt zur kritischen digitalen Kompetenz (2020). http://education.historicacanada.ca/en/tools/645 Historica Canada.
Das Glassroom-Projekt. Out of Hand. https://theglassroom.org/en/what-the-future-wants/exhibits/out-of-hand/
Der KI-Entscheidungsbaum. Oregon State University. ECampus. https://ecampus.oregonstate.edu/faculty/artificial-intelligence-tools/decision-tree/
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