Die digitalen Sünden – Teil 3: Das fehlende Bewusstsein für die spezielle Natur der digitalen Dinge
Angenommen, für ein Digitalisierungsvorhaben wurde mit präziser Unschärfe ein Bild der Zukunft formuliert und man ist bereit, die Umsetzung transdisziplinär zu gestalten. In diesem aussergewöhnlich günstigen Fall tritt ein neues Ungeheuer auf: Die Natur der digitalen Dinge stellt sich quer.
Nein, sie blockiert nicht. Die Natur der digitalen Dinge stellt sich nur quer. Wer dieses Querstellen richtig liest, den verweist die Natur der digitalen Dinge auf den besseren Weg. Aber diejenigen, die das Querstellen ignorieren, lässt die Natur der digitalen Dinge gegen die Wand laufen.
Das Problem
Das Problem, das viele nicht wahrhaben wollen: IT und Menschen sind keine Ressourcen, die einfach zu managen sind. Beide sind höchst eigenwillig. Und bei der digitalen Transformation von Unternehmen braucht es beide. Denn die digitale Transformation besteht u.a. darin, dass die menschliche Arbeit im Unternehmen sich wandelt und dabei zugleich effizienter und effektiver wird. Das heisst, dass deren Qualität und Wert steigen.
Dieser Absatz hat es in sich. Für viele ist er starker Tobak. Er behauptet, Software ohne eigenen Willen soll eigenwillig sein – das stört die Sprachpurist*innen. Er stellt IT und Menschen im Kontext der digitalen Transformation auf die gleiche Ebene – das stört sowohl Humanist*innen als auch die meisten Informatiker*innen, wenn auch aus gegensätzlichen Gründen. Er fokussiert sich auf menschliche Leistungserbringung innerhalb der digitalen Transformation – das stört alle jene, die sich auf andere Aspekte der digitalen Transformation konzentrieren (Wertgenerierung für Kund*innen, neuen Arten der Valorisierung, neue Ablauf- und Aufbau-Organisationskonzepte, etc.). Er formuliert die für viele empörende Tatsache, dass durch digitale Transformation die Qualität und der Wert menschlichen Arbeit gesteigert werden sollen. Und er lässt obendrein ganz viele Aspekte aus, die manche für sehr viel wichtiger halten (z.B. dass Automatisierung die Menschen an den Rand der wirtschaftlichen Leistungserbringung drängt).
Weil das so ist – und weil das in der Diskussion über digitale Transformation immer so ist – dass man endlos über ganz anderes diskutieren kann und es ein grosses Bedürfnis gibt über all das andere zu reden und auch einfach eigener Meinung zu sein, ist ein perfides Paradoxon beobachten: IT und Menschen werden in der digitalen Transformation administriert wie Sachen. Jeder andere Zugang zur digitalen Transformation – der IT und die Menschen ernst nimmt – scheitert an der Vielfalt des Widerstands.
Konkret bedeutet dies: Die Human Resources Abteilungen arbeiten weiter wie bisher: Sie reagieren auf den digitalen Wandel meist entweder gar nicht oder hilflos, beispielsweise durch Wohlfühlprogramme. Die Angestellten sowohl in der persönlichen digitalen Weiterentwicklung als auch im Rollenwechsel zu unterstützen, überfordert sie. Das Topmanagement wiederum betrachtet IT weiterhin als etwas, das man in Form von Geräten oder Clouddiensten, Softwarelizenzen und Topfachkräften einkaufen kann. Und wenn es dann nicht klappt, setzt man auf Anreizsysteme für die Anwender*innen und Menschenaustausch in den IT-Abteilungen.
Da ist es dann noch ein Glück, dass die digitale Natur der Dinge einfach irgendwann nicht mehr mitspielt – und sich querstellt. Skandale in der öffentlichen Verwaltung und Milliarden an verbranntem Geld in der Privatwirtschaft sind das Resultat. In manchen Ländern irgendwann vielleicht sogar Staatsbankrott und Untergang der Demokratie. Man könnte es auch so formulieren: Das Problem ist nicht die Natur der digitalen Dinge, sondern unsere Weigerung als Gesellschaft, diese Natur zur Kenntnis zu nehmen. Alle reden zwar vom Menschen im Zentrum, aber dies wird nicht ernst gemeint und ist obendrein nur die halbe Lösung, denn es ignoriert die Besonderheiten von IT.
Die Eigenwilligkeit der Software
Aber im Ernst, kann Software eigenwillig sein?? Etwas, das gar keinen eigenen Willen hat. Das ist doch ein typisches IT-Idiom – ein Konzept aus dem Elfenbeinturm der Informatiker*innen. Oder nicht?
Wer sich daran stört, unterliegt vermutlich einem typischen Manager*innen-Missverständnis: Dieses interpretiert seltsames Verhalten und Nicht-Compliance mit Anordnungen als Willensentscheidung und Widerstand. In den meisten Fällen ist das jedoch sogar bei Menschen eine Fiktion. Sich anders als erwartet zu verhalten ist in der jeweiligen Arbeitssituation oft das situativ natürlichste. Eigeninteressen spielen zwar eine Rolle, ebenso wie soziale Muster und individuelle Probleme, aber eben nicht nur. Was die Maschinen betrifft, so ist ihre «Eigenwilligkeit» – das heisst ihre Nicht-Compliance mit den Erwartungen der Laien – Ergebnis vieler Faktoren: von systemisch inhärenter Fehlerhaftigkeit (sic!) über kulturelle Mechanismen bis hin zu individuellen Wertevorstellungen der in ihren Bau oder ihre Nutzung involvierten Menschen. Die Konsequenzen sind jedoch noch x-beliebig erratisch, sondern sie folgen empirisch beobachtbaren und technisch begründbaren Prinzipien. IT verhält sich einfach anders als es alltagslogisches Denken nahelegt. Der Betriebswirtschaftslehre und dem «Hausverstand ohne IT-Kenntnisse» fehlen die Konzepte, um IT als Ressource zu managen. Aber es gibt viel Wissen über das Sich-Anders-Verhalten und mittlerweile auch Instrumente, um es zu managen.
Für alle, denen das zu abstrakt ist: Stellen Sie sich vor, sie führen ein Team aus Chines*innen mit den Führungspraktiken, mit denen sie bislang Teams von Amerikaner*innen geführt haben. Das Desaster ist vorprogrammiert. Sie werden sich deshalb – hoffentlich – vor dem Beginn ihrer Führungsaufgabe mit chinesischer Kultur auseinandersetzen und sich über chinesische Führungspraktiken informieren – (vermutlich) nicht um sie einfach zu übernehmen, sondern um ihre eigenen Führungspraktiken entsprechend zu adaptieren. Auf IT übertragen bedeutet dies: Wichtig ist, die Natur der digitalen Dinge zu verstehen, wenn man die digitale Transformation erfolgreich führen will, und die Eigenwilligkeit in der Gestaltung der digitalen Transformation zu berücksichtigen.
Das hässliche Altern der IT
Es fehlt hier der Platz, um alle Besonderheiten der IT vorzustellen – und ich masse mir auch nicht an, einen vollständigen aktuellen Überblick zu besitzen. Aber eine Besonderheit ist wirklich zentral: das hässliche Altern von IT. Es wachsen nicht nur die Opportunitätskosten für die Nutzung von IT mit dem Alter (was noch einigermassen sich logisch erschliessen lässt), sondern auch die reinen Instandhaltungskosten für den Weiterbetrieb nehmen zu (obwohl im Laufe der Instandhaltung immer mehr ursprünglich einprogrammierte Fehler behoben werden).
So weit, so simpel. Oder eben nicht simpel. Ich kann mir gut vorstellen, dass allein schon der Begriff «Altern von IT» Fragen aufwirft. Für Finanzinvestoren mag das klar sein: Unternehmen mit Software, die älter als fünf oder sechs Jahre ist, kaufen sie nicht. Aber Humanist*innen tun sich vermutlich schwer mit der Anwendung eines biologischen Konzepts auf menschengemachte Objekte wie Software.
Gemeint ist Folgendes: Das Alter der IT ist die Zeit seit ihrer Fertigstellung. Je höher dieses Alter ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Software nicht dem State-of-the-Art entspricht, weil erstens heute technisches Wissen, Entwicklungsinstrumente und Werkzeuge besser sind als zur Entstehungszeit, weil zweitens sich das fachliche Verständnis des Anwendungsbereichs seit damals verändert hat und weil drittens damals noch nicht die heutigen Erfahrungen mit der digitalen Transformation vorhanden waren.
Die Standardbeschwerde lautet deshalb: Das Unternehmen XYZ besitzt 20 Jahre alte Software, die 30 Jahre alte Geschäftsregeln implementiert. (Letzteres kann schon allein in der Buchhaltung zu signifikanten fehlerhaften Bilanzen führen.)
Wenn ich alte Software weiterbenutze, bedeutet dies nicht nur weniger Nutzen als die Nutzung heutiger Software, sondern es zwingt mich, beim Neubau von Software um die Defizite der alten Software herum Workarounds zu bauen. Das heisst die alte Software macht den Bau von Software mit neuen Funktionalitäten teurer (sic!).
So weit, (hoffentlich) so einfach verständlich. Das Seltsame ist aber, dass die Instandhaltungskosten mit dem Alter nicht weniger werden – obwohl doch viele ursprünglich Baufehler behoben werden im Laufe der Zeit – sondern mehr. Der Weiterbetrieb der Software wird also in zweifacher Hinsicht immer teurer. Und genau dieses Kostenwachstum ist das eigentliche Wesen des Alterns von Software: Sie verändert sich nicht, aber sie ist immer schlechter nutzbar und verursacht immer höhere Kosten.
Das Altern von Software zeigt sich also im Budget und im Nutzungsalltag – und zwar aufs Unangenehmste. Notwendig sind deshalb regelmässige Verjüngungskuren, bei denen Teile ausgetauscht werden und gelegentlich sogar das Design grundlegend verändert wird.
Das heisst nichts anderes als das Geld in Software-Renovationen – in der Fachsprache: ins Software-Refactoring – investiert werden muss, ohne dass eigentlicher Geschäftsnutzen dabei entsteht, sondern nur, um die Kosten für den mittelfristigen Weiterbetrieb zu senken. Für Informatiker*innen ist dies eine zwingende Notwendigkeit, für viele Geschäftsleitungen von Unternehmen widerspricht es aber den betriebswirtschaftlichen Grundüberzeugungen, für etwas Geld auszugeben, das keinerlei Geschäftsnutzen bringt. Deshalb wurde in der Wirtschaftsinformatik ein Argumentationstrick erfunden: die technischen Schulden!
Der Argumentationstrick mit den technischen Schulden funktioniert so: Wer Fehler macht, richtet Schaden an. Im Fall der Software-Entwicklung generiert er technische Schulden. Diese werden verzinst, also mit der Zeit mehr, sofern man sie nicht tilgt. Diese Tilgung geschieht durch eine Reparatur der Fehler, durch das Refactoring der Software. Da erstens Fehler im Software-Engineering nicht vermeidbar, zweitens Defizite aus der Veränderung der Welt resultieren und drittens das Beheben von Fehlern neue Fehler mit sich bringt, sind technische Schulden ein Dauerzustand. Entscheidend ist, den Schuldendienst mittel- bis langfristig möglichst klein zu halten.
Konklusion
Das hässliche Altern der IT ist nur ein Beispiel für die eigenwillige Natur der digitalen Dinge – und ich habe hier nur den Grundmechanismus beschrieben. Doch allein dieser illustriert schon, wie entscheidend es ist, die spezielle Natur der digitalen Dinge – konkret von Software – zu verstehen. In Teil 4 unserer Serie wird es um die «allgemeine» Natur der digitalen Dinge gehen: insbesondere das Verhältnis von Mensch und IT.
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