Einfach, zugänglich, wirksam: So gelingt inklusives Design für digitale Gesundheitsanwendungen im Alter
Obwohl es zahlreiche digitale Gesundheitslösungen für ältere Menschen gibt, greifen viele die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Zielgruppe nur unzureichend auf. Um die Ursachen besser zu verstehen, hat das Institut für Patient-centered Digital Health der BFH Technik und Informatik Erkenntnisse aus der Literatur, aus Expert:innenwissen sowie Perspektiven älterer Erwachsener zusammengeführt. Die daraus abgeleiteten Leitlinien für inklusives Design wurden anschliessend gemeinsam mit Expert:innen validiert. Dieser Artikel zeigt einen kompakten Überblick über die Leitlinien, die weit über Fragen der Bedienbarkeit hinausgehen und auch gesellschaftliche sowie systemische Einflussfaktoren auf die Nutzung digitaler Gesundheitsangebote durch Menschen ab 65 Jahren berücksichtigen.
Warum ist inklusives Design digitaler Gesundheitslösungen für ältere Menschen wichtig?
Aufgrund des demografischen Wandels steigt die Zahl älterer Menschen weltweit kontinuierlich an (WHO, 2025). Gleichzeitig wächst die Anzahl digitaler Gesundheitsinterventionen (DGI), die ältere Menschen als Zielgruppe adressieren und zusätzliche Gesundheitsangebote bereitstellen. Zu diesen Lösungen zählen unter anderem mobile Apps zur Gesundheitsüberwachung, Wearables, Smartwatches sowie digitale Plattformen, die telemedizinische Anwendungen wie Online-Konsultationen mit medizinischem Fachpersonal ermöglichen. Obwohl viele dieser Anwendungen speziell für ältere Menschen vermarktet werden, berücksichtigen sie nicht immer deren tatsächliche Bedürfnisse, Fähigkeiten und Nutzungskontexte. Dies schränkt die Nutzbarkeit und Akzeptanz der DGI ein. Hier setzt das Konzept des inklusiven Designs an, mit dem Ziel, die Gestaltung von Produkten oder Angeboten für eine möglichst breite Nutzergruppe zugänglich zu machen, unabhängig von deren Fähigkeiten, Einschränkungen oder sozialen Hintergründen. Aus diesem Grund beabsichtigte das vom Themenfeld Humane Digitale Transformation geförderte Projekt „Inclusive Design of Digital Health Interventions for the Aging Population“, eine strukturierte Hilfestellung für Designer:innen und Entwickler:innen bereitzustellen. Diese soll künftig dabei unterstützen, um nutzerzentrierte und inklusive DGI für ältere Menschen ab 65 Jahren zu entwickeln. Es wurden Leitlinien erarbeitet, die den Design- und Entwicklungsprozess oder die Überprüfung bestehender DGI unterstützen und die spezifischen Anforderungen dieser vielfältigen Nutzergruppe berücksichtigen, um die DGI inklusiver zu gestalten.
Entwicklungsprozess der Leitlinien
Die Entwicklung der Leitlinien erfolgte in mehreren methodischen Schritten. Zunächst wurde ein Literaturreview durchgeführt, um bestehende DGIs und deren Designmerkmale zu analysieren (Denecke et al., 2025). Anschliessend wurden Expert:inneninterviews (Kaufmann et al., 2025) sowie eine Fokusgruppe mit Personen ab 65 Jahren durchgeführt, um fachliche Perspektiven sowie Nutzererfahrungen und Präferenzen zu erfassen. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde eine erste Version der Leitlinien entwickelt, die anschliessend iterativ mit Expert:innen im Rahmen eines Workshops und einer eDelphi-Studie validiert und weiter verfeinert wurde, um deren Relevanz, Klarheit und praktische Anwendbarkeit sicherzustellen.

Abbildung 1: Methodisches Vorgehen zur Entwicklung der Leitlinien
Inklusives Design neu gedacht: Menschen, Gesundheitssystem und Technologie
Während des Projekts wurde deutlich, dass inklusives Design für ältere Menschen nicht nur die Gestaltung der Benutzeroberfläche betrifft, sondern auch gesellschaftliche sowie gesundheitsbezogene Systemfaktoren umfasst. Diese Faktoren beeinflussen massgeblich die Akzeptanz, Nutzung und nachhaltige Integration digitaler Gesundheitsinterventionen im Alltag älterer Menschen. Aus diesem Grund wurden die vierzehn Leitlinien in zwei zentrale Bereiche unterteilt:
- Leitlinien, die gesellschaftliche und gesundheitssystembezogene Faktoren adressieren: Dieser Bereich nimmt die Einbettung digitaler Gesundheitsinterventionen in bestehende Versorgungsstrukturen in den Blick. Er thematisiert unter anderem die Integration in klinische Abläufe, die Rolle von Gesundheitsfachpersonen als Vertrauensinstanzen, transparente Information über Nutzen und Grenzen der Anwendung sowie Unterstützungs- und Schulungsangebote für ältere Menschen. Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Vertrauen fördern, Orientierung geben und die tatsächliche Nutzung im Versorgungsalltag ermöglichen.
- Leitlinien, die sich auf die konkrete Gestaltung und Entwicklung der digitalen Gesundheitsintervention selbst konzentrieren: Dieser Bereich fokussiert auf die nutzerzentrierte Konzeption, Entwicklung und Evaluation der Anwendungen. Er umfasst Aspekte wie partizipative Entwicklungsprozesse, barrierearme und verständliche Gestaltung von Inhalten und Interaktionen, Personalisierungsmöglichkeiten, Motivation und soziale Einbettung sowie Sicherheits- und Datenschutzanforderungen. Im Zentrum steht die Frage, wie digitale Gesundheitslösungen so gestaltet werden können, dass sie kognitive, sensorische und sprachliche Vielfalt berücksichtigen und ältere Menschen in ihrer Autonomie stärken.
Diese Struktur ermöglicht eine ganzheitliche Betrachtung des inklusiven Designs, die sowohl den Nutzungskontext als auch die technische Umsetzung berücksichtigt.

Abbildung 2: Übersicht über die im Projekt entwickelten Leitlinien für Inklusives Design von DGI für ältere Menschen
Von der Forschung zur Praxis: Die nächsten Schritte
Im nächsten Schritt planen wir, eine frei zugängliche Webseite bereitzustellen, auf der die erarbeiteten Leitlinien für DesignerInnen und EntwicklerInnen verfügbar sind. Ziel ist es, sicherzustellen, dass die Leitlinien nicht nur im Rahmen der Studie verbleiben, sondern aktiv in der Praxis genutzt werden können. Dadurch sollen Fachpersonen konkret dabei unterstützt werden, nutzerzentrierte und inklusive DGI für ältere Menschen zu entwickeln oder bestehende DGI zu prüfen und gezielt zu verbessern.
In einem Folgeprojekt planen wir die Entwicklung eines interaktiven Tools, das Designer:innen und Entwickler:innen dabei unterstützt, ihre Designkonzepte und Ideen für DGI hinsichtlich Inklusivität für die Zielgruppe zu reflektieren und zu bewerten. Basierend auf unseren Leitlinien erhalten sie gezielte Hinweise und Empfehlungen, wie ihre Lösungen verbessert werden können und welche Aspekte im Design- und Entwicklungsprozess besonders berücksichtigt werden sollten. Zudem soll eine Sammlung von Best Practise Beispielen veranschaulichen, wie inklusives Design für ältere Menschen in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann. Dieses Werkzeug kann dazu beitragen, inklusives Design systematisch in den Entwicklungsprozess zu integrieren und die Qualität digitaler Gesundheitsinterventionen für ältere Menschen nachhaltig zu verbessern.
Referenzen
World Health Organization. Ageing: Global population. World Health Organization, 21 Februar 2025; https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/population-ageing (letzter Zugriff: 20.02.2026).
Denecke, K., Cvijic L., Petersen C. Toward Inclusive Design Heuristics for Digital Health Interventions for the Aging Population: Scoping Review. Journal of Medical Internet Research 2025, 27, doi:10.2196/79449.
Kaufmann, B., Cvijic, L., Denecke, K. Ensuring Inclusive Design in Digital Health Interventions for the Aging Population: Expert Perspectives. Blucher Design Proceedings 2025, 13(1), doi:10.5151/cidi2025-1085923.
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