Generative KI in der kreativen Bildung – Chancen und Risiken

Neuartige Tools der künstlichen Intelligenz (KI) wie ChatGPT versprechen, die menschliche Kreativität in verschiedenen Bereichen wie Modedesign oder kreativem Schreiben zu fördern. Allerdings ist wenig darüber bekannt, wie sich diese Tools tatsächlich auf Studierende in kreativen Bereichen (z. B. an der Hochschule der Künste Bern) und deren kreativen Prozesse auswirken. Daher haben wir, Livia Müller, Hanieh Aslani und Prof. Dr. Thiemo Wambsganss vom Human-Centered AI Learning Systems (HAIS) Lab der BFH Wirtschaft und Prof. Dr. Jimmy Schmidt der Hochschule der Künste Bern (HKB) mehrere empirische Workshops mit Studierenden und Dozierenden der Hochschule der Künste Bern (HKB) durchgeführt, um zu untersuchen, wie sie KI erleben, was sie darüber denken und wie sie KI in ihren kreativen Prozessen einsetzen. Unsere Ergebnisse werfen interessante Fragen auf zu Lehrpraktiken, Eigentumsrechten und Originalität kreativer Arbeit.

Kreative Bildung und generative KI

In den letzten Jahren sind immer mehr Tools zur Unterstützung der Kreativität entstanden, die die menschliche Kreativität in verschiedenen Bereichen fördern, beispielsweise im Modedesign (Davis et al., 2025), in der Produktentwicklung (Kim et al., 2025) oder im Schreiben (Qin et al., 2025). Diese Systeme können die Leistung und die Ideenfindung im kreativen Prozess verbessern, insbesondere durch die Integration von KI. Im Kontext der kreativen Bildung (d. h. für Kreative an Kunsthochschulen) werfen diese Tools jedoch neue Fragen auf, da das Lernen in der kreativen Bildung auf Experimentieren, Reflexion und prozessorientiertem Denken basiert, beispielsweise in der bildenden Kunst, im Produktdesign oder im kreativen Schreiben.

Erforschung von Perspektiven in der kreativen Bildung

Methodology De

Abbildung 1: Überblick über die Studienmethodik, die die Datenerhebung durch Interviews mit Dozierenden und Workshops mit Studierenden sowie die anschliessende thematische Analyse und interpretative Einordnung zeigt.

Daher haben wir an der BFH eine Studie durchgeführt, um zu untersuchen, wie Studierende und Dozierende an der HKB KI in ihren kreativen Arbeitsabläufen und Lernumgebungen wahrnehmen, erleben und sich anpassen. Dabei haben wir die Möglichkeiten von KI und Kreativitätsunterstützungstools berücksichtigt sowie auch den Bildungskontext, in welchem die Tools eingebettet sind. In sieben Interviews mit Dozierenden und drei partizipativen Workshops mit 36 Studierenden der HKB haben wir untersucht, wie diese Gruppen Fragen der Urheberschaft, der Benutzerkontrolle und der Lehrpraxis im Lichte der KI verstehen. Wir verfolgten in unserer Forschung einen qualitativen Ansatz (Blandford et al., 2016), wie in der obigen Forschungsdarstellung in Abbildung 1 dargestellt. Die Datenerhebung bestand aus zwei sich ergänzenden Teilen: (1) 7 halbstrukturierte Interviews mit Dozierenden, die sich auf pädagogische Praxis und institutionelle Herausforderungen konzentrierten und zwischen 33 und 55 Minuten dauerten (M = 43,2, SD = 10,6); und (2) partizipative Workshops mit 36 Studierenden (im Alter von 18 bis 30 Jahren, M = 22,2, SD = 2,2), die sich auf kreative Prozesse, Herausforderungen und die Frage konzentrierten, wie KI sie in Zukunft unterstützen könnte.

Genai Kreativebildung2

KI wirft Fragen zur Unterrichtspraxis in der kreativen Bildung auf

Die Einführung von KI in der kreativen Bildung wirft bei Dozierenden Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen auf bestehende Lehrrollen und Bildungswerte auf. Da die institutionellen Bedingungen und die Vertrautheit mit KI unter Dozierenden unterschiedlich sind, nehmen Studierende KI-Tools oft schneller an. Die Studierenden berichten jedoch von Herausforderungen, da sie die Tools ohne ausreichende Anleitung spontan erlernen müssen. Dies kann zu einem Verhalten führen, bei dem sich die Studierenden zu sehr auf KI verlassen und die kritische Reflexion im kreativen Prozess verloren geht. Dozierende äussern auch Bedenken, dass KI-Tools bei kreativer Arbeit oft die Geschwindigkeit statt Reflexion fördern: Die Studierenden gehen schnell durch die von der KI generierten Vorschläge, vertrauen nicht mehr ihren eigenen Ideen und vernachlässigen dabei die kritische Reflexion, ein wichtiger Wert in der kreativen Bildung ist („Die Studierenden vertrauten ihren Ideen nicht mehr (…) keine Reflexion, keine Pause.“). Abbildung 2 veranschaulicht die verschiedenen thematischen Cluster aus den Workshop-Aktivitäten und zeigt die unterschiedlichen Themen, die von Dozierenden und Studierenden angesprochen wurden.

Thematic Cluster De

Abbildung 2: Thematische Cluster aus den Workshop-Aktivitäten, die die verschiedenen von Dozierenden und Studierenden angesprochenen Themen zeigen

Gemischte Gefühle hinsichtlich Originalität und Eigentumsrechte an kreativen Arbeiten mit KI

Sowohl Studierende als auch Dozierende äusserten Bedenken hinsichtlich der Originalität und des Eigentums an kreativen Arbeiten mit KI. Einige äusserten, dass KI nur bestehende Muster und Arbeiten reproduziere, was die Frage aufwirft, was ihnen noch wirklich gehört, wenn KI verwendet wird. Die Ergebnisse von KI werden oft mit Uniformität und Vorhersehbarkeit assoziiert und weniger mit kreativer Neuheit, während Dozierende versuchen, Studierende dazu zu ermutigen, über den Tellerrand hinauszuschauen („[KI] arbeitet mit dem, was wahrscheinlich ist … und wir versuchen, die Menschen zu ermutigen, über den Tellerrand hinauszuschauen”). Die Studierenden sind sich dieser Probleme jedoch bewusst; sie geben an, dass KI-Vorschläge immer durch ihr eigenes Urteilsvermögen gefiltert werden müssen, um die Originalität nicht zu verlieren. Darüber hinaus haben beide Gruppen ethische Bedenken hinsichtlich der Verwendung von KI geäussert, wie z. B. nicht gekennzeichnete Trainingsdaten, Verzerrungen in den Trainingsdaten und die Auswirkungen der KI-Nutzung auf die Umwelt, was zu Unbehagen führt („Ich kann diese ganze politische Frage, die sich aus der Verwendung von GPT oder KI ergibt, nicht ignorieren (…) nichts davon ist wirklich gelöst.“). Anstatt KI abzulehnen, forderten die Studierenden klare Leitlinien und einen sorgfältigen Umgang, um Originalität, Eigentumsrechte und Vielfalt in kreativen Arbeiten zu schützen („Leitlinien anbieten, ohne die Urheberschaft oder das Experimentieren zu ersetzen“).

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Was dies für Dozierende bedeutet

Für Dozierende im Bereich der kreativen Bildung bietet unsere Studie einige wichtige Erkenntnisse:

  • KI-Tools können für Arbeiten in der Anfangsphase wie Brainstorming und Ideenfindung wertvoll sein. Allerdings können die derzeitigen, auf Geschwindigkeit und Ergebnisse optimierten Tools den iterativen und kritischen Denkprozess der Studierenden im kreativen Prozess beeinträchtigen.
  • Die Urheberschaft und der Beitrag von Studierenden und KI sollten transparent sein, um beurteilen zu können, wo sich die Beiträge der Studierenden, die Vorschläge der KI und die Zusammenarbeit überschneiden.
  • Reflexive Praktiken sollten im kreativen Prozess gefördert werden, um die Studierenden anzuregen, ihre Gründe für die Verwendung von KI-Tools zu erklären.

Empfehlungen für Studierende zur Verwendung von KI-Tools

Für Studierende liefert unsere Forschung die folgenden Erkenntnisse:

  • KI-Tools können dabei helfen, kreative Blockaden zu überwinden und schnell Ideen zu generieren. Es ist jedoch wichtig, über Designentscheidungen zu reflektieren, um kreative Fähigkeiten und kritisches Denken zu entwickeln.
  • Kreative Beiträge sind wichtig und sollten in kreativen Arbeiten sichtbar gemacht werden. Die Beiträge sowohl der Studierenden als auch der KI sollten klar formuliert werden, um ihre jeweiligen Rollen im kreativen Prozess zu verstehen.

 


Literaturverzeichnis

Blandford, A., Furniss, D. & Makri, S. (2016). Qualitative HCI-Forschung: Ein Blick hinter die Kulissen. Morgan & Claypool.

Davis, R. L., Mwaita, K. F., Müller, L., Tozadore, D. C., Novikova, A., Käser, T. & Wambsganss, T. (2025). SketchAI: Ein „Sketch-First”-Ansatz zur Einbindung generativer KI in das Modedesign. Proceedings of the Extended Abstracts of the CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 1–7. https://doi.org/10.1145/3706599.3719782

Kim, H.-J., Kim, J., Jeong, S., Lee, M., Choo, J., & Kim, S.-H. (2025). ShoeGenAI: Ein Kreativitäts-Support-Tool für das Design hochgradig realisierbarer Schuhprodukte. Proceedings of the Extended Abstracts of the CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 1–11. https://doi.org/10.1145/3706599.3721204

Qin, H. X., Zhu, G., Fan, M., & Hui, P. (2025). Auf dem Weg zu personalisierbarer KI-Knotengraph-Unterstützung für kreatives Schreiben: Einblicke in Präferenzen für generative KI-Funktionen und Informationsdarstellung im gesamten Prozess des Geschichten Schreibens. Tagungsband der CHI-Konferenz 2025 zu menschlichen Faktoren in Computersystemen, 1–30. https://doi.org/10.1145/3706598.3713569

 

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AUTHOR: Katja Pott

Katja Pott ist Doktorandin am Institut für Digital Technology Management und promoviert im Bereich der generativen künstlichen Intelligenz. Mit ihrem Hintergrund in Informatik befasst sie sich in ihrer Forschung mit der Entwicklung und Gestaltung nutzerzentrierter KI-Lösungen.

AUTHOR: Thiemo Wambsganss

Prof. Dr. Thiemo Wambsganss ist Professor für Digital Technology Management am Institute Digital Technology Management (IDTM) an der Berner Fachhochschule, und Leiter der Forschungsgruppe des Human-Centered AI-based Learning Systems (HAIS) Lab. Er beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit der humanzentrischen Gestaltung, Entwicklung und Evaluierung von Digitalen Lernsystemen basierende auf künstlicher Intelligenz.

AUTHOR: Jimmy Schmid

Prof. Jimmy Schmid ist Kommunikationsdesigner und im Leitungsteam des Institute of Design Research IDR an der Hochschule der Künste Bern HKB tätig. Er koordiniert die beiden Forschungsfelder Environmental Communication Design und Knowledge Visualization.
Er ist Studiengangsleiter des berufsbegleitenden Postgraduate Program MAS Signaletik.
Zudem ist er Gastdozent und Experte an verschiedenen nationalen und internationalen Universitäten, Hochschulen und Institutionen und Autor von verschiedenen Signaletik-Fachartikeln und Signaletik-Studienaufträgen sowie als Berater in Signaletik-Fragestellungen tätig (Jurierungen, Wettbewerbe, Agentur-Evaluationen).

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