Digitale Grundlagen im Zuweisungsprozess in hausärztlichen Praxen der Schweiz
Eine BFH-Studie hat in fünf Deutschschweizer Hausarztpraxen den digitalen Ist-Zustand erhoben: Dokumentation und Abrechnung erfolgen elektronisch, der Erstkontakt jedoch meist telefonisch. Daraus entstand ein Zuweisungsprozess, der Patient*innen direkt zur passenden Fachperson führt und das Potenzial von Advanced Practice Nurses (APN) und medizinischen Praxiskoordinierenden (MPK) nutzt.
Aufgrund demografischer Veränderungen steigt die Zahl von Personen mit chronischen und Mehrfacherkrankungen, die hausärztliche Betreuung benötigen [1 – 4]. Gleichzeitig ermöglichen wissenschaftliche und technologische Fortschritte eine schnellere Erkennung von Gesundheitsproblemen sowie neue Kommunikationswege. Dennoch befindet sich die Digitalisierung im Schweizer Hausarztbereich noch in einem frühen Entwicklungsstadium und wirft Fragen zu Datensicherheit, Effizienz, Finanzierung und Ethik auf [5].
In Schweizer Hausarztpraxen übernehmen zunehmend Fachpersonen wie Advanced Practice Nurses (APN) und medizinische Praxiskoordinierende (MPK) neue Aufgaben [1, 6]. Damit Patient*innen von diesen interprofessionellen Versorgungsmodellen profitieren können, muss der heutige Zuweisungsprozess angepasst werden. Aktuell werden Patient*innen unabhängig von ihrem Anliegen primär ärztlichen Fachpersonen zugewiesen [4, 6], obwohl evidenzbasierte Leitlinien für chronische Erkrankungen die Zusammenarbeit in interprofessionellen Teams empfehlen [7 – 9]. Dies unterstreicht die Notwendigkeit eines angepassten Zuweisungsprozesses.
Methode
Dafür wurde eine Studie mit verschiedenen Methoden durchgeführt. Folgende Fragestellung war leitend: Wie soll der Prozess der Patient*innenzuweisung gestaltet sein, damit Patient*innen in neuen Versorgungsmodellen mit MPK und APN zur passenden Fachperson gelangen, die optimal auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen kann?
Es nahmen fünf hausärztliche Praxen in Deutschschweizer Kantonen teil, in denen bereits auch APN und MPK arbeiteten. Die Teilnahme war freiwillig. Man konnte jederzeit von der Studie zurücktreten. Da keine Gesundheitsdaten erhoben wurden, war keine Konsultation der lokalen Ethikkommissionen nötig [10].
Datensammlung und -analyse
Neben anderen Methoden wurde der Zuweisungsprozess über insgesamt 10 Tage beobachtet und detailliert protokolliert. Dafür wurde ein Literaturbasiertes Erhebungsinstrument entwickelt.
Diese Daten wurden anschliessend – wo möglich – beschreibend statistisch ausgewertet. Die Textdaten wurden inhaltlich analysiert [11]. Auf dieser Grundlage wurden relevante Angaben zur digitalen Transformation extrahiert. Zudem wurde ein Zuweisungsprozess entwickelt.
Resultate
Die teilnehmenden Praxen befanden sich in ländlichen (3 Praxen) und in urbanen (2 Praxen) Gebieten mit rund N=26 Mitarbeitenden (davon 23 Frauen, 88,46 %; 5 Ärzt*innen, 5 APN, 2 MPK, 14 MPA). Insgesamt wurden N=113 Kontakte mit Patient*innen (69 Frauen, 61,06 %, 1 Geschlecht nicht dokumentiert) registriert. Im Schnitt waren die Patient*innen 53,04 Jahre alt (SD: 20.77, Spanne: 7-87 Jahre, 3 Jahrgänge nicht dokumentiert). Fast alle Patient*innen (n=103, 91%) waren in den Hausärzt*innenpraxen bekannt.
Tabelle 1: Beobachtete Kontakte mit Patient*innen (N=113)
| Reguläre Praxisbesuche (z. B. Nachkontrolle, Überweisungen, Fahrtauglichkeitsprüfung) | Kontakt mit Praxis | n=76/113 |
| Telefonischer Kontakt vorgängig | n=67/76 | |
| Direktes vor Ort kommen | n=7/76 | |
| Onlineanmeldung | n=1/76 | |
| Apothekenüberweisung | n=1/76 | |
| Kleinerer Notfall | n=13/113 | |
| Akute Beschwerden (z. B. Bauchweh, Erkältung) | n=26/113 |
Alle N=5 hausärztlichen Praxen nutzten ein elektronisches System zur Verwaltung von Patient*inndaten, Abrechnung und Überweisungen. Das Telefon diente vor allem der Terminvergabe, Patient*innenaufnahme sowie internen und externen Kommunikation. In einer Praxis wurden Telefonate systematisch aufgezeichnet und lokal gespeichert.
E-Mails wurden in zwei Praxen zur Beantwortung von Patient*innenanfragen, beispielsweise für Rezeptverlängerungen, eingesetzt. Zwei Praxen ermöglichten zudem die Online-Terminbuchung über einen elektronischen Kalender. Für den internen Informationsaustausch wurden in n=3 Praxen handschriftliche Notizen verwendet, während n=1 Praxis einen digitalen Teamchat nutzte. Eine Praxis verwendete zur Unterstützung von Zuweisungen die Empfehlungen von Schaufelberger et al. [12] sowie eine ergänzend erstellte Liste.
Tabelle 2: Überweisungen der N=113 Patient*innenkontakte
| An ärztliche Fachpersonen | n=78 (69.04%) |
| An APN | n=17 (15.04%) |
| An MPK | n=5 (4.42%) |
| Unklar | n=13 Personen (11.50%) |
Basierend auf diesen Angaben wurde ein modifizierter Zuweisungsprozess erstellt. In diesem Zuweisungsprozess wird aufgrund von möglichen Diagnosen und der Dringlichkeit der Beschwerden die Zuweisung zu den verschiedenen Fachpersonen vorgeschlagen.
Tabelle 3: Modifizierter Zuweisungsprozess innerhalb von hausärztlichen Praxen
| Zeit (Minuten) | |||
| Kontakt Patient*innen rufen an oder kommen direkt in die Praxis | |||
| Zuweisung Patient*innen beschreiben ihre Probleme. Darauf basierend überweisen die Fachpersonen die Patient*innen zu einer geeigneten Fachperson (i.e., ärztliche Fachperson, APN, MPA, MPK, etc.) für die Konsultation | 5-10 | ||
| Konsultation Die Fachpersonen führen klinische Einschätzung, Diagnosestellung, Behandlung, Beratung, Instruktionen, etc. durch | |||
| Personen mit bekannten chronischen oder Mehrfacherkrankungen: z. B. Personen mit Diabetes mellitus und instabile Werte des Blutzuckers | Personen mit dringenden Problemen und/oder Notfällen: z. B. Personen mit Verdacht auf Herzinfarkt | Personen mit bekannten Erkrankungen, die eine weiterführende diagnostische Untersuchung benötigen, oder Instruktion: z. B. Personen für eine Blutentnahme, oder für Instruktion im Umgang mit Blutzuckerselbstmessung | 15-30 |
| APN | Ärztliche Fachpersonen | MPA, MPK | |
| Nächste Schritte Bei Konsultationsende, bespricht die jeweilige Fachperson die nächsten Schritte mit den Patient*innen und führt die Dokumentation nach: z. b. Nachfolgekonsultation, Routine Tests, Überweisung, etc. | 5 | ||
| Interprofessionelles Team-Meeting Austausch unter allen Fachpersonen, inkl. MPA und MPK, 1-2mal pro Tag: z. B. Fragen klären, Verordnungen unterschreiben, Weiterbildung, etc. | 15-30 | ||
Legende: MPA=Medizinische Praxisassistierende, MPK=Medizinische Praxiskoordinierende, APN= Advanced Practice Nurse. MPA oder ähnliche Fachpersonen führen in hausärztlichen Praxen der Schweiz üblicherweise die Zuweisung zu den anderen Fachpersonen durch. Dafür stellen sie Fragen zum aktuellen Problem und dessen Dringlichkeit.
Diskussion
Diese Studie untersuchte die Zuweisung von Patient*innen in hausärztlichen Praxen mit APN und MPK und entwickelte daraus einen modifizierten Zuweisungsprozess. Die teilnehmenden Praxen befanden sich in der Deutschschweiz; in allen war eine APN tätig, in zwei zusätzlich eine MPK. Beide Berufsgruppen sind in Schweizer Hausarztpraxen bisher noch wenig verbreitet [4, 13, 14].
Die Ergebnisse zeigen, dass Patient*innen weiterhin überwiegend ärztlichen Fachpersonen zugewiesen werden. Direkte Zuweisungen an APN waren nur vereinzelt möglich. Gründe hierfür liegen unter anderem in gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie in Unklarheiten bezüglich der Kompetenzen und Aufgabenbereiche von APN. Einheitliche Stellenbeschriebe könnten die Delegation erleichtern und mehr Transparenz schaffen [3, 15].
Obwohl alle Praxen digitale Systeme für Dokumentation und Abrechnung nutzen, erfolgen viele Abläufe weiterhin analog. Für eine digitale Umsetzung des entwickelten Zuweisungsprozesses sind weitere technische und organisatorische Entwicklungen erforderlich [5, 16].
Aufgrund der kleinen Stichprobe ist die Aussagekraft der Studie begrenzt. Der entwickelte Zuweisungsprozess wurde jedoch von den beteiligten Fachpersonen positiv beurteilt und könnte den Zugang zur hausärztlichen Versorgung verbessern. Weitere Untersuchungen zur Übertragbarkeit sowie zur Rolle der APN und zur Digitalisierung des Prozesses sind notwendig [3, 16].
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Die vorliegende Studie untersuchte den Zuweisungsprozess in hausärztlichen Praxen mit APN in der Deutschschweiz und entwickelte daraus einen modifizierten analogen Zuweisungsprozess. Für dessen digitale Umsetzung sind weitere Untersuchungen erforderlich. Die Einführung dieses Zuweisungsprozesses erscheint grundsätzlich realisierbar, insbesondere unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen zur Delegation. Dabei kann der vereinheitlichte Stellenbeschrieb für APN in Schweizer Hausarztpraxen eine wichtige Orientierung bieten [3].
Dank
Ohne die tatkräftige Mithilfe der Kolleginnen und Kollegen auf dem Projekt sowie der Beiträge der Teilnehmenden wäre das Projekt nicht zu Stande gekommen.
Literaturangaben
- Eissler, C. and M. Zumstein-Shaha, Kompetenzniveaus neuer Rollen in der Schweizer Gesundheitsversorgung: eine Literaturrecherche [Competency levels of new roles in Swiss healthcare: a literature review]. Prävention und Gesundheitsförderung, 2022. 18(3): p. 308–315.
- Gysin, S., et al., Nurse practitioners in Swiss family practices as potentially autonomous providers of home visits: an exploratory study of two cases. Home Health Care Management & Practice, 2021. 33(1): p. 8–13.
- Müller, C., et al., Development and validation of a uniform job description for advanced practice nurses in Swiss primary care. HeilberufeScience, 2026. 17(1): p. 13–24.
- Teuscher, C., et al., Die aktuelle Versorgung von chronischen Erkrankungen in ländlichen Berner Hausarztpraxen [Current care of chronic diseases in rural GP practices in the canton of Bern]. Primary and Hospital Care – Allgemeine Innere Medizin, 2023. 23(3): p. 75–78.
- Fasnacht, D., Die Zukunft von Smart Health, in Smart Health: Ansätze zur Digitalisierung und Demokratisierung des Schweizer Gesundheitsökosystems, D. Fasnacht, Editor. 2025, Springer Fachmedien Wiesbaden: Wiesbaden. p. 285–312.
- Zumstein-Shaha, M., C. Eissler, and K.D. Stamp, Trans-Atlantic collaboration to establish a nurse practitioner-program in Switzerland. Nurse Education Today, 2024. 146: p. 106535.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), and Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Therapie des Typ-1-Diabetes. Langfassung [Therapy of type-1 diabetes. Long version], S. Leitlinie, Editor. 2023, Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF),: Berlin. p. 1–151.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), and Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Nationale Versorgungs-Leitlinie Typ 2 Diabetes. Langfassung [National treatment guideline type 2 diabetes. Long version]. 2023, Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF),: Berlin. p. 1–155.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), and Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Nationale Versorgungs-Leitlinie Chronische Herzinsuffizienz – Langfassung [National treatment guideline chronic cardiac insufficiency. Long version], in Nationale Versorgungsleitlinien, ÄZQ, Editor. 2023, BÄK, KBV, AWMF,: Berlin.
- Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesgesetz über die Forschung am Menschen (Humanforschungsgesetz, HFG), in 810.30, Vereinigte Bundesversammlung der schweizerischen Eidgenossenschaft, Editor. 2011, Bundesrat: Bern.
- Mayring, P. and T. Fenzl, Qualitative Inhaltsanalyse, in Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, N. Baur and J. Blasius, Editors. 2022, Springer: Wiesbaden. p. 691–706.
- Schaufelberger, M., et al., Red Flags. Expertenkonsens [Red Flags. Expert consensus]. 2024, Neuhausen a. R.: D&F editions.
- Mäder, W., Grundversorger sind die Hauptversorger. Schweizerische Ärztezeitung, 2024. 105(7): p. 42–45.
- Osińska, M., et al., Masterumfrage 2022. Befragung von in der Schweiz berufstätigen Absolventinnen und Absolventen eines pflegewissenschaftlichen Master of Science in Nursing Studiums, SBK, APN-CH, and INS, Editors. 2022, INS,: Basel. p. 1–13.
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- Zumstein-Shaha, M., et al., [Z-Pro triage process in primary care practices]. Frequenz, 2025.
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