Postdigital Musicking: Wie ein multimodaler Wandel die zeitgenössische Musik neu definiert

Die digitale Revolution hat längst eine neue Normalität geschaffen – doch ihr Einfluss auf die zeitgenössische Kunstmusik wird erst jetzt allmählich sichtbar. Das Projekt Postdigital Musicking untersucht, wie Digitalität, Technologiekritik und neue multimodale Praktiken das zeitgenössische Musikschaffen transformieren und welche Gestaltungsspielräume sich daraus ergeben.

Was bedeutet „postdigital“ – und warum ist das wichtig?

„Postdigital“ beschreibt eine Welt, in der digitale Geräte und Medien nicht mehr als etwas Besonderes gelten. Sie sind einfach da: in unseren Taschen, in unseren Wohnungen, im öffentlichen Raum – fest verankert, selbstverständlich, alltäglich. Im Hintergrund dieser neuen Normalität wirken verborgene und gerade deshalb umso wirkmächtigere digitale Infrastrukturen. Sie erschaffen eine Kommunikationskultur, die permanent unterschiedliche Bedeutungssysteme miteinander verschränkt – Sprache, Klang, Bild, Bewegung, Gestik, Raum, Objekte. Zwangsläufig üben sie dabei auch tiefgreifenden Einfluss auf die Kunst der Gegenwart aus. Sie formen, verschieben und strukturieren künstlerische Praktiken, bezeichnenderweise oft jenseits bewusster Wahrnehmung.

Für die zeitgenössische Musik heisst das: Komponierende und Performende beschäftigen sich heute nicht mehr «nur» mit Klängen. Ihr Gestaltungsdrang richtet sich vor allem auch auf Beziehungen, besonders auf jene, die digitale Geräte und Interfaces Tag für Tag erzeugen und verdinglichen. Daraus folgt, dass die Produktion, Rezeption und Distribution von Musik zunehmend durch die Interaktion unterschiedlicher Kommunikationsmodi geprägt wird, durch kollaborative Prozesse, Feedback-Schleifen und neue Communities of Practice. In diesem Zusammenhang spricht der Komponist und Medienkünstler Wolfgang Heiniger vom „multimodalen“ Charakter zeitgenössischer Musik. Doch wie genau diese multimodalen Konstellationen funktionieren und welche ästhetischen Phänomene daraus hervorgehen, ist bislang kaum untersucht. Genau hier setzt das Projekt an. (Spannende Texte von Wolfgang Heiniger sowie Dokumentationen seiner Arbeiten finden sich hier: http://wolfgangheiniger.de/doku.php?id=works)

Was das Projekt untersucht

Das Projektteam orientiert sich in seiner Forschungsarbeit an drei zentralen Leitfragen: Wie verändert die digitale Revolution die zeitgenössische Musik aus postdigitaler Perspektive? Wie verbinden heutige Kunstschaffende digitale Innovation mit Technologiekritik? Und welche neuen Handlungsspielräume eröffnen sich hierdurch für Komponierende, Performende und Publikum?

Um Antworten zu finden, beschäftigen wir uns nicht nur theoretisch und analytisch mit der jüngeren Musikgeschichte seit 2000. Unser Team lotet darüber hinaus selbst künstlerisch forschend musikalische Gestaltungsmöglichkeiten unter postdigitalen Prämissen aus. Wir untersuchen also die zeitgenössische Musik als soziale, materielle und mediale Praxis, als etwas, das im Zusammenspiel von Menschen, Dingen, Räumen und Technologien entsteht.

Vier Fallstudien – vier Blickwinkel auf die Musik der Gegenwart

Das Projekt widmet sich Entwicklungen in der zeitgenössischen Musik seit dem Jahr 2000 anhand von vier Fallstudien:

  1. Musiktheater und Mensch-Maschine-Konstellationen
    Wir untersuchen, wie europäische Musiktheaterformate seit 2000 durch Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen geprägt werden.
  2. Hybride Materialitätenu nd Räume 
    Wir analysieren, wie digitale und analoge Materialitäten ineinandergreifen und neue hybride Räume zwischen Geräten, Körpern und Codes entstehen.
  3. Postdigitale und postmigrantische Mobilität
    Wir erforschen, wieMusiker:innen in globalen Kontexten neue Formen kosmopolitischer Mobilität und künstlerischer Identität entwickeln.
  4. Postdigitale Subjektkonstellationen
    Wir untersuchen veränderte Formen von Agency in einer zunehmend von algorithmischer Logik geprägten Kultur und beleuchten, welche Verteilungen von Autorschaft, Handlungsmacht und Wahrnehmung daraus entstehen.

Das Multimodallab: ein Experimentierraum für neue Musikpraxis

Parallel zu den Studien betreiben wir als künstlerisch forschendes Team ein Multimodallab. So bezeichnen wir selbst geschaffene experimentelle Laborumgebungen, in denen beobachtete künstlerische Praktiken reinszeniert und gezielt modifiziert werden können. Unsere Versuchsanordnungen sollen Einsichten in die Wirkungslogiken zeitgenössischer musikalischer Praxis eröffnen. Dabei wird Musik begreifbar und bearbeitbar als ein Geschehen, das durch komplexe Versammlungen menschlicher und nicht-menschlicher Aktanten erzeugt wird – ganz im Sinne von Bruno Latours Actor Network Theory. (Einführender Originaltext von Bruno Latour: ‚Reassembling the Social – An Introduction to Actor-Network-Theory‘, eine prägnante Einführung in die Grundgedanken der ANT, verfügbar als PDF: https://www.uni-weimar.de/kunst-und-gestaltung/wiki/images/Latour-introduction-to-ant-theory.pdf)

Warum dieses Projekt wichtig ist – für Forschung und Praxis

Das Projekt knüpft an Dirk Baeckers Beschreibung der «Nächsten Gesellschaft» an: an eine Welt, in der Technik nicht länger Werkzeug, sondern Bedingung sozialer Handlung ist. In diesem Kontext verliert das autonome Subjekt seine Plausibilität; stattdessen tritt eine relationale Form von Agency hervor, die Involviertheit und Mitverflochtensein betont. Postdigital Musicking liefert damit nicht nur eine analytische Perspektive auf die zeitgenössische Musik, sondern zeigt, wie diese selbst zum Labor wird.

Für Künstler:innen bedeutet das neue Möglichkeiten, mit Räumen, Medien und Körpern zu arbeiten. Für die Wissenschaft erschliesst es Wege, Musikgeschichte, Ethnografie und künstlerische Forschung miteinander zu verbinden. Für Institutionen liefert es Impulse, wie Musikpädagogik, Vermittlung und Forschung in einer postdigitalen Welt aussehen können.


Weitere Informationen zum Projekt

https://www.hkb.bfh.ch/de/forschung/forschungsprojekte/2024-228-304-518/

Creative Commons Licence

AUTHOR: Leo Dick

Prof. Dr. Leo Dick unterrichtet Komposition an der HKB und koordiniert im Institut Interpretation das Forschungsfeld „Schnittstellen der zeitgenössischen Musik“. Als freischaffender Komponist ist er vor allem im Bereich Musiktheater tätig.

AUTHOR: Katelyn King

Katelyn King ist Musikpraktikerin und künstlerische Forscherin im Bereich Theater, zeitgenössische und experimentelle Musik. Ihre Arbeit befasst sich mit postdigitalen Formen des erfahrungsorientierten Musiktheaters und untersucht das Zusammenspiel von Elektronik und Perkussion. Sie promoviert derzeit im Bereich Artistic Research an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

AUTHOR: Tassilo Tesche

Dr. Tassilo Tesche ist Szenograf, Theaterwissenschaftler und künstlerischer Forscher und arbeitet zwischen Bern und München. An der HKB unterrichtet er seit 2010 regelmässig Szenographie im Fachbereich Musik (BA Sound Arts und MA Music Composition) und war an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt.

AUTHOR: Johannes Werner

Johannes Werner studierte Schlagzeug und Neue Musik in Stuttgart und Bern. Er arbeitet multimedial an den Schnittstellen zwischen aktueller Musik, Performance und Musiktheater. Körper, Sprache und Text sind ebenso Gegenstand seines Schaffens wie Audio- und Videoprogrammierung oder Lichtdesign. Thematisch liegt ein Schwerpunkt seiner Arbeit auf verschiedenen Beobachtungen postdigitaler Gesellschaftsformen.

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