Inhalt vs. Verpackung: Die Bedeutung des Absenders für die Akzeptanz von Klimamassnahmen

Welchen Effekt auf die Akzeptanz von Massnahmen der Klimapolitik hat es, wenn sie von bestimmte*n Urheber:innen («Absender») stammen? Diese Frage wurde in einem BFH-Forschungsprojekt experimentell untersucht. Die vorgefundenen Unterschiede fallen beträchtlich aus und zeigen, dass die Zustimmung zu Klimaschutzmassnahmen durchaus von ihren Absendern abhängt.

Im Rahmen des Forschungsprojekts «Suffizienz & Politik» wurde mittels einer repräsentativen Befragung untersucht, wie die Schweizer Bevölkerung verschiedene Suffizienz-Massnahmen beurteilt. Suffizienz-Massnahmen wollen zu einer Veränderung von Verhaltensweisen und Konsummustern beitragen, die zu einem geringeren Verbrauch von Ressourcen führen und somit zu einer Stärkung der Nachhaltigkeit beitragen. Suffizienz bezeichnet das Prinzip, durch Verhaltensänderungen und Konsumverzicht den Ressourcenverbrauch zu senken.

Ein Experiment des Projekts ging der Frage nach, welchen Effekt die Nennung der Urheberschaft eines bestimmten Vorschlags (d.h. von wem der Vorschlag stammt) auf dessen Zustimmung hat. Besonders interessant ist dabei die Aufschlüsselung nach dem politischen Wahlverhalten der Befragten. Welchen Unterschied macht es für die Zustimmung, ob ein Massnahmenvorschlag aus dem eigenen oder dem gegnerischen politischen Lager stammt?

Im Experiment wurden die Umfrageteilnehmenden gefragt, ob sie der Einführung progressiver Stromtarife (d.h. der Preis pro Kilowattstunde steigt mit zunehmendem Stromverbrauch) zustimmen würden oder nicht. Dieser Vorschlag wurde bislang weder von Interessengruppen noch von Parteien breit diskutiert. Somit hat darüber noch keine Debatte in der breiten Öffentlichkeit stattgefunden und man kann davon ausgehen, dass die meisten Befragten diesbezüglich noch keine gefestigte Meinung haben.

Die Umfrageteilnehmenden wurden entweder einer Kontrollgruppe, der die Frage in neutraler Form, also ohne Hinweis auf eine bestimmte Urheberschaft, gestellt wurde, oder einer von fünf Treatmentgruppen zugeteilt. Den Treatmentgruppen wurde jeweils einer der folgenden Absender genannt: der «WWF», der «Wirtschaftsdachverband Economiesuisse», die «SVP», «die Wissenschaft (ETH)» oder «ein Bürgerrat». Pro Gruppe liegen jeweils 305 bis 333 Antworten vor, was eine verlässliche Analyse ermöglicht. Die Verteilung der Befragten auf die insgesamt sechs Gruppen erfolgte zufallsbasiert.[1]

Frageformulierung in der Kontrollgruppe und in der Treatmentgruppe «SVP»

Kontrollgruppe:

Eine mögliche Massnahme, um einen suffizienteren Umgang mit Energie zu fördern, stellen progressive Stromtarife dar. Bei diesen würde der Preis pro Kilowattstunde umso teurer werden, je mehr man davon verbraucht.

Treatmentgruppe «SVP»:

Als mögliche Massnahme, einen suffizienteren Umgang mit Energie zu fördern, schlägt die Schweizerische Volkspartei (SVP) progressive Stromtarife vor. Bei diesen würde der Preis pro Kilowattstunde umso teurer werden, je mehr man davon verbraucht.

Zusätzlich wurde in der Umfrage unter anderem danach gefragt, welche Partei einem am nächsten steht.[2] Somit lässt sich feststellen, ob und in welche Richtung die parteipolitische Nähe mit der unterschiedlich dargestellten Urheberschaft der vorgeschlagenen Suffizienzmassnahme zusammenhängt.

Die in der Tabelle 1 dargestellten Ergebnisse konzentrieren sich auf die Frage, welchen Einfluss die Nennung der SVP auf die Akzeptanz von progressiven Stromtarifen hat. Die Werte stehen für die prozentuale Zustimmung zur vorgeschlagenen Massnahme. Die erste Spalte mit der Kontrollgruppe, also mit der Frage ohne die Nennung einer spezifischen Urheberschaft, zeigt das erwartbare Bild: Die geringste Zustimmung findet sich unter SVP-Wähler:innen (nur 13%), während die höchste Zustimmung die Anhänger:innen der Grünen verzeichnen (über 87%).

Die relativ grosse Differenz zwischen den Wähler:innen der Grünen und denjenigen der SP (mit “nur” 68% Zustimmung) kann dahingehend interpretiert werden, dass die Massnahme sowohl eine umwelt- als auch eine sozialpolitische Komponente aufweist, nämlich dass die Energiekosten für Personen mit geringen Einkommen gleich stark steigen würden wie für Personen mit hohem Einkommen. Dieser Aspekt hat für die SP-Wählerschaft vermutlich eine grössere Bedeutung als für die Grünen.

Doch zurück zum Effekt der Nennung der SVP als Urheberin auf die Akzeptanz der Massnahme: In diesem Fall schnellt die Zustimmung bei den SVP-Wähler*innen um ganze 40 Prozentpunkte in die Höhe. Und auch bei den anderen bürgerlichen Parteien (Mitte, FDP) ist dadurch eine erhöhte Zustimmung zu verzeichnen (bei der FDP-Wählerschaft um fast 13 Prozentpunkte).

Diesen sehr deutlich ausgeprägten Effekten stehen jedoch ebenfalls sehr starke Effekte, wenn auch in umgekehrter Richtung, bei den Wähler*innen der GLP, SP und den Grünen gegenüber. Bei diesen sinkt die Zustimmung aufgrund der blossen Nennung der SVP als Absender des Vorschlags; am stärksten bei der SP (minus 19 Prozentpunkte) und etwas schwächer bei den Grünen um mehr als 15 Prozentpunkte.

Tabelle 1: Differenz zum Zustimmungswert der Kontrollgruppe nach Parteinähe (in Prozentpunkten)

Zustimmung in KontrollgruppeNennung der SVP
Mitte43.8+10.3
FDP47.0+12.9
SVP13.0+40.1
SP68.0-19.0
Grüne87.2-15.6
GLP66.2-17.0

Lesebeispiel: Befragte, die sich als Wählende der Mitte-Partei bezeichnen, weisen einen um 10,3 Prozentpunkte höheren Zustimmungswert auf, wenn die SVP als Urheberin des Vorschlags angegeben wird.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesem Experiment für die Praxis ziehen?

  1. Die Parteien üben mit ihrer Kommunikation offensichtlich nach wie vor einen starken Einfluss auf die politische Haltung der Bürger:innen aus. Dies ist angesichts langanhaltender Diskussionen um sich auflösende Parteibindungen und gerade in Zeiten des digitalen Medienwandels keine Selbstverständlichkeit und zumindest für die Parteizentralen eine gute Nachricht.
  2. Gleichzeitig sind die Ergebnisse ein Zeugnis der politischen Polarisierung. Ein Vorschlag wird von einem erheblichen Teil der Wähler:innen als gut oder schlecht befunden, nur weil er (vermeintlich) von einer bestimmten Partei propagiert wird. Der Vorschlag wird nicht nach dessen Inhalt beurteilt, sondern nach dessen Urheberschaft.

Die Resultate dürfen allerdings nicht überinterpretiert werden, da sich die Befragten im Experiment nicht vertieft mit dem Massnahmenvorschlag auseinandersetzen konnten und natürlich auch keine Einbettung in eine reale politische Berichterstattung stattgefunden hat. Die Ergebnisse werfen aber ein Schlaglicht darauf, aufgrund welcher Kriterien politische Vorschläge beurteilt werden und kann für die Praxis in der Kampagnenarbeit durchaus relevant sein. Wie politische Massnahmen z.B. zu einem nachhaltigeren Umgang mit digital bedingtem Energieverbrauch beitragen können, hängt also auch davon ab, wer sie vorschlägt.

 


[1] Mit Blick auf ethische Standards wurden die Befragten der fünf Treatmentgruppen im Nachhinein darüber informiert, dass es sich um ein Experiment gehandelt hat und dass ihnen fiktive Absender genannt wurden.

[2] An der Befragung nahmen 4’118 stimmberechtigten Personen aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz teil. Die Daten wurden nachträglich anhand von Alter, Geschlecht und Parteiwahl gewichtet.

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AUTHOR: Daniel Schwarz

Daniel Schwarz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule. Er beschäftigt sich vorwiegend mit Themen der politischen Partizipation und der digitalen Demokratie.

AUTHOR: Annique Lombard

Annique Lombard ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule. Sie beschäftigt sich mit Themen der politischen Partizipation und Suffizienz.

AUTHOR: Jan Fivaz

Jan Fivaz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule. Er beschäftigt sich vorwiegend mit Themen der politischen Partizipation, Suffizienz und der digitalen Demokratie.

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