Die digitalen Sünden – Teil 2: Der unordentliche Umgang mit Digitalität
In Teil 1 dieser Serie ging es darum, dass wir zu viel auf Nebensächliches schauen und nicht darüber sprechen, wie die digitale Transformation konkret die Welt zum Besseren verändern soll. In Teil 2 geht es um die andere Seite der Medaille: Wir ignorieren bei der Umsetzung der digitalen Transformation häufig wesentliche Aspekte, weil wir sie für nebensächlich halten.
Es gibt viele Formen von Schlampigkeit. Aber Digitalität strahlt etwas durch und durch Ordentliches aus, besteht sie doch aus geordneten Folgen von Nullen und Einsen. Was soll daran schlampig sein?
Ein illustrativer Rückblick: Schweizer E-Government
Stellen Sie sich vor, Sie fahren ein Auto einer berühmten Marke, welches jedes Mal, wenn Sie aufs Gaspedal treten, bremst und zum Stillstand kommt. Wie fühlt sich die Vorstellung an? Genau dieses Phänomen war in der Vergangenheit im Schweizer E-Government zu beobachten. Die Versuche, seine Entwicklung zu beschleunigen, endeten immer wieder in einer weiteren Verlangsamung.
So wurde zwecks Beschleunigung die wissenschaftliche Begleitung in Schlüsselprojekten entsorgt – «weil die Wissenschaft macht alles langsamer und wir müssen schnell vorwärts machen» – unter anderem bei einem Projekt, das 20 Jahre später noch immer nicht abgeschlossen ist. Und statt fachlich sauber die Probleme zu lösen wurden sie durch Negation oder Delegation an Organisationen mit grossem Namen gelöst.
Was dabei manche Organisationen mit grossen Namen aufführten, ist so skurril wie lehrreich. Zu den Geistesblitzen zählte unter anderen, Adressnachweise über Kreditkartenfirmen zu erbringen oder die Technik eines Militärflughafens für E-Government wiederzuverwenden. Aber auch renommierte Expert*innen lieferten originelle Beiträge, die gute Konzepte im falschen Kontext präsentierten.
Oft war das Problem der übergrosse Idealismus: Ein Beispiel dafür ist die mittlerweile geschlossene Geschäftsprozessaustauschplattform, welche daran scheiterte, dass man erst im Nachhinein sich auf die Suche nach einem Geschäftsmodell begab. Oder das Vertrauen in die Selbstorganisation war zu gross: So produzierte die Schweiz sehr viele E-Government Standards, die wenig genutzt werden. Ein Fehler bei der eifrigen Standardisierung war, dass man auf erprobte Vorgehensweisen und Praktiken aus der Legislative setzte (Vorstösse und Vernehmlassungen). Leider gibt es zwischen Gesetzen und Standards grosse Unterschiede: Standards kann man ignorieren, Gesetze nicht – und der Nutzen von Gesetzen ist meist sehr viel unmittelbarer als der Nutzen von Standards. Eine wirksame Standardisierung kann zwar Erfahrung aus der Legislative nutzen, sollte sich aber auf jene Fälle konzentrieren, in denen Gesetze primär Enabler-Funktion haben.
Was wie ein kleines Detail aussieht – legislative Praktiken im Allgemeinen versus legislative Praktiken in speziellen Bereichen – wie ein akademisches Detail wirkt und vielen Rechtsexperten unbekannt ist, macht einen grossen in Unterschied in der Wirkung aus.
Tatsächlich ist der schlampige Umgang mit Digitalität oft idealistisch, pragmatisch und erfahrungsbasiert – und kommt häufig höchst ordentlich daher. Menschen, welche dem Gemeinwohl dienen wollen, setzen auf unpassende Heuristiken. Zum eigentlichen Problem wird das erst, wenn der kritische Diskurs fehlt. Und der tut das fast immer.
Das Ergebnis ist meist schlechtes Design: Vorgehensqualität, Produktqualität und die Nutzungsqualität sind mangelhaft. Das ist manchmal gewollt (teils im Guten, teils im Schlechten), manchmal eine Form von falsch verstandener Gutmenschlichkeit. Es gibt aber auch dritte Ursache: die ideologische Einseitigkeit.
Das Ausblenden der Perspektiven anderer Disziplinen
Natürlich ja – ja, natürlich. Nein – natürlich nicht wirklich!
Alle sind für Interdisziplinarität (oder – moderner noch – für Transdisziplinarität), nur nicht in der Praxis! Und das hat gute Gründe: Dafür ist man, weil das Für-Interdisziplinarität-Sein kulturelle Norm ist. In der Praxis negiert man sie aber, weil sie teuer, intellektuell anspruchsvoll und schädlich für die individuelle Glaubwürdigkeit und den beruflichen Erfolg ist, und weil sie bei objektiven Bewertungsverfahren regelmässig abgestraft wird. Ausnahmen? Ja, sie werden sogar mehr, aber bleiben in Summe marginal.
Es ist natürlich völlig ok, dass Menschen sich auf ihre eigene Fachdisziplin beschränken und andere ignorieren – auch in Sachen Digitalisierung. SW-Entwickler*innen dürfen den Anwendungsbereich, die Rechtslage, die ökonomischen Aspekte, die kulturellen Aspekte, Ethik und Nachhaltigkeit ignorieren. Jurist*innen dürfen Technologie regulieren, ohne sie zu verstehen. Manager*innen dürfen der IT unerfüllbare Vorgaben machen oder eine technisch nicht unterstützbare Governance formulieren. Und keiner von den Genannten muss sich um kulturelle Aspekte kümmern. Die Beschränkung auf die eigene Fachdisziplin kann man niemand vorwerfen – genauso wie man einer Theaterregisseurin, welche Dürrenmatts Physiker inszeniert, nicht vorwerfen kann, dass sie nichts von Physik versteht.
Es gibt nur ein klitzekleines Problem: monodisziplinäre Digitalisierung funktioniert schlecht, in vielen Fällen sogar gar nicht. Multidisziplinarität kann helfen, aber auch sie genügt meist nicht. So scheitert beispielsweise das aus der Informatik entlehnte Konzept der «Schnittstellen zwischen monodisziplinären Teams verschiedener Disziplinen» am gegenseitigen Nicht-Verstehen und Nicht-Miteinander-Kommunizieren-Wollen (i.e. der «ontologischen Diskrepanz»). Notwendig ist, dass mehrere Fachdisziplinen zusammen adressiert werden, nicht nur jede einzeln für sich.
Die Unsichtbarkeit der strukturellen Defizite
Doch die Einsicht in diese Notwendigkeit fehlt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich die Probleme des mono- und multidisziplinären Vorgehens in Digitalisierung nicht als solche zeigen. Ich habe noch nie erlebt, dass etwas als monodisziplinär kritisiert wurde. Im Fall sprach man meist von Fehlern. Man kritisierte, dass Lösungen schlecht designt, schlecht eingeführt, falsch benutzt, ungenügend kontrolliert wurden. Oder man vertuschte es oder behauptete, dass ein Erfolg gar nicht möglich gewesen wäre. «Das Scheitern war unausweichlich, weil die Datenschützer es erzwungen haben!»
Die Folgen sind unter anderem die wiederkehrenden IT-Skandalprojekte in der öffentlichen Verwaltung und das sinnlose Verbrennen von Geld mit digitalen Innovationen in der Privatwirtschaft. Wenn man sich die gescheiterten Projekte genauer anschaut, sieht man häufig, dass wichtige fachdisziplinäre Aspekte nicht geklärt wurden, weil man sie für nebensächlich hielt – aus unterschiedlichen Gründen: Auf Auftraggeberseite war niemand für den Erfolg verantwortlich, die Ressourcen für die Projektleitung waren zu gering oder wurden für andere Aufgaben abgezogen, die Auftragnehmer hatten keine Lust nichttechnische Aspekte zu berücksichtigen, es gab nie einen Konsens im Umsetzungsteam darüber, was alles wichtig ist (oder auch nur, worum es im Projekt überhaupt geht). Und so weiter. Vieles davon lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Es hat niemand interessiert, dass durch das Digitalisierungsvorhaben tatsächlich ein praktischer Nutzen entsteht: das Ergebnis war von geringer Bedeutung, die Folgen waren für niemand persönlich wichtig.
Systematische Ignoranz aus Überzeugung
Trotz der Absenz von «Accountability» müssten die Ergebnisse und Outcomes nicht so unbefriedigend sein, wie sie oft sind. Der Elefant im Raum ist logisch autoritäres Denken.
Beobachtet man mit etwas Distanz, wie Menschen zur Digitalisierung stehen und mit ihr umgehen, so zeigt sich: Autoritäres Denken ist weit verbreitet, wobei zwei extreme Lager dominieren. Das eine Lager betrachtet IT als untergebene Dienerin. Das andere Lager steht für IT-Kompetenz und tritt gegenüber der Welt auf wie einst die römischen Statthalter in der Provinz.
Dazwischen gibt es nicht viel. Zwar verwenden viele Menschen je nach Situation die Argumente des einen oder des anderen Hauptlagers, aber eine genuine Zwischenposition vertreten nur die Bindestrich-Informatik-Disziplinen: Rechtsinformatik, Wirtschaftsinformatik, Verwaltungsinformatik.
Das erste Hauptlager umfasst viele Sozialwissenschaftler*innen, Führungskräfte, Expert*innen. IT ist in der Betriebswirtschaftslehre eine Ressource wie andere auch. Darin liegt eine tiefe Wahrheit – wie die «Ressource Mensch» ist sie sehr eigenwillig – aber diese wird ignoriert. Viele für Ressourcen verantwortliche Führungskräfte argumentieren scheinbar logisch, wenn es um IT-Belange geht, stützen sich dabei aber auf Erfahrungen, Konstrukte und Konzepte des analogen Alltags und kommen sie völlig falschen Schlussfolgerungen. Viele Expert*innen für einzelne Wirtschaftssektoren gehen davon aus, dass sich die Ökosysteme ihres Sektors mit der Digitalisierung nicht verändern werden. Weiters argumentieren viele Ethiker*innen rein normativ und aus dem Blickwinkel der analogen Welt. Viele neue Gesetze regulieren die digitale Wirtschaft so, als wäre die Umsetzbarkeit kein Thema. Unzählige Projektleiter*innen halten Vorträge darüber, dass Technik nie das Problem sei. Und, und, und.
Dieses bunt gemischte erste Hauptlager lebt in der Illusion, sich auszukennen. Und sie tun dies auch – allerdings in einer anderen als der digitalen Welt.
Das zweite Hauptlager sieht die Welt aus der IT-Brille und will sie sich untertan machen. Programmierer*innen, visionäre Unternehmer*innen, Wissenschafter*innen, Philosoph*innen, Autodidakt*innen et. Vertreten jeweils auf ihre Weise das Primat der Technik. Sie betrachten die Inhalte digitaler Plattformen als wertlos, wollen Fairness technisch garantieren, komplexe Probleme in appisierbare Häppchen zerlegen, etc. – und sie meinen u.a., dass die Elimination von Arbeitsplätzen für Menschen unvermeidbar und die Herrschaft der KI unausweichlich seien.
Dieses zweite Hauptlager steht in der Tradition des Weltveränderns durch menschliches Design. Innovatives Design brachte uns einst Landwirtschaft, Bürokratie, Mathematik, Gesetzgebung, Sport, Theater, Demokratie etc. und der Glaube daran bescherte uns zuletzt 400 Jahre zukunftsoptimistischer Moderne. Aber es war auch immer wieder Anlass für menschen-, tier- und naturverachtende Praktiken.
Was tun?
Wir müssen die extremistischen Wohlfühlzonen verlassen, egal ob wir dem ersten oder dem zweiten Hauptlager angehören – oder, wie viele, von Fall zu Fall dem einen oder dem anderen zuneigen.
Es braucht gar nicht viel. Es reicht aus, dass beim Design digitaler Lösungen alle situativ relevanten Disziplinen adäquat berücksichtigt werden, hoher tatsächlicher Nutzen angestrebt wird und Missbrauch antizipiert und eingeschränkt wird. Oder um es ein ganz klein wenig idealistisch zu formulieren: Es genügt, wenn (nicht der Mensch, sondern) die Menschen im Zentrum digitaler Innovation stehen.
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