«Wir sind alle mit dem Phänomen Datenkolonialismus verbunden» 

Der Medienwissenschaftler und Experte für Datensouveränität, Ulises Mejías, war anlässlich eines Forschungsaufenthaltes vergangenen Mai einige Wochen zu Gast an der BFH Wirtschaft. Im Interview spricht er über seinen Eindruck von Bern, Datenkolonialismus und die Relevanz des Themas für den öffentlichen und privaten Sektor. 

Sie waren zum ersten Mal in der Schweiz. Wie haben Sie Ihren Besuch erlebt? 

Prof. Dr. Ulises Mejías: Mein Besuch war wunderbar. Alle an der BFH waren so nett und gastfreundlich. Ich hatte die Gelegenheit, alte Freunde wiederzutreffen und neue zu finden. Ich habe sogar ein Volksmusikfestival besucht. Beruflich gesehen war es eine grossartige Erfahrung, meine Arbeit mit Student*innen, Dozent*innen, Forscher*innen sowie Vertreter*innen der Medien und der Verwaltung zu diskutieren. 

Das Thema Datenkolonialismus, zu welchem Sie an der TRANSFORM 2022 eine Keynote Speech hielten, ist ein eher junges Diskussionsfeld. Welche Reaktionen haben Sie erhalten? 

Ich führte den ganzen Tag über viele interessante Diskussionen. Natürlich bestand die erste Reaktion oft darin, die Verwendung des Wortes «Kolonialismus» in Frage zu stellen und sich zu fragen, ob ein solches Konzept für die Schweiz überhaupt relevant ist. Der Vergleich, den mein Co-Autor Nick Couldry und ich zwischen dem historischen Kolonialismus und dem aufkommenden Datenkolonialismus anstellen, beruht nicht auf der Form oder dem Inhalt, sondern auf der Funktion des Kolonialismus, der Extraktion. Diese Erklärung half. So empfanden meine Diskussionspartner*innen es als nützliches Modell, um über die Auswirkungen des Data Mining auf unsere Gesellschaften zu sprechen und darüber, wer davon profitiert und wer nicht. Ich fand es ausserdem sehr produktiv, darüber zu diskutieren, wie der Datenkolonialismus in der Schweiz Gestalt annimmt. Und wie er durch individuelle Unternehmensstrategien sowie durch die Politik bekämpft werden kann. 

Auch die Stadt Bern hat eine koloniale Vergangenheit – wenn auch nicht auf den ersten Blick. Sie haben während Ihres Besuchs an einem Stadtrundgang zu den Spuren des Kolonialismus teilgenommen. Welche Aspekte sind Ihnen in Erinnerung geblieben? 

Ich habe viel über die Zirkulation von Rohstoffen gelernt, über die Art und Weise, wie das Finanzwesen die Welt seit Jahrhunderten verbindet. Und darüber, wie sich Ereignisse in anderen Teilen der Welt lokal auswirken, auch in Bezug auf Gewalt und Rassismus. Ich denke, das sind alles Lektionen, die man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man heute über Daten spricht. Wir haben zudem darüber gescherzt, dem Rundgang eine Komponente über Datenkolonialismus hinzuzufügen. Die «Beweise» sind vielleicht schwieriger zu erkennen. Aber wir können sie in Städten wie Bern in Form von Infrastrukturen, Institutionen und lokalen Auswirkungen globaler Trends sehen. 

Wo sehen Sie eine Verbindung zwischen dem Kolonialismus von Bern und dem heutigen Datenkolonialismus? 

Jemand hat mir gegenüber erwähnt, dass die Hälfte des in Brasilien geförderten Goldes in Schweizer Banken vermarktet wurde. Da es beim Datenkolonialismus um die Monetarisierung der Daten geht, die aus unserem sozialen Leben gewonnen werden, habe ich mich gefragt, wie viel von diesem Reichtum heute in Schweizer Banken gespeichert und vermehrt wird. Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht. Mir ist klar, dass das nicht bedeutet, dass der Reichtum buchstäblich in einer Bank in Bern gelagert wird. Aber der Punkt ist, dass wir alle auf die eine oder andere Weise mit dem aufkommenden globalen Phänomen, dem Datenkolonialismus, verbunden sind. 

Planen Sie eine weitere Zusammenarbeit mit der BFH und unserem Institut Public Sector Transformation? 

Ja, natürlich! Einer der wichtigsten Aspekte der Reise war die Möglichkeit, meine Arbeit mit den Student*innen an der BFH Wirtschaft zu diskutieren. Ich hoffe, dass ich diese Gespräche fortsetzen kann. Ich denke auch, dass das Institut Public Sector Transformation eine sehr wichtige Arbeit leistet, indem es eine öffentliche Diskussion über digitale Governance und Souveränitätsfragen anstösst. Ich freue mich auf die künftige Zusammenarbeit in diesen Themen. 

Wie sehen Ihre Pläne für die nächsten Monate aus? 

Es wird viel los sein: Ich halte weitere Vorträge, beginne nach einem schönen Sabbatical wieder mit meiner Lehrtätigkeit und arbeite an einigen neuen Schreibprojekten. Ich hoffe auch, dass ich irgendwann in die Schweiz und nach Bern zurückkehren kann! 


Zur Person 

Ulises Mejías ist ausserordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaften und Direktor des Institute of Global Engagement an der State University New York, College at Oswego. Gemeinsam mit Nick Couldry hat er das Buch «The Costs of Connection» geschrieben. Im Rahmen eines Fulbright Stipendiums weilte er im Mai 2022 an der BFH Wirtschaft und hielt neben öffentlichen Lehrveranstaltungen die Keynote-Speech an der Konferenz TRANSFORM 

AUTOR/AUTORIN: Jasmine Streich

Jasmine Streich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Public Sector Transformation des Departements Wirtschaft der Berner Fachhochschule. In ihrer Forschungstätigkeit beschäftigt sie sich mit digitaler Barrierefreiheit und der Transformation des öffentlichen Sektors.

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