Welche Kompetenzen die Angestellten einer digitalen Verwaltung brauchen

Digitale Dienstleistungen für die Bürger*innen und effizientere Prozesse – das sind zwei der Ziele einer Verwaltung der Zukunft. Damit diese Transformation an Fahrt aufnimmt und schnell umgesetzt werden kann, braucht es Menschen, die dies umsetzen. Verständnis für Technologie ist dabei gar nicht mal so wichtig. Welche Fähigkeiten sie dafür brauchen und wie sie diese erlernen können, schildert unser Autor.

Die digitale Transformation erfasst zunehmend auch den öffentlichen Sektor. Nach einem Viertel Jahrhundert Erfahrung im E-Government mit beschränkter Reichweite in die Verwaltung wird zunehmend der Ruf nach «digital first» laut (Mergel 2019). Die Digitalisierung bietet innovative Möglichkeiten, aber nur, wenn sich bei der Mitarbeitendenbefähigung nicht allein auf die technologischen Skills fokussiert wird. Welches aber diese Skills genau sind, über welche die öffentliche Verwaltung verfügen sollte, ist noch Gegenstand von kleinen und grösseren Untersuchungen.

Das Institut Public Sector Transformation hat zusammen mit dem eGov Innovation Centre der HES-SO im Auftrag der Digitalen Verwaltung Schweiz (DVS, ehemals E-Government Schweiz) im Rahmen der Umsetzungsziele der E-Government-Strategie (2020–2023) die «Kenntnisse des Nutzenpotentials von digitalen Prozessen bei der öffentlichen Verwaltung» untersucht. Hintergrund dieses Auftrags ist die Erkenntnis, dass die öffentliche Verwaltung auf allen föderalen Ebenen einen gezielten Kompetenzaufbau vornehmen sollte, deren Kompetenzen und Fähigkeiten aber bisher nur wenig konkret benannt worden sind.

Kompetenzen in 9 Kategorien

Der Untersuchung in der Schweiz vorausgegangen war etwa eine weit grösser angelegte Studie des Fraunhofer Institutes für offene Kommunikationssysteme (FOKUS) namens «Qualifica Digitalis»: Ein Qualifizierungsprogramm für den öffentlichen Sektor in Deutschland. In einer sehr umfangreichen Metastudie wurden die Kompetenzen, Perspektiven und Lernmethoden im digitalisierten öffentlichen Sektor, basierend auf der entsprechenden Literatur erhoben. Der breite Ansatz im Verständnis von digitalen Kompetenzen für die öffentliche Verwaltung überrascht zunächst einmal: Nicht weniger als 9 Hauptkategorien identifizierte die Untersuchung (Schmeling & Bruns, 2020)[1]. Diese Ergebnisse wiederum, konnten für die erwähnte Untersuchung für die Schweiz weitgehend übernommen werden (siehe Abbildung 1):

  1. «Data Literacy», auf den ersten Blick die Kompetenz für die digitale Transformation schlechthin, bildet dabei nur eine Kategorie.
  2. Weitere sind etwa «Gestaltung und Veränderung von Organisation und Prozessen mithilfe von IT»,
  3. «Kommunizieren und Zusammenarbeiten in digitalen Umgebungen» oder das
  4. «Problemlösen und Handeln im digitalen Umfeld».

Diese Kategorien bildeten den Orientierungsrahmen für die Untersuchung im öffentlichen Sektor der Schweiz. Mit halbstrukturierten Interviews konnten die ermittelten Kategorien mit E-Gov-Spezialist*innen aus Kantonen und grösseren Schweizer Gemeinden bewertet werden.

Abb. 1: Visualisierung Kompetenzen in einer digitalisierten Arbeitsumgebung 6 Kategorien (Gees et al. 2022)

Es zeigt sich, dass auf einer Skala von 1-4 sämtliche Handlungsfelder von den befragten Expert*innen als relevant erachtet werden. Keine Kategorie wurde in der Befragung mit weniger als 3.2 Punkten bewertet (Durchschnitt). Die Data Literacy (Kenntnisse und Fertigkeiten zum Umgang mit Daten entlang des Datenlebenszyklus, auch die Fähigkeit, Daten fachgerecht zu deuten) wird als unbestrittene Topfähigkeit bewertet. Interessant war dann die Gegenüberstellung, bzw. die Einordnung dieser Kompetenzen, wenn dieselben Expert*innen die bereits vorhandenen Fähigkeiten heute einstufen mussten (Spalte «Integration» in der Tabelle unten).

Einschätzungen der Expert*innen zur Relevanz und Integration der Kompetenzen (Gees et al. 2022).

Die Tabelle ist gegliedert nach den grössten Differenzen zwischen relevanten Kompetenzen (nach Einschätzung der E-Gov-Expert*innen bei Gemeinden und Kantonen). Hier zeigt sich, dass die Data Literacy den tiefsten Wert erhalten hat bezüglich bereits vorhandener Kompetenz (1 niedrigster Wert auf der Skala von 1-4). Relativ gut vorhanden sind die Kompetenzen „Suchen, Verarbeiten und Aufbewahrung von digitalen Informationen» sowie «Kommunizieren und Zusammenarbeiten in digitalen Umgebungen». Die anderen vier Kategorien müssen gemäss der Einschätzung stark gefördert werden.

Weiterbildung gegen Defizite

Mit der vorliegenden Untersuchung hat die Verwaltung in der Schweiz aber auch Weiterbildungsinstitutionen wie die Berner Fachhochschule erste Hinweise darauf, welche Defizite es unter den Mitarbeitenden zu beheben gilt. Die Data Literacy (manchmal auch Digital Literacy genannt), ist gemäss der Untersuchung ein vordringliches Postulat. Allerdings müssen die Angebote so entwickelt werden, dass sie in die Breite greifen, um so für Fach- und Führungskräfte, welche keine Datenspezialisit*innen sind, attraktiv und verständlich zu sein. Mit dem Certificate of Advanced Studies, CAS Public Sector Transformation, bietet die BFH Wirtschaft ab November 2022 eine Weiterbildung für Fach- und Führungskräfte aus dem öffentlichen Sektor an, welche zwar den Schwerpunkt auf die Datenkompetenz legt, aber einem umfassenden Ansatz zu den Digital Skills in der Verwaltung verpflichtet ist.


Literatur

[1] Das Projekt Qualifica Digitalis hatte eine Laufzeit von 2,5 Jahren (01.01.2020 bis 30.06.2022). Federführend war das Land Bremen, Projektverantwortlicher war Henning Lühr, Projektleiterin war Katja Lessing. Durchgeführt wurde das Projekt im wissenschaftlichen Kompetenzverbund mit dem Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS), dem Deutschen Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung (FÖV) und dem Institut für Informationsmanagement Bremen (ifib), vgl.  Schmeling und Bruns (2020), S 8.

Gees, Th, Delaloye, M.; Wüst, A., Baudet, C.; Sokhn, M (2022): Kenntnisse des Nutzenpotenzials von digitalen Prozessen bei der öffentlichen Verwaltung fördern. Schlussbericht im Auftrag von E-Government Schweiz zum Umsetzungsziel 20 (UZ20)

Mergel, I. (2019). Digitale Transformation als Reformvorhaben der deutschen öffentlichen Verwaltung. dms–der moderne staat–Zeitschrift für Public Policy, Recht und Management, 12(1), 21-22.

Schmeling, J., & Bruns, L. (2020). Kompetenzen, Perspektiven und Lernmethoden im digitalisierten öffentlichen Sektor.

AUTOR/AUTORIN: Thomas Gees

Dr. Thomas Gees ist Dozent am Institut Public Sector Transformation an der BFH Wirtschaft. Der promovierte Historiker leitet die Fachgruppe «Public Sector Innovation», die den öffentlichen Sektor bei strategischen Fragestellungen der Digitalisierung und des organisationalen Wandels sowie zu digital Skills begleitet.

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