Was moralische Werte für Corporate Social Responsiblity bedeuten

Immer mehr Unternehmen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Welche Rolle moralische Werte dabei spielen, untersucht die Studie, die David Risi von der BFH Wirtschaft gemeinsam mit Laurence Vigneau (Newcastle University), Stephan Bohn (Freien Universität Berlin) und Christopher Wickert (Vrije Universiteit Amsterdam) verfasst hat. Die Autoren erarbeiten, welche zwei Schlüsselfunktionen die Werte für Corporate Social Responsibility (CSR) haben können.

Corporate Social Responsibility (CSR) ist ein relevantes Managementkonzept für Unternehmen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen wollen. Im Mittelpunkt von CSR stehen die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft und insbesondere die Frage, wie diese Wechselwirkungen gesteuert werden können (Risi, 2022). Bei CSR geht es um die Einbeziehung sozialer, ökologischer und ethischer Aspekte in die gesamte Wertschöpfungskette eines Unternehmens, d. h. sowohl in interne Bereiche wie Logistik und Produktion als auch in externe Geschäftsprozesse und -praktiken in den Bereichen Logistik, Marketing, Vertrieb und Service (Wickert & Risi, 2019). Dementsprechend wird CSR weithin als das Managementkonzept angesehen, mit dem Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können (z.B. Europäische Union 2011; Matten und Moon, 2020; Staatssekretariat für Wirtschaft der Schweiz, 2020; Voegtlin et al., 2022).

Werte werden häufig unterschätzt

CSR-relevante Aspekte wie etwa der faire Umgang mit Mitarbeitern oder der Schutz der natürlichen Umwelt sind durch moralische Werte gekennzeichnet und verleihen diesen Aspekten ein normatives Gewicht in Wirtschaft und Gesellschaft. Moralische Werte haben ein normatives Gewicht und werden von Menschen als moralische Imperative erlebt und von diesen genutzt, um die Welt, einander und sich selbst zu beurteilen (siehe Kraatz et al., 2020, S. 477). Solche Werte sind wichtige, aber häufig unterschätzte Bestandteile von CSR, da sie das Handeln von Unternehmen über wirtschaftliche und rechtliche Aspekte hinaus beeinflussen und für Themenbereiche der CSR wie etwa faire Arbeitsbedingungen, Gleichberechtigung und Umweltschutz von zentraler Bedeutung sind. Obwohl CSR oft als ein Phänomen verstanden wird, das sich zentral auf moralische Werte konzentriert, da es auf «dem moralisch Richtigen» beruht (Bansal und Song, 2017; Wickert und Risi, 2019) und die Werte gesellschaftlicher Anspruchsgruppen, sogenannter Stakeholder, widerspiegelt (Bansal und Roth, 2000; Risi, 2022), wurde die Rolle der Werte noch nicht systematisch erfasst.

Anhand ihrer systematischen Analyse der Rolle moralischer Werte für CSR identifizierte das Autorenteam zwei zentrale Funktionen von Werten:

Die Brückenfunktion

Es wird gezeigt, dass Werte eine «Brückenfunktion» haben. Durch die Darstellung der Brückenfunktion von Werten in Bezug auf die Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Gesellschaft gelingt es, einen wesentlichen Faktor einzuführen, der die wechselseitige Beziehung zwischen CSR-Strukturen und -Handlung beeinflusst (Walker et al., 2019). Dies ist von entscheidender Bedeutung, da die CSR-Forschung unterschiedlich argumentiert hat, warum sich Unternehmen für CSR engagieren (Walker et al., 2019). Einerseits weisen strukturbasierte Erklärungen darauf hin, dass Unternehmen die institutionellen Strukturen ihres Umfelds widerspiegeln, indem sie die von der Regierung, dem Markt und der Zivilgesellschaft aufgestellten CSR-Vorschriften widerspiegeln. Andererseits gehen handlungsorientierte Erklärungen davon aus, dass Unternehmen CSR betreiben, um die begrenzten Aktivitäten der Regierung und anderer Institutionen bei der Bereitstellung von Strukturen zur Förderung von CSR zu ersetzen. Diese Debatte ist zwar noch im Gange, für das Verständnis von CSR aufgrund des Zusammenspiels beider Faktoren, sprich Strukturen und Handlung, aber wenig hilfreich. Die Brückenfunktion bezieht Handlung und Strukturen ein, um unternehmerisches Engagement für CSR zu erörtern und bietet somit einen fundierten Ansatz, um struktur- und handlungsbasierte Erklärungen für CSR zusammenzuführen.

Die Referenzfunktion

Es wird gezeigt, dass Werte eine «Referenzfunktion» haben. Die Ausarbeitung der Referenzfunktion von Werten liefert einen systematischeren Ansatz für die Auseinandersetzung mit den normativen Grundlagen von CSR und der zugrundeliegenden Idee eines verantwortungsvollen Managements der Interaktionen zwischen Unternehmen und Stakeholdern. Werte sind das Herzstück von CSR, da sie Unternehmern und Managern «das Richtige» vorschlagen (Bansal und Song, 2017; Wickert und Risi, 2019; Wicks, 1996) und somit eine Referenzfunktion in den Interaktionen zwischen Unternehmen und Gesellschaft ausüben. Werte sind von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, ob und in welchem Umfang Unternehmen Verantwortung für die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Tätigkeit übernehmen. Auch die Stakeholder stellen moralische Imperative für Unternehmen auf und beurteilen deren Aktivitäten danach, inwieweit sie mit diesen Imperativen in Einklang stehen. Die systematische Konzentration auf die Referenzfunktion von Werten erfasst somit den Umstand, dass CSR-relevante Aspekte wie der faire Umgang mit Mitarbeitern oder der Naturschutz für ein Unternehmen und seine Stakeholder ein normatives Gewicht haben, und Werte entsprechend sowohl von der Wirtschaft als auch von der Gesellschaft als folgerichtig empfunden werden.

Diese Arbeit legt die Grundlage dafür, dass moralische Werte expliziter für das Verständnis von CSR einbezogen werden. Die Untersuchung von Werten liefert neue Erkenntnisse darüber, wie CSR durch Strukturen und Handeln wechselseitig beeinflusst wird. Wahrscheinlich noch wichtiger ist aber, dass die Mobilisierung von Werten zu einem besseren Verständnis des normativen Kerns von CSR beiträgt und somit helfen kann, wirkungsvolle Forschung zu betreiben, die auf die Lösung der dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen ausgerichtet ist.


Die Studie «Institutional theory-based research on corporate social responsibility: Bringing values back in» ist im International Journal of Management Reviews erschienen.


Referenzen

  1. Bansal, P., and Roth, K. (2000). Why companies go green: A model of ecological responsiveness. Academy of Management Journal, 43, pp. 717–736.
  2. Bansal, P., and Song, H. C. (2017). Similar but not the same: Differentiating corporate sustainability from corporate responsibility. Academy of Management Annals, 11, pp. 105–149.
  3. European Union (2011). A renewed EU strategy 2011-14 for corporate social responsibility. Available at: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0681:FIN:EN:PDF
  4. Kraatz, M. S., Flores, R., and Chandler, D. (2020). The value of values for institutional analysis. Academy of Management Annals, 14, pp. 474–512.
  5. Matten, D., and Moon, J. (2020). Reflections on the 2018 decade award: The meaning and dynamics of corporate social responsibility. Academy of Management Review, 45, pp. 7–28.
  6. Risi, D. (2022). Institutional research on business and society: Integrating normative and descriptive research on values. Business & Society, 61, pp. 305–339.
  7. State Secretariat for Economic Affairs of Switzerland (2020). Corporate social responsibility (CSR). Available at: https://www.seco.admin.ch/seco/en/home/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit/Wirtschaftsbeziehungen/Gesellschaftliche_Verantwortung_der_Unternehmen.html
  8. Voegtlin, C., Scherer, A., Stahl, G., & Hawn, O. (2022). Grand Societal Challenges and Responsible Innovation, Journal of Management Studies, 59(1), 1-28.
  9. Walker, K., Ni, N., and Zhang, Z. (2019). The mirror effect: Corporate social responsibility, corporate social irresponsibility and firm performance in coordinated market economies and liberal market economies. British Journal of Management, 30, pp. 151–168.
  10. Wickert, C., and Risi, D. (2019). Corporate social responsibility. Cambridge: Cambridge University Press.
  11. Wicks, A. C. (1996). Overcoming the separation thesis: The need for a reconsideration of business and society research. Business & Society, 35, pp. 89–118.

AUTOR/AUTORIN: David Risi

David Risi istForschungsprofessor für Responsible Management an der BFH Wirtschaft. Er ist zudem assoziierter Senior Research Fellow an der Universität St. Gallen und assoziierter Postdoktorand an der Universität Zürich. In seiner Arbeit verbindet er empirische und konzeptionelle Methoden mit den Schwerpunkten Wirtschaftsethik und Managementtheorie.

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