Ein Label für digitale Verantwortung: Das Digital Trust Label

Mit der immer grösseren Bedeutung digitaler Anwendungen und einem steigenden Bewusstsein für digitale Risiken, rückt die Frage der digitalen Verantwortung ins Zentrum. Die Erwartungen gegenüber Unternehmen im Bereich Corporate Digital Responsibility nehmen zu. Nutzer*innen wünschen sich weniger Komplexität und mehr Transparenz sowie Möglichkeiten, mehr über digitale Anwendungen zu erfahren. Das Prinzip eines Labels kann auch in der digitalen Welt ein Teil der Lösung sein.

Nach rund zweijähriger Entwicklungszeit hat die in Genf ansässige Stiftung Swiss Digital Initiative (SDI) dank der Unterstützung diverser Partner und unter Einbezug verschiedener Stakeholder das weltweit erste Digital Trust Label lanciert. Mit dem Label bietet SDI ein mögliches Instrument an, um digitale Verantwortung und Vertrauen zu fördern.

Kaum ein Lebensbereich, der nicht durch digitale Anwendungen massgeblich beeinflusst wird. Vom Nachrichtenkonsum über die Arbeitswelt bis zur Interaktion mit staatlichen Behörden: digitale Anwendungen begegnen uns überall, erst recht seit dem Digitalisierungsschub durch die Pandemie. Mit der steigenden Nutzung werden wir uns immer bewusster, mit welchen Risiken digitale Anwendungen verbunden sind und welche ethischen Fragen sich selbst hinter scheinbar harmlosen Anwendungen verbergen. Von fast täglich berichteten Vorfällen von Datendiebstahl oder Missbrauch, hin zur Feststellung, dass gewisse Anwendungen problematische Fragen, zum Beispiel Diskriminierung, aufwerfen.

Vom Bio-Label für Lebensmittel zum Digital Trust Label für Apps

Doch wo es in anderen Lebensbereichen bereits Hilfestellungen gibt, z.B. Energiesparlabels oder Bio-Label für Lebensmittel, so werden Nutzer*innen in der digitalen Welt allein gelassen. Wenn Informationen über digitale Anwendungen verfügbar sind, dann in einem solchen Übermass und einer Dichte, dass sie selten gelesen und verstanden werden. Wer kann schon von sich behaupten, jedes Mal die AGBs und Datenschutzerklärungen bis zum Ende durchzulesen?

Das Digital Trust Label schafft Abhilfe. Es verdeutlicht auf einen Blick, ob eine digitale Anwendung in den Bereichen Sicherheit, Datenschutz, Verlässlichkeit und faire User-Interaktion die notwendigen Kriterien erfüllt. So schaffen beispielsweise die Kriterien der vierten Dimension mehr Transparenz in Bezug auf künstliche Intelligenz und deren Ausprägungen wie z.B. automatisierte Entscheidungsmechanismen, die aus ethischer Sicht besonders problematisch sein können, z.B. Zuteilung von Schulkindern auf Schulen oder Entscheidungen über Kreditwürdigkeit.

Wie können sich Organisationen auf Digital Responsibility vorbereiten?

Die Ausgangslage für Organisationen ist nicht einfach: Einerseits möchte man neue technische Möglichkeiten im Wettbewerb nutzen. Andererseits fehlen in einem sich rasch ändernden regulatorischen Umfeld neben Orientierung und Anreizen auch die Tools für die praktische Umsetzung. Währenddessen steigen die Anforderungen der Kundschaft und die Regulierungsdichte, insbesondere in Europa.

 Um auf diese Entwicklungen zu reagieren, werden in der digitalen Wirtschaft hauptsächlich zwei Ansätze verfolgt. Einerseits kam es zu einer Vielzahl an Deklarationen, Manifesten und Verpflichtungen zu Prinzipien. Anbieter können z.B. eine Charta unterzeichnen und somit das Signal senden, dass sie sich an gewisse Prinzipien halten, was wiederum Regulatoren und Nutzer*innen beruhigen soll.

Ein zweiter Ansatz ist die offensive Selbstvermarktung, bei welcher gewisse Aspekte von Digital Responsibility besonders hervorgehoben werden, z.B. der Betrieb von Rechenzentren nur mit erneuerbarer Energie oder die starke Wertschätzung der Privatsphäre, wie sie Apple seit einiger Zeit betreibt.

Das Label als Werkzeug

Beide Ansätze haben jedoch ihre Probleme. Bei den Selbstverpflichtungen bleibt die Umsetzung der eingegangenen Verpflichtungen oft auf der Strecke. Man gibt sich damit zufrieden, eine Deklaration unterschrieben zu haben, aber es findet kaum je eine Überprüfung statt. Bei der Selbstvermarktung fehlt es ebenfalls an Glaubwürdigkeit, da Aussenstehende dem entsprechenden Anbieter weiterhin glauben müssen, das Richtige zu tun, ohne dies aber gut überprüfen zu können. Ein Label erteilt von einer externen, neutralen Stelle hilft nicht nur, theoretische Prinzipien in die Praxis umzusetzen, sondern erhöht auch die Glaubwürdigkeit der Verpflichtung zu Digital Responsbility.

 

 

Die Glaubwürdigkeit des Digital Trust Label basiert dabei auf diversen Faktoren. Das Label basiert nicht nur auf umfassenden Studien, Workshops und Diskussionen, sondern wurde in einem Multi-Stakeholder Ansatz entwickelt, der die Einbindung verschiedener Akteure von der Zivilgesellschaft bis zu Unternehmen erlaubte. Die Kriterien des Labelkatalogs basieren auf diversen internationalen Standards und wissenschaftlicher Expertise, insbesondere der EPFL. Ein Expertenkomitee stellt die kontinuierliche Weiterentwicklung, inkl. offener Feedbackprozesse, sicher. Schliesslich stellen eine unabhängige Finanzierung sowie eine klare Governance des Labels die Glaubwürdigkeit sicher. Das Label dient nicht zur Finanzierung der Stiftung und in allen relevanten Gremien wird auf eine ausgeglichene Repräsentation verschiedener Stakeholdergruppen geachtet.

Firmen brauchen eine Strategie für Digitale Verantwortung

Die Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Technologien – der Digital Responsibility – und des Vertrauens in die Digitalisierung lässt sich nicht allein über Labels lösen. Während Corporate Sustainability seit Jahren grössere Beobachtung findet, steht das Thema der Corporate Digital Responsibility noch am Anfang. So hat eine kürzlich veröffentlichte Studie von ethos gezeigt, dass nur wenige Firmen das Thema aktiv bearbeiten. Und selbst diese erreichen in der Qualität und Umfang eher tiefe Werte.

Für Organisationen ist es schwierig, die oft abstrakten Prinzipien glaubwürdig in die Praxis umzusetzen. Die Swiss Digital Initiative identifiziert in einem weiteren Projekt in Zusammenarbeit mit der IMD Lausanne Best Practices, um die Verbreitung von Corporate Digital Responsibility zu fördern.

Es braucht verstärkte Aufklärung und Bildung sowie mehr Transparenz und Bewusstsein. Mit dem Digital Trust Label hat die Swiss Digital Initiative einen ersten Pfeiler auf dem Weg zu mehr digitaler Verantwortung eingeschlagen. Bereits durch den Entwicklungsprozess konnten wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, welche zusammen mit einem umfassenden Digital Trust Whitepaper nachfolgend verlinkt sind. Auch wenn das Label nun live ist, wird das Projekt weitergehen. Die Swiss Digital Initiative wird den Kriterienkatalog und die Prozesse rund um das Label kontinuierlich evaluieren und weiterentwickeln.


Video über die Funktionsweise

 


Weitere Informationen

Ansprechpartnerin für das Label ist Sarah Gädig, Senior Project & Operations Manager.

Weiterführende Dokumente:


Partner des Digital Trust Label

AUTOR/AUTORIN: Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Senior Project Manager bei der Swiss Digital Initiative. Zuvor hat er als Business Consultant in der IT-Branche gearbeitet und internationale Erfahrung zum Thema Digitalisierung bei Think-Tanks und internationalen Organisationen gesammelt. Er beschäftigt sich seit Längerem mit den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Technologien und engagiert sich politisch und in diversen Vereinen zu diesem Thema.

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