Wie Plattformarbeit nachhaltig werden kann

Sich Essen liefern lassen und ein Uber für eine spontane Fahrt buchen – dank digitaler Technologie gibt es immer mehr Möglichkeiten für ortsunabhängige Dienstleistungen. Sie funktionieren über eine Plattform und die Beschäftigten werden pro Einsatz, den Gig, bezahlt. Ist das Ausbeutung oder eine Chance? Welche Auswirkungen hat die Gigwork auf den Arbeitsmarkt und die Beschäftigten? Diese Fragen untersucht eine Studie von BFH Wirtschaft, Universität Bern und Gewerkschaft  Syndicom. Ein Interview mit Prof. Dr. Caroline Straub.

Sie untersuchen plattformbasierte Arbeit in der Schweiz. Welche Ziele verfolgt diese Studie?
In der Schweiz gibt es eine Vielzahl von Tätigkeiten, die über digitale Arbeitsplattformen vermittelt und ausgeübt werden, Angebot und Nachfrage steigen jährlich. Mit dem Ziel, zu einer nachhaltigen Entwicklung der Digitalisierung des Schweizer Arbeitsmarktes beizutragen und Empfehlungen für Entscheidungsträger zu formulieren, wollen wir in den nächsten vier Jahren mit einem Team von Arbeitspsycholog*innen der Uni Bern und Betriebswirt*innen der Berner Fachhochschule Plattformarbeit besser verstehen.

Prof. Dr. Caroline Straub vom Institut New Work.

Der Logistiksektor ist stark betroffen. Welche Gefahren sehen die in neuen Beschäftigungsformen tätigen Personen – und welche Auswirkungen sehen sie als vorteilhaft an?

Logistikunternehmen in der Schweiz nutzen zunehmend künstliche Intelligenz, um etwa die Gleichtageszustellung zu optimieren. Arbeitnehmende haben vermehrt mit algorithmischem Management zu tun – also Führung durch eine künstliche Intelligenz, oftmals in Abhängigkeit von Kundenbewertungen. Unsere Interviews mit Lieferdienst mitarbeitenden von z. B. Eat.ch, Smood, Coople, Uber Eats und Notime haben gezeigt, dass der Umgang mit Algorithmen insbesondere dann als unbefriedigend empfunden wird, wenn Entscheide als unfair oder willkürlich wahrgenommen werden und Mitarbeitende keine Möglichkeiten haben, diese zu hinterfragen.

Als weiteres Negativum wurden die Anstellungsbedingungen genannt. Einige Plattformen bezahlen die Arbeitenden nicht nach Arbeitszeit, sondern nach Anzahl erledigter Aufträge. Es zeigte sich jedoch auch, dass Studierende oder Personen, die nebenher andere Projekte verfolgen, die zeitliche Flexibilität von Plattformarbeit schätzen. Zudem zeigt das Beispiel von Notime, dass die Erarbeitung eines Gesamtarbeitsvertrags auch in dieser Branche möglich ist und zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen führen kann.

Was können regulierte Plattformen für die Weiterentwicklung der Beschäftigungsformen tun?

Unsere Interviews zeigen, dass das Bedürfnis nach selbst bestimmter Arbeit bzw. die individuelle Einflussnahme auf Inhalt, Ort und Zeit der Tätigkeit bei vielen Personen sehr gross ist und dass dafür Unsicherheiten und Risiken gerne in Kauf genommen werden. Die Anziehungskraft plattformbasierter Arbeit wird zukünftig sicher noch steigen, insbesondere, wenn die finanziellen und sozialen Risiken, die momentan teilweise bestehen, abgebaut werden können. Zudem sehen wir, dass einige Schweizer Plattformen bereits dabei sind, ihren Arbeitenden ein gutes Umfeld zu bieten, um sich neue Fähigkeiten und Kompetenzen anzueignen und sich so beruflich weiterzuentwickeln.

«Die Anziehungskraft plattformbasierter Arbeit wird künftig noch steigen.»

Interviewteilnehmende berichten positiv, dass Plattformarbeit ihr Selbstwertgefühl stärkt, ihnen die Möglichkeit bietet, aus unbefriedigenden Festanstellungen auszubrechen, Neues auszuprobieren und zu erlernen, und sie darin bestärkt, den Schritt in die traditionelle Selbständigkeit zu wagen.

Die EU-Kommission hat vor kurzem eine Richtlinie zur Feststellung des Beschäftigungsstatus von Plattformarbeitenden vorgestellt. Weshalb hinkt die Schweiz hinterher?

Die Kriterien der EU sind Ergebnis einer langjährigen juristischen und politischen Policy-Debatte. Bei diesen Kriterien liegt der Fokus auf einer Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen von plattformbasierter Arbeit. Die EU geht davon aus, dass plattformbasierte Arbeitende Angestellte sind, wenn die Plattform die Ausführung ihrer Arbeit «kontrolliert». Es wurden fünf Kriterien entwickelt, von denen mindestens zwei erfüllt sein müssen. Es geht um Kontrolle oder Aufsicht, die eine Plattform über Preise, Aussehen oder Verhalten, Qualität der Arbeit, Arbeitszeiten und die Möglichkeit, für andere Kunden zu arbeiten, ausübt. Es könnte sein, dass eine solche Regelung langfristig die Bezahlung und Absicherung der Arbeitenden fairer macht.

Warum die Schweiz diesem Vorgehen noch nicht folgt, wissen wir nicht. Jedoch konnten wir im Gespräch mit Plattformbetreibenden bereits einen leichten Trend zu mehr Absicherung und höheren Löhnen auf Schweizer Plattformen erkennen. Der Plattformmarkt ist durch viele internationale Anbieter hart umkämpft. Plattformen sollten demnach lieber Fachkräfte fördern und Qualität anbieten, als primär auf Dumpingpreise zu setzen.


Über das Forschungsprojekt

Prof. Dr. Caroline Straub und ihr Team vom Institut New Work der BFH Wirtschaft erforschen das noch junge Phänomen Plattformarbeit im deutschsprachigen Raum, um die Chancen und Risiken dieser neuen Arbeitsformen für Arbeitnehmende und Unternehmen besser zu verstehen. Das Forschungsprojekt ist eine Längsschnittstudie wird vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 77 zu digitaler Transformation finanziert.

Partner sind die Universität Bern, Coople und die Gewerkschaft Syndicom.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.


Dieses Interview ist zuvor erschienen im Syndicom Magazin Nr. 27.

AUTOR/AUTORIN: Robin Moret

Robin Moret ist Redaktor des Syndicom Magazins der Gewerkschaft Syndicom.

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