«Die ganze ICT-Branche muss in Information und Aufklärung investieren»

Persönlichkeitsentwicklung ist ein Keyword im heutigen Employer Branding, um mehr Frauen in ICT zu gewinnen. Dieses Keyword sollte jedoch auch gelebt werden und nicht nur im Rekrutierung-Claim stehen. Wie der Kanton Aargau dies umsetzt, berichtet Marco Bürli, Head of Project Management bei der Informatik Aargau des Kantons im 2. Teil des Interviews.

Marco Bürli will mehr weibliche Fachkräfte in IT-Projekte holen.

Welche Massnahmen würden aus deiner Sicht helfen, mehr Mädchen für ICT-Berufe zu gewinnen?

Wir müssen die kulturellen und systematischen Grenzen in der ICT-Branche, welche durch Erziehung und Sozialisierung geschaffen werden, vermindern. Berufe sollten geschlechterunabhängig präsentiert und erklärt werden. Die persönliche Entwicklung und die Zukunftsaussichten der Jugendlichen sollten vermehrt im Fokus stehen. Beim Kanton Aargau führen wir beispielsweise einen Actiontag für Mädchen durch. Zudem bieten wir den Lernenden ein separates Team an, welches sich um die fachliche und persönliche Entwicklung kümmert, und helfen ihnen mit einem dedizierten Ausbildungsprogramm inkl. Praxiserfahrung, sich auf die Zeit nach der Lehre vorzubereiten. Unser Engagement wurde 2018 mit dem ICT Education & Training Award in der Kategorie «Verwaltung / NPO» ausgezeichnet und wir erhielten das Label «Top ICT-Ausbilder»

Du hast den Actiontag für Mädchen erwähnt. Was können wir uns darunter vorstellen?

Beim Actiontag haben wir versucht, die Begeisterung für Informatik auf spielerische Weise zu fördern. Die Mädchen konnten unter Anleitung erste Aufgaben mit viel Spass in unterschiedlichen Gruppengrössen lösen. Sie erhielten zum Beispiel eine Einführung in die bildungsorientierte visuelle Programmiersprache Scratch, konnten auf Basis von Scratch ein Spiel entwickeln oder erlebten eine Human-Resource-Machine. Diese Erlebnisse schaffen positive Erfahrungen und die Mädchen lernen etwas über Methodik, Informatik und sich selbst. Und schließlich gibt der Tag einen guten Einblick in unsere Arbeitsinhalte.

Was unternehmt ihr in Zukunft, um als Arbeitgeberin für junge – und vor allem weibliche – Talente attraktiv zu bleiben?

Wir müssen uns stetig den veränderten Bedürfnissen anpassen und kreativer werden, was beispielsweise die Bindung von Mitarbeiter*innen anbelangt. Wenn es um die Wirkung nach aussen geht, haben wir sicher im Bereich Social Media noch Entwicklungspotenzial. In den letzten Monaten hat der Kanton Aargau viel investiert, unter anderem mit neuen Profilen auf zusätzlichen Social-Media-Kanälen. Im Umgang, der Präsenz und der Kommunikation auf diesen Plattformen können wir jedoch noch viel von unseren jungen Talenten und vom Markt lernen. Wir haben auch Unternehmen gesehen, die ihre Webauftritte dediziert auf Segmente, zum Beispiel Frauen in der ICT, ausrichten.

Welche Skills sollten ICT-Fachpersonen haben, die bei euch arbeiten möchten?

Unser Bereich unterstützt Fachabteilungen in der ganzen Verwaltung bei der Planung, Koordination und Realisierung von Informatik- und Digitalisierungsprojekten. Somit stellen wir nicht nur technisches Know-how zur Verfügung, sondern auch vertieftes Fachwissen in Bezug auf (agiles) Prozess- und Projektmanagement. Unsere Mitarbeiter*innen verfügen also über Kompetenzen in Beratung, Prozess-, Projekt- und Technologiemanagement. Die Aufgaben sind ganz schön anspruchsvoll; das ist mir bewusst. Aber nur so können wir Vorhaben kompetent aus einer Hand begleiten und erfolgreiche Digitalisierungsprojekte umsetzen. Und natürlich wird das Tätigkeitsgebiet dadurch sehr vielfältig: Wir führen Business-Analysen durch, erheben Anforderungen, sind für die Qualitätssicherung zuständig und übernehmen dabei auch noch die Teil- oder Gesamtprojektleitung.

Das Gespräch mit dir zeigt, dass der Kanton Aargau attraktive Arbeitsbedingungen bietet und viel in die Weiterentwicklung investiert, damit eure Mitarbeiter*innen intrinsisch motiviert sind und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können. Werdet ihr diese Aspekte bei der Rekrutierung von (weiblichen) ICT-Fachkräften zukünftig noch stärker hervorheben?

Die einfache Antwort wäre ja. Allerdings müssen viele Elemente zusammenpassen, um die richtige Person für eine Position zu finden. Unsere Attraktivität als Arbeitgeberin und die Kommunikation auf den richtigen Kanälen sind nur zwei Komponenten. Die Weichen, bei welchen sich (mehr) Frauen für einen Informatikberuf entscheiden, werden bereits viel früher gestellt. Hier müssen wir – wie die ganze Branche – weiter in Information und Aufklärung investieren. Wir wollen zeitgemässe Rollenbilder für Mädchen und Jungen unterstützen und dazu beitragen, dass die Talente von morgen möglichst frei und gemäss ihrer Fähigkeiten und Begeisterung ihren Weg wählen können. Dann entscheiden sich vielleicht auch mehr Mädchen für eine Karriere in der interessanten und abwechslungsreichen ICT-Branche.


Über die Person

Marco Bürli ist Head of Project Management, er koordiniert und begleitet Digitalisierungsprojekte in allen Fachbereichen des Kantons Aargau. 2021 war die Abteilung an 80 Projekten beteiligt, unter anderem im Immobilien-Management, der Justiz, der Volksschule und der Polizei. Das Institut Public Sector Transformation der BFH Wirtschaft arbeitet seit mehreren Jahren eng mit dem Kanton Aargau zusammen und setzt gemeinsame Projekte zur Digitalisierung des öffentlichen Sektors um.

AUTOR/AUTORIN: Jasmine Streich

Jasmine Streich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Public Sector Transformation des Departements Wirtschaft der Berner Fachhochschule. In ihrer Forschungstätigkeit beschäftigt sie sich mit digitaler Barrierefreiheit und der Transformation des öffentlichen Sektors.

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