Das Unbehagen in der Interdisziplinarität

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Es gibt Menschen, die erkranken an Psychotherapie. Nachdem ihnen die Psychotherapie tatsächlich geholfen hat, betrachten sie alles und jedes aus psychotherapeutischer Perspektive und verlieren so den Bezug zur Wirklichkeit. Heimito von Doderer hat dieses Phänomen beschrieben, aber eigentlich ist es wissenschaftliche Folklore. Das heisst, es ist so vielen Fachexpert*innen bekannt, dass niemand sagen kann, wer es erstmals beobachtet hat.

Viel häufiger als die Erkrankung an einer medizinischen Therapieform ist allerdings die Erkrankung an einer wissenschaftlichen Teildisziplin. Es ist mühsam und mit vielen schmerzlichen Erfahrungen verbunden, sich fachdisziplinäre Denkmodelle anzueignen. Von den wenigen, denen dies gelingt – Howard Gardener hat oft thematisiert, wie wenige Hochschulstudierende es tatsächlich schaffen – bleiben die meisten für den Rest ihres Lebens an diesen fachdisziplinären Denkmodellen kleben. Sie haben keine Lust, nochmals die Mühen zu durchleben, die mit Erwerb der Denkmodelle einer anderen Disziplin einhergehen. Sie schlagen fast alles über ihren fachdisziplinären – vielleicht auch deshalb, weil sich die Leiden ihres Studiums lohnen sollen. In der Wissenschaft ist solch ein Verhalten äusserst erfolgsversprechend und hilft der Karriere. In der Praxis führt es leider oft zu völlig «bireweichen» Lösungskonzepten.

Insider neigen zur Übertreibung, weil sie Phänomene aus zu grosser Nähe betrachten.

Das Problem ist so fundamental – das heisst allgegenwärtig in vielfacher Gestalt – dass es bisweilen sogar selbst in der Forschung zu beobachten ist. In der Mathematik, welche streng genommen keine wissenschaftliche Disziplin ist, kann es beispielsweise vorkommen, dass selbst Doktorand*innen in einer Teildisziplin nur einen Zugang zu dieser Teildisziplin verstehen. Dies obwohl es gänzliche andere Zugänge gibt, welche das Lösen von Problemen ermöglichen, an denen sie mit ihrem Zugang scheitern. Insider schildern die Situation sogar noch krasser … aber Insider neigen zur Übertreibung, weil sie Phänomene aus zu grosser Nähe betrachten. Jedenfalls ist die Fokussierung auf einen spezifischen Zugang so karrierenützlich wie kognitiv beschränkend. Und sie wirkt sich fatal aus, wenn die Forschungsresultate in Praxisnutzen transferiert werden sollen.

Warum zu viel Fachwissen zerstören kann

Ich habe oft erlebt, wie ein interdisziplinärer Zugang zu einem Thema schon bei der Diskussion der Herausforderungen Unbehagen ausgelöst hat. Und ich habe es auch erlebt, wie in explizit interdisziplinären Projekten ein transdisziplinäres Arbeiten rundweg abgelehnt wurde. Selbst in Projekten, in denen tatsächlich transdisziplinär gearbeitet wird, entscheide ich mich oft dagegen, zu viel Wissen einzubringen. Zumindest dann, wenn ich fürchten muss, mit zusätzlichem Fachwissen das Projekt entweder zu zerstören oder zumindest sehr unangenehme feindselige Reaktionen zu ernten und letztlich viel Energie für etwas aufzuwenden, das keine Chance hat, im Projekt akzeptiert zu werden.

Wenn es trotzdem sein muss, von der Sache her, dass ein bestimmter fachdisziplinärer Zugang berücksichtigt wird, dann nehme ich mir viel Zeit, um ihn zu vermitteln. Immer wieder und wieder zu vermitteln, bis er verstanden und als Teil des Projekts akzeptiert wird. Denn fast immer, wenn ich das nicht so gemacht habe, ging die «fremde» fachdisziplinäre Perspektive im entscheidenden Augenblick vergessen oder wurde sinnwidrig umgesetzt. Sogar dann, wenn der Auftraggeber in der angewandten Forschung einen bestimmten Zugang explizit forderte, kam es zu Abstossungsreaktionen.

Von Semantik und Architektur

Diese Abwehraktionen gegen fremde Denkmodelle können schier unglaubliche Formen annehmen, beispielsweise weil die Semantik der technischen IT-Architektur – dass es so was gibt, wusste ich auch nicht, bevor ich es «erlebte» – umdefiniert wird. «Raus, raus, raus, mit allem Fremden!» – so ist die Maxime des teildisziplinären wissenschaftlichen Grooves. Das Unbehagen in interdisziplinären Settings lähmt geradezu den Hausverstand. Rein kognitiv verstehen meist alle, dass eine inter- oder sogar transdisziplinäre Lösungsentwicklung schlicht notwendig ist. Nur emotional ist ihnen ein solches Herangehen zutiefst zuwider.

Die Existenz von «Frames» legt die Möglichkeit einer Metaperspektive nahe, welche die eigene Fach-Teildisziplin relativiert.

Das Unbehagen ist so mächtig, dass selbst das Konzept der Denkmodelle, englisch der «Frames» oft rundweg abgelehnt wird. Denn die Existenz dieses Konzepts legt die Möglichkeit einer Metaperspektive nahe, welche die eigene Fach-Teildisziplin relativiert. Edward Ashford Lee hat eindrücklich den Unterschied der Nutzung von Modellen in den Naturwissenschaften und in der Technik aufgezeigt. Aber meiner Erfahrung nach lehnen von diesem Unterschied gar nicht betroffene Sozialwissenschaftler diese Unterscheidung ab, weil sie auf den Denkmodellen beruht, nämlich den in Bezug auf den Zweck von Modellen.

Das führt zur Frage: Wenn etwas bei hochausgebildeten Menschen so viel Unbehagen auslöst, warum darauf beharren. Das Argument der Notwendigkeit ist nicht überzeugend. Effektive Problemlösung sind in der Forschung genau so wenig notwendig wie Exzellenz. Notwendig ist Geld, damit die Forscher*innen von der Forschung leben könnten. Notwendig ist allenfalls noch Reputation innerhalb der eigenen Disziplin, damit die Karriere gelingt und Forscher*innen zu gutem Lohn und hohen sozialen Ansehen kommen. Ein Nutzen für die Welt ist hingegen aus individueller Perspektive etwas Nichtnotwendiges.

Das Phänomen des Überspringens

Wichtiger als vermeintliche Notwendigkeit ist, dass es Erfolgsbeispiele gibt, beispielsweise die Klimaforschung. Vor allem aber gibt es das Phänomen des Überspringens von einer Disziplin zur anderen. Patterns sind heute aus der Informatik nicht mehr wegzudenken. Erfunden hat sie ein Architekt. Kein IT-Architekt, sondern ein richtiger Architekt, der Häuser baute und neben seinem Klassiker über Patterns reichlich esoterische Bücher über Häuser- und Städte-Architektur schrieb: Christopher Alexander. Ursprünglich eingeführt in die Informatik hat sie die Gang of Four mit ihrem Buch über Design Patterns. Heute ist das Konzept sogar in den Sozialwissenschaften anzutreffen. Das zeigt, die Denkmodelle anderer Disziplinen können in der eigenen Disziplin extrem wirkmächtig sein – und ebenso individuellen Ruhm wie langfristigen Nutzen bringen! Exemplum docet, exempla obscurant.


Referenzen

  1. Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid Fiksdahl-King, and Shlomo Angel: A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction, Oxford University Press 1977 – damit wurde das Konzept der Patterns eingeführt
  2. Kenneth Cukier, Viktor Mayer-Schoenberger, and Francis de Vericourt: Framers: Human Advantage in an Age of Technology and Turmoil, WH Allen 2021 – hier wird die zentrale Rolle von Frames im Kontext aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, beispielsweise aus der Kausalitätsforschung, erläutert
  3. Heimito von Doderer: Die Dämonen: Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff, CH Beck 2020 – hier wird die Erkrankung an der Therapie beschrieben
  4. Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1930 – auf diesen Text referenziert der Titel dieser Kolumne
  5. Erich Gamma, Richard Helm, Ralph E. Johnson, and John Vlissides: Design Patterns. Elements of Reusable Object-Oriented Software, Prentice Hall 1997 – damit wurde das Konzept der Patterns in der Informatik eingeführt
  6. Howard Gardener: Five Minds for the Future, Harvard Business Review Press 2009 – unter anderem hier finden sich Gardeners böse Anekdoten zum Scheitern der Hochschulausbildung
  7. Edward Ashford Lee: Plato and the Nerd: The Creative Partnership of Humans and Technology, MIT Press 2018 – hier wird der Unterschied der Modellnutzung in Naturwissenschaften und Technik beschrieben

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Prof. Dr. Reinhard Riedl ist Dozent am Institut Digital Technology Management der BFH Wirtschaft. Er engagiert sich in vielen Organisationen und ist u.a. Vizepräsident des Schweizer E-Government Symposium sowie Mitglied des Steuerungsausschuss von TA-Swiss. Zudem ist er u.a. Vorstandsmitglied von eJustice.ch, Praevenire - Verein zur Optimierung der solidarischen Gesundheitsversorgung (Österreich) und All-acad.com.

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3 Kommentare
    • Reinhard Riedl
      Reinhard Riedl sagte:

      Danke für den Link zur Studie! Die Studie entspricht dem, was ich erwarten würde. Es gibt dafür aus meiner Erfahrung – die allerdings nicht repräsentativ ist – mindestens fünf Gründe:
      1. ist es schwierig, kompetente Gutachter*innen für interdisziplinäre Anträge zu finden
      2. kollidieren qualitätssteigernde Massnahmen mit Grundprinzipien der Evaluation: multidisziplinäre Teamswelche oft gemeinsam evaluieren sind besser als ad hoch zusammengesetze
      3. gibt es oft spürbar heftige Feindseligkeit gegen andere Disziplinen bei der Evaluation von Forschungsanträgen, meist nicht gegen alle anderen sondern gegen «böse» Disziplinen
      4. entstehen bei etablierten interdisziplinären Themen Ideologiewächter, gegen die sich interdisziplinär offene Gutachter*innen mit klarem disziplinären Hintergrund in der Diskussion der Evaluationen schwer durchsetzen
      5. gibt es viel zu wenig Gutachter*innen, welche für interdisziplinäre Projekte kämpfen – die Superstars, welche sich für Interdisziplinarität aussprechen sitzen schon lange nicht mehr in solchen Panels

      Je nach Kriterien und Evaluationsmethoden haben diese Gründe unterschiedliches Gewicht. Aber sie wirken teilweise sogar dann negativ, wenn in der Ausschreibung Interdisziplinarität gefördert wird.

      Antworten
  1. Christopher Lueg
    Christopher Lueg sagte:

    Ok, ich kenne das ARC Funding Scheme (Australian Research Council) ein bisschen und habe auch ARC Executive Directors zu der Herausforderung Interdisziplinarität sprechen hören. Inwieweit die Beobachtungen auch für andere Funding Schemes zutreffen weiss ich nicht.

    Interdisziplinäre Forschung ist beim ARC durchaus willkommen. Noch während oder kurz nach dem in der Studie verwendeten Zeitraum 2010 – 2014 wurde ein extra Häkchen eingeführt, dass man bei interdisziplinären Projekten checken sollte, um die Begutachtung als ebensolches Projekt zu understützen.

    Das Problem war damals zumindest dass viele «interdisziplinäre» Projektvorschläge nicht interdisziplinär waren in dem Sinne, dass alle beteiligten Disziplinen neues Wissen entwickeln. Statt dessen waren die Projekte häufig cross disciplinary in dem Sinne, dass etwa Methoden aus einer Disziplin auf Datensätze aus einer anderen Disziplin angewendet werden, ohne dass klar ist, wie neues Wissen in der anderen Disziplin entstehen würde.

    Paradebeispiel: Machine Learning angewendet auf einen Datensatz aus der Medizin (etwa Bilderkennung), was dann zur Verbesserung der ML Algorithmen genutzt wird, aber nicht um wirklich neues Wissen wie innovative Diagnoseverfahren in der Medizin entstehen zu lassen. Das heisst, das entsprechende Proposal würde vermutlich abgelehnt, weil zwar von den ML Gutachtenden begrüsst würde, aber nicht von Medizin Gutachtenden, die natürlich nach einem Beitrag zu ihrer Disziplin schauen.

    Solche Feinheiten können mit dem in dem Nature paper gewählten Ansatz nicht erkannt/berücksichtigt werden. Dass das Begutachten von interdisziplinären Projektvorschlägen spezielle Herausforderungen bringt ist davon unberührt.

    Antworten

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