Praevenire Digital Health Symposion 2021 – Teil 1

Über 40 Expert*innen diskutierten an den Praevenire Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten einen Tag lang engagiert über die Digitalisierung des Gesundheitswesens. In der ersten Hälfte des Symposiums ging es um Blended Care und ELGA als Betriebssystem für Digital Health.

Basierend auf den Ergebnissen der zwei vorangegangenen PRAEVENIRE Digital Health Workshops 2019 und 2020 wurden vier anstehende Transformationen des Gesundheitswesens gemeinsam analysiert:

  1. Die Transformation von der konventionellen Gesundheitsversorgung zu Blended Care
  2. Die Transformation von der Nutzung der heute vorhandenen ELGA-Software zur umfassenden Nutzung von ELGA als Betriebssystem für das digitale Gesundheitswesen
  3. Die Transformation von der menschlichen Datenauswertung zu Augmented Intelligence
  4. Die Transformation von der erratischen Diskussion über die Digitalisierung des Gesundheitswesens zu einer sachlichen Diskussion der Chancen und Risiken

Die detaillierten Expertisen der Teilnehmenden des Symposions werden in die nächste Version des PRAEVENIRE Weissbuchs „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ (Version 2021/22) einfliessen. Im Folgenden werden die Ergebnisse kurz vorgestellt und erläutert.

Blended Care

Unter Blended Care versteht man die Integration von konventioneller Versorgung mit Telemedizin, Apps und digitalen Messgeräten, welche von Patienteninnen und Patienten selbst bedient oder am Körper getragen werden. Die vielfältigen Diskussionsbeiträge im Symposion zeigten, dass das Potenzial von Blended Care viel umfangreicher ist als bisher angenommen. Aufgrund dieser Komplexität müssen für eine handliche Anwendbarkeit bzw. zur Implementierung in die Gesundheits- versorgungskette beträchtliche Hürden (technisch, juristisch) überwunden werden. Die Integration von telemedizinischen Elementen, digitalen Datenmessungen und Apps bietet in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung zahlreiche Optionen für wesentliche Verbesserungen. Zu unterscheiden sind dabei drei Formen: Die konventionellen Formen von Blended Care werden bereits heute experimentell praktiziert oder wissenschaftlich erforscht. Für die bislang nur konzeptionell angedachte Formen von Blended Care werden zurzeit die notwendigen techno- logischen Lösungen entwickelt. Die unkonventionellen, kreativen Formen von Blended Care haben bislang nur Ideenstatus.

Zu den konventionellen Formen zählen unter anderem, (aber nicht nur):

  • Einbezug von Online-Diensten beim Hausarzt und im Spital
  • Fachlich angeleitete Selbstvermessung
  • Nutzung von Apps, beispielsweise in der Psychiatrie und der Onkologie
  • Nutzung von Geräten am Körper, beispielsweise zur Sturzerkennung oder Sturzprognose

Sie reduzieren ohne grosse Zusatzkosten bei den Leistungserbringern den Zeitaufwand und machen so die medizinische Versorgung patientenfreundlicher. Sie unterstützen die Kommunikation und verbessern die Informationslage bei Diagnose und Therapieentscheiden, wodurch Qualität und Effektivität der Versorgung verbessert werden. Und sie bieten spontane Hilfe in subjektiv als belastend empfundenen Situationen und fördern die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit beziehungsweise der Erkrankung, was teil- weise zu messbar besseren Therapieerfolgen führt. Allerdings besteht hier die Herausforderung darin, diese Versorgungskonzepte zu institutionalisieren, da mit möglichst viele Patientinnen und Patienten davon profitieren.

Wie helfen Wearables?

Im Bereich der digitalen Forschung und Entwicklung dreht sich vieles um Messgeräte am Körper, um Interpretationshilfen und um autonome Steuerung von Geräten. Hier ist der Weg noch weit und vorerst noch unklar, was sich in der Praxis etablieren wird – insbesondere dort, wo es nur einen mittelbaren Nutzen gibt. Die Herausforderung besteht hier in der Etablierung eines breiten Wissenteilens zwischen medizinischer Forschung, Gesundheitsfachpersonen aus der Praxis und Technologieinnovatoren, das über die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Einzelprojekten hinausgeht. Besonders reichhaltig ist das Feld der unkonventionellen, kreativen Formen von Blended Care. Beim Symposion kamen diverse Ideen zur Sprache, zu denen es vorerst noch kaum oder gar keine Forschung und Entwicklung gibt. Einige von ihnen könnten trotzdem schon in wenigen Jahren zum praktischen Einsatz kommen, weil sie den Patient*innen direkten Nutzen bringen oder den Innovationswünschen der Gesundheitsfachpersonen entsprechen.

In Summe vermag Blended Care die Gesundheitsversorgung näher zu den Patient*innen zu bringen und die wachsende Diversität der Lebensläufe zu adressieren. Es stellt damit eine signifikante Weiterentwicklung des Konzepts der wohnortnahen Versorgung dar. Zudem gibt es erste Evidenz dafür, dass Blended Care in einigen Situationen bessere Ergebnisse zu geringeren Kosten liefert. Das Symposion zeigte, dass dieses Potenzial vermutlich stark unterschätzt wird, weil es noch viele konkrete, noch nicht untersuchte Einsatzbereiche gibt. Vor allem aber führt Blended Care zu einer Befähigung der Patient*innen, einen aktiveren Part bei ihrer Gesundwerdung zu spielen und ihre Gesundheit proaktiv vorsorglich selbst zu managen.

Die Umsetzung von Blended Care ist aber kein Selbstläufer. Bei der Einführung ist der Aufwand für Ärzt*innen sowie für Gesundheitsfachpersonen unterschiedlich – manchmal sehr gering, manchmal auch recht beträchtlich. Es braucht Leitlinien, grundlegende Konzepte für das Qualitätsmanagement, eine Förderung von Pilotprojekten, Weiterbildungsangebote und Beratung für interessierte Fachpersonen, um das Potenzial von Blended Care zu nutzen. Ausserdem gibt es offene Fragen rund um das Entstehen eines funktionierenden Innovationsökosystems und um die rechtliche Haftung. Zudem ist absehbar, dass die komplexe Gemengelage an Interessen zu substanziellen Widerständen führen wird, wenn die Institutionalisierung ansteht.

Die grosse Herausforderung besteht deshalb darin, einerseits Gesundheitsfachpersonen für diese neuen Versorgungsformen zum Wohle von Patientinnen und Patienten zu begeistern und anderseits die finanzielle Remuneration der dabei zu erbringenden Leistungen so zu regeln, dass es für die Gesundheitsfachpersonen keine ökonomischen Gründe gibt, diese Transformation abzulehnen. Im Symposion wurde klar, dass Blended Care dann — und nur dann — die Gesundheitsversorgung wesentlich verbessern wird, wenn die Institutionalisierung ganzheitlich angegangen wird.

ELGA als Betriebssystem

ELGA ist die Datenflussinfrastruktur für das österreichische Gesundheitswesen, welche neben dem organisationsübergreifenden innerösterreichischen Datenaustausch auch einen internationalen Datenaustausch ermöglicht. So viele anekdotische Erfahrungen und imperative Forderungen es rund um ELGA gibt und so gefestigt die Meinungen zu ELGA sind, so gering ist das tatsächliche Wissen über ELGA.

Es ist weitgehend unbekannt,
— was ELGA tatsächlich ist (und was es NICHT ist)
— was es leisten und wofür es genutzt werden kann
— was technisch fehlt, damit sein Nutzenpotenzial ausgeschöpft werden kann
— welche Praktiken den Informationsfluss im Gesundheitswesen grundsätzlich blockieren

Medizin und Informatik

Die aktuelle Situation zeigt, dass einerseits eine evidenzbasierte Medizin von vielen angestrebt, eine informationsorientierte Medizin aber oft abgelehnt wird. Das Bewusstsein, dass Evidenzbasierung das Vorhandensein von nutzbarer Information voraussetzt, ist zwar durchaus vorhanden, aber es materialisiert sich nur dort, wo das Nichtwissen sehr konkret ist, beispielsweise bei Seltenen Erkrankungen. Ansonsten wird das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines informationsorientierten Gesundheitswesens häufig durch Interessenspolitik überlagert, welche „Pappkameraden“ schafft, die den Blick für das Dringliche verstellen.

  1. Dringlich wäre erstens die Entwicklung von situativ designten Benutzerschnittstellen, welche ELGA als Betriebssystem für digitale Dienste im Gesundheitswesen nutzen. Solche Benutzerschnittstellen fehlen insbesondere für Ärzt*innen in typischen Behandlungssituationen. Aber auch andere Gesundheitsfachpersonen würden durch den Zugriff von Patientendaten dank solcher Benutzerschnittstellen profitieren und – dies war ein zentrales Thema beim Workshop–Patient*innen könnten ELGA selbst aktiv nutzen.
  2. Dringlich wäre zweitens, sachlich aufzuzeigen, wo im Gesundheitswesen benötigte Informationen nicht produziert werden und warum sie nicht produziert werden, um anschliessend in einem breiten Diskurs zu klären, inwieweit wir das Fehlen oder die Nichtzugreifbarkeit wichtiger Informationen im Gesundheitswesen tatsächlich akzeptieren wollen.

Sind wir bereit, auf eine personalisierte Präzisionsmedizin zu verzichten, weil uns die Datennutzung stört oder die Dokumentation von Krankheitsverläufen und Therapien zu aufwändig ist? Während die Entwicklung von Benutzerschnittstellen eine technische Aufgabe ist, welche finanziert werden muss, ist der Diskurs über ein informationsorientiertes Gesundheitswesen ein fachlicher Diskurs, der a priori nichts mit Technik zu tun hat. Ohne diesen fachlichen Diskurs wird die technische Lösungsentwicklung die tatsächlichen Bedürfnisse nicht adäquat adressieren und die digitale Transformation des Gesundheitswesens auf Jahre hinaus in den Kinderschuhen stecken bleiben.

Das Symposion zeigte, dass ohne eine massive breite Vermittlung von Wissen über die Anforderungen einer informationsorientierten Gesundheitsversorgung und die funktionalen Eigenschaften von ELGA auch in den nächsten Jahren keine Fortschritte rund um ELGA zu erwarten sind. So lange das WOZU von ELGA nicht geklärt und breit akzeptiert ist, gibt es wenig Hoffnung auf Weiterentwicklung. Da einige Teilnehmenden am Symposion diese Klärung aufgrund existierender Befindlichkeiten für unwahrscheinlich hielten, wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob es nicht besser wäre, unter neuem Namen einen neuen Anlauf zu nehmen, um die Infrastruktur für Digital Health zu bauen.


Video vom Anlass

Den Videobericht zum Symposion finden Sie hier.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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