Warum Wien zum Brutkasten für High-Tech-Startups geworden ist

Aus der Forschung entstehen oft Lösungen für die Praxis. Die Universität Wien geht einen erfolgreichen Weg, um akademische Ergebnisse unternehmerisch und lukrativ umzusetzen – ein Interview mit Dr. Irene Fialka

Frau Fialka, Sie leiten die INiTS Universitäres Gründerservice Wien GmbH. Wie funktioniert der High-Tech Incubator?

Dr. Irene Fialka

Seit 2002 begleiten wir Akademiker*innen bei der Verwertung von Forschungsergebnissen durch Gründung innovativer Startups. Wir stehen Spin-offs aller akademischen und F&E-Einrichtungen in Wien offen. Es bewerben sich jährlich über 200 Teams aus den unterschiedlichsten Disziplinen um die wenigen Plätze im AplusB Scaleup- Inkubationsprogramm. Bis zu 20 Gründungsteams nehmen wir in den Inkubator auf und bieten diesen nicht nur intensive Trainings und Beratung an, sondern investieren auch selektiv bis zu 100.000 EUR an Startkapital. Ausserdem haben wir mit START:IP ein Programm für Gründer*innen, denen noch die Geschäftsidee fehlt. Hier selektieren wir verwertbare Technologien von Unis, aber auch Unternehmen, die ohne eine Gründungspersönlichkeit in der Schublade liegen bleiben. Für die Eigentümer des geistigen Eigentums steigert es die Verwertungswahrscheinlichkeit und nutzt schlafende Potentiale. Für die Entrepreneurs liefert START:IP ev. eine Grundlage für eine nachhaltigere Deetech Geschäftsidee.

Welche Startups werden unterstützt?

Der Fokus des SCALEup Programms liegt auf hochinnovativen, Technologie-getriebenen Gründungsideen in der frühen Phase, oft noch vor der Gründung. Sie haben alle einen akademischen Hintergrund, haben eine starke Wachstumsperspektive und brauchen viel Kapital für die Technologieentwicklung. In den Inkubator nehmen wir nur Startups auf, die auch in Wien ihren Sitz haben oder planen und von hier aus die Welt erobern wollen. Im Health Hub Vienna arbeiten wir hingegen mit Startups aus der ganzen Welt zusammen. Sie müssen fertige Lösungen anbieten, um die dringend nötige Veränderung im Gesundheitswesen in Österreich und Europa schneller voranzutreiben. Unser „jüngstes“ Programm ist validate.global. Hier verfolgen wir gemeinsam mit der ADA und impact hub vienna das Ziel, Startups aus Europa, deren Technologien eines oder mehrere SDGs (Sustainable Development Goals) adressieren, beim Zugang zu Märkten z. B. in Afrika, im Mittleren Osten o.a. Entwicklungsländern zu unterstützen. Das sind schwierige Märkte, die wir aber nicht links liegen lassen dürfen, wenn es um diese globalen Ziele geht.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?

Einen tollen Vergleich der Erfolgsquote lieferte die Studie von Joanneum Research, in der unsere inkubierten Startups verglichen wurden mit einer Vergleichsgruppe an Gründungen mit der gleichen Branchenverteilung. Unsere Alumni sind in allen relevanten Faktoren besser: 80% Überlebensrate nach 7 Jahren (vs. 50% in der Vergleichsgruppe). Im 5. Jahr beschäftigen INiTS-Alumni im Durchschnitt 12 Mitarbeiter*innen im Vergleich zu knapp 2 in Unternehmen, die nicht durch das Inkubationsprogramm gegangen sind, nach 10 Jahren sind es schon 10 x so viele. Auch im Umsatzwachstum und bei der Exportquote sind sie wesentlich besser. Laut UBI-global, einem globalen Vergleich von Universitäts Business Inkubatoren (UBIs) schaffen unsere Startups 12 x so viel Kapital aufzustellen wie die inkubierten Startups aller UBIs weltweit im Durchschnitt.

Was ist aus ihrer Erfahrung wichtig, damit Startups erfolgreich sind?

Ganz am Anfang steht der Wille, es einfach anzugehen und auszuprobieren. Blind in ein Abenteuer zu laufen ist natürlich nicht empfehlenswert, aber wenn man zu lange zögert, hat sich der Markt u.U. schon wieder weiterentwickelt. Man muss schnell sein und fähig sein, schnelle Entscheidungen zu treffen! Startups sind dann erfolgreich, wenn sie sich wirklich auf die Probleme und die Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden konzentrieren und besonders neue Technologien nicht am Schreibtisch / im Labor entwickeln, sondern ganz intensiv im Austausch mit ihren Zielgruppen. Wir setzen seit vielen Jahren die LEAN Startup u.a. Methoden ein, die jedes Gründungsteam selbst auch einsetzen kann. Oft braucht es allerdings einen zusätzlichen, neutralen Blick von aussen und Erfahrung, damit nicht jeder Fehler selbst gemacht wird. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist selbstverständlich das Team, je diverser, desto erfolgreicher.

Wie arbeiten Sie als CEO?

Auch bei INiTS haben wir ein diverses Team. So ein Team zu führen ist anstrengender, aber es zahlt sich aus, jede Person individuell zu behandeln und so die Stärken jedes/jeder Mitarbeiter*in bestmöglich einzusetzen. Ich selbst setze mir und den Kolleg*innen klare Ziele und verfolge sie so lange, solange es keinen Grund zur Annahme gibt, dass es vielleicht in eine falsche Richtung geht. Auch das zu erkennen und Entscheidungen zu revidieren ist manchmal nötig. Wichtig ist aus solchen Fehlern zu lernen und das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich gebe die grobe Strategie, die Leitlinien vor, das Team kann das Wie, Was und Wann oft selbst viel besser entscheiden.

Wonach beurteilen Sie die Qualität ihrer Arbeit als CEO?

Neben klaren Zielen (z. B. finanzielle Ziele, aber auch Anzahl an Bewerbungen), die wir idR gemeinsam auch erreichen, ist für mich die Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen ein ausschlaggebendes Kriterium. Natürlich ist es nicht immer ein Zuckerschlecken, aber im Großen und Ganzen passt es offensichtlich: wir haben viele langjährige Mitarbeiter*innen, die mit Passion bei INiTS arbeiten. Es kommen viele ehemalige Mitarbeiter*innen immer noch zu unseren Sommerfesten gerne wieder. Gerade in Krisenzeiten steht die Qualität der Arbeit als Führungskraft am Prüfstand. INiTS steht heute besser da denn je, und 2020 war nicht die einzige Krise. Ich denke, da habe ich einiges richtig gemacht. Das schafft man aber auch nur, wenn die Mannshaft hinter einem und hinter der Mission steht.

Was sind für Sie in Ihrer Rolle als CEO die am schwierigsten zu bewältigenden Herausforderungen?

Eine grosse persönliche Herausforderung ist sich von Mitarbeiter*innen zu trennen. In der Pandemie 2020/2021 sind dann noch die vielen Unsicherheiten, die vielen persönlichen Sorgen und individuellen Situationen dazu gekommen, auf die es galt einzugehen, plus das 100% Homeoffice. Entscheidungen mussten getroffen, aufgrund der Veränderung aber auch abgeändert werden in einem unglaublich schnellen Takt. Ich habe sogar Mitarbeiterinnen eingestellt in der Zeit – das hätte ich mir vorher nie vorstellen können. Aber man muss eben auch als CEO oft etwas ganz Neues ausprobieren.

Welche Zukunftsziele haben Sie für Inits?

INiTS wurde gegründet für die Abwicklung eines Programmes, wo es ein Marktversagen mit öffentlichen Förderungen abzudecken gilt. Diese frühe Phase von High-Tech Startups wird unser Kerngeschäft bleiben. Das können wir gut und da liegt noch viel Potential, das wir noch heben wollen, insbesondere in Themenbereichen wo es nach wie vor viele Probleme zu lösen gibt, wie bei den global goals, zB dem weltweiten Problem des Klimawandels. Ein wichtiges Thema ist die Mission mehr Frauen in der Technik zu sehen. Für uns sind v.a. Gründerinnen von Technologie-Startups relevant, das Thema female entrepreneuship. Heute schon sind bei INiTS 1/3 der aufgenommenen Entrepreneurs Gründerinnen, fast die Hälfte der Startups gründen in gemischten Teams. Damit sind wir schon heute besser als der Durchschnitt. Da gibt es trotzdem noch viel Luft nach oben. Wir haben uns außerdem mit der Gründung eines 100%-igen Tochterunternehmens entschlossen selbst unternehmerisch tätig zu sein und Wachstumspotential zu realisieren. Eine sehr spannende Kombination mit dem non-profit Ansatz der INiTS.


Über Inits

INiTS wurde 2002 von der Universität Wien, der Technischen Universität Wien und der Wirtschaftsagentur Wien mit dem Ziel gegründet, die Verwertung von F&E-Ergebnissen durch Spin-offs und Unternehmensgründungen im akademischen Umfeld voranzutreiben. Als Universitärer Business Inkubator (UBI) wurde INiTS von UBI Global seit 2013 wiederholt als einer der weltweit besten universitären Inkubatoren aus.


Zur Person

Dr. Irene Fialka leitet seit 2012 als Geschäftsführerin die INiTS Universitäres Gründerservice Wien GmbH. Seit 2018 baut sie als Managing Director mit Uniqa als Partner und vielen weiteren Partnern den Health Hub Vienna auf. Zuvor arbeitete sie in der Biomedizinischen Forschung.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

AUTOR/AUTORIN: Anne-Careen Stoltze

Anne-Careen Stoltze ist Redaktorin des Wissenschaftsmagazins SocietyByte. Sie arbeitet in der Kommunikation der BFH Wirtschaft, sie ist Journalistin und Geologin.

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