Ein kommunikatives Experiment über digitale Demokratie

TA-SWISS , die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung, ist ein kommunikatives Experiment eingegangen: sie sucht den öffentlichen Diskussionsraum bevor die Ergebnisse der Studie Digitale Demokratie vorliegen. Im Politforum Käfigturm kann man am Werkstattprozess teilnehmen – SocietyByte hat den analogen Teil der Ausstellung besucht.

«Digitale Demokratie – Eine interaktive Reise in die politische Zukunft» – so das Versprechen der aktuellen Ausstellung im Politforum Käfigturm, ist einerseits Ausstellung im klassischen Sinne (mit Artefakten und einer Ausstellungsszenografie), andererseits aber auch ein individuelles Erlebnis, weil die Besucher*innen aufgefordert sind, mithilfe des eigenen Smartphones eine parallele Reise durch die Ausstellungsräume selber zu unternehmen. Die Interaktion, welche die Ausstellung verspricht, ist allerdings nur dann möglich, wenn sich mehrere Personen gleichzeitig vor Ort aufhalten, und diese Interaktion wiederum erfolgt analog, indem man aufgefordert wird, seine Gedanken mit anderen Besuchenden zu teilen.

Die Raumsituation im Käfigturm ist sehr anspruchsvoll, da sehr klein und auf mehreren Stockwerken. Um nicht erdrückt zu werden in diesen engen Verhältnissen, haben sich die Ausstellungszenografen an die Devise «weniger ist mehr» gehalten. Man muss die Objekte schon fast suchen, so spärlich sind sie vorhanden. Die Ausstellung erfordert denn auch eine starke Begleitung in Form einer Webapp, welche Kontextwissen und Führung bereithält, sodass man sich voll und ganz auf die drei einzelnen Räume konzentrieren kann.

Jugend und digitale Partizipation

Im ersten Raum blicken wir in zahlreiche Spiegel und sehen uns dabei selber zu, wie wir die Fragen auf den Spiegeln lesen. «Wie denkst Du über anonyme digitale Partizipation nach?». Das Projekt ist vom Dachverband Schweizer Jugendparlamente erarbeitet worden, es ist eines von drei TA-SWISS-Projekten, welche sich aktuell noch in der Umsetzung befinden und erst im Sommer klassisch publiziert werden. Die Jugend und die Politik sind ein schwieriges Paar, denn einerseits ist die Partizipation der Jungend unterdurchschnittlich, andrerseits betreffen die Entscheidungen in der Politik deren Leben langfristig. Die Ausstellung im Käfigturm – das ist das Setting zwischen der Forschung und der Vermittlung von Forschung – zeigt nun aber nicht das Ergebnis der Studie(n) von TA-SWISS, sondern eher die Fragestellung. Es sind relevante Fragen, die gestellt werden, allerdings eher in explorativer Form. Ein Forschungssetting, das zweifellos zu einer erweiterten Perspektive beiträgt, allerdings nicht zu einem handfesten Ergebnis führt, so unsere Vermutung. Für die Besucher*innen bieten die Fragen deshalb einen Ausgangspunkt, sich selber zu überlegen, warum man sich für Politik interessiert, wie man sich selber einbringt und ob Social Media beispielsweise die Entscheidfindung nachhaltig beeinflusst.

Von Gamification zu Demokratie

Auch im zweiten Raum werden wir mit Fragen konfrontiert, allerdings in etwas fortgeschrittener und verdichteter Form. Die These – das verdichtete Nachdenken über vermutete Zusammenhänge über die Zukunft der digitalen Demokratie, war die intellektuelle Ausgangslage für Visualisierungen. Schülerinnen und Schüler der Schule für Gestaltung Bern haben die Thesen von GFS Bern visualisiert; mit einem Gamification-Ansatz können die Thesen schliesslich unterschiedlichen Visualisierungen zugeteilt werden. Man wird mit einem Score belohnt, wenn man richtig «swipt». Das ist Geschmacksache, vom Ansatz her aber interessant und konsequent. Zuoberst im Turm schliesslich landet man in der Szenariotechnik von Dezentrum. Zwei Sinne werden bedient: einerseits futuristische Objekte, welche man wie Schmuck in einer Vitrine begutachten kann, und andrerseits lauscht man einer science-fiction-artigen Erzählung, welche einem utopischen Demokratienarrativ folgt. Diese Erzählungen erinnern an den von Habermas entwickelten herrschaftsfreien Diskurs. Insofern endet die Ausstellung weniger dystopisch als man aufgrund zahlreicher Politskandale um Facebook oder Cambridge Analytica hätte erwarten würde.

Die Ausstellung ist klein, kompakt und wirkt sehr aufgeräumt. Das ist erfrischend. Erfrischend ist auch die Herangehensweise von TA-SWISS, neben den ausgeschriebenen Projekten bereits in die Kommunikation mit Bürger*innen einzusteigen, bevor die Studienresultate vorliegen. Die Ausstellung verschafft einen nicht nur leichten Zugang zu einem brisanten Thema, das sich intellektuell erst noch formieren muss. Zu empfehlen sind deshalb zusätzlich die zahlreichen begleitenden Events des Politforums, welche praktisch alle über den Livestream zugänglich sind.


Die Ausstellung ist noch bis am 11. Dezember 2021 zu sehen im Polit-Forum Bern Käfigturm Marktgasse 67. Weitere Informationen finden Sie hier.

AUTOR/AUTORIN: Thomas Gees

Dr. Thomas Gees ist Dozent am Institut Public Sector Transformation an der BFH Wirtschaft und leitet zusammen mit Reinhard Riedl den Schwerpunkt Digital Economy des BFH-Zentrums Digital Society. Der promovierte Historiker ist Dozent und befasst sich in verschiedenen Publikationen mit der Geschichte der Wissenschaftspolitik.

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