Digitale Neurose: Wie unsere Aufmerksamkeit angegriffen wird

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Während ich einen Beitrag zu Künstlicher Intelligenz zu schreiben versucht habe, war ich kurz abgelenkt von einem Artikel über Angststörungen. Was Menschen mit Angststörung beispielsweise machen ist, sie ängstigen sich ob etwas Belanglosem, haben dann erhöhten Puls, deuten diese Körperwahrnehmung als Symptom einer möglicherweise lebensbedrohlichen Situation, rufen den Notarzt an, und nachdem dieser nicht ausrücken will, erkennen Sie in aller Deutlichkeit, wie gefährlich die Situation ist, da man sich ja nun nicht einmal mehr auf die Rettungskräfte verlassen kann. Dadurch steigt der Puls weiter und der Zyklus geht vorne los, aber mit mehr Vehemenz. Das ist also die Struktur einer Angststörung. Und dann wollte ich mich wieder der Künstlichen Intelligenz zuwenden und wurde erneut abgelenkt. Diesmal durch etwas, das sich in meiner Inbox abgespielt hat. Ich will es hier verkürzt wiedergeben, mit nur unwesentlichen, phantasievollen Ergänzungen.

  • Andi an alle: Wer hat diese Einladung versandt?
  • Béatrice an alle: Warum bin ich eingeladen? Das muss ein Irrtum sein.
  • Carlos an alle: Ich auch, ich habe doch damit nichts zu tun. Wer versendet solche Einladungen?
  • Damaris an alle: Diese Einladung muss ein Irrtum sein. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe.
  • Edi an alle: Oje, meine Lieben, Entschuldigung! Ich habe da aufs falsche Knöpfchen gedrückt. Ich mach‘ das alles wieder rückgängig. Sorry für die Störung.

Für einen Moment ist Ruhe und ich denke, jetzt könnte es zu Ende sein. Aber nein, es geht weiter.

  • Franziska an alle: Warum immer diese Einladungen nach 17h, ich bin Frühaufsteherin und habe meine Arbeitszeit längst fertig um diese Zeit. Ich habe das schon x-mal gesagt – können wir uns nicht mal früher treffen?
  • Geri an alle: Was ist das für eine Einladung?
  • Hilde an alle: Ich kann dann nicht, bin in den Ferien. Ingo an alle: Warum drücken immer alle auf «allen antworten», wäre angenehmer ihr würdet Euch direkt an die Person wenden, die eingeladen hat, ohne immer alle einzukopieren, das verstopft sonst alle Mailboxen.
  • Hilde an alle: Sorry, das war mir nicht bewusst. Tut mir leid.

Wieder ist Ruhe. Und ich denke, jetzt sei aber wirklich Schluss.

  • Kathrin an alle: Um welche Einladung geht es da, ich finde nichts! Absolut nichts!
  • Leo an alle: Ich habe bei mir im Outlook einen Filter installiert. Alle Nachrichten mit «Einladung» im Titel werden automatische in den Papierkorb sortiert. Kann ich wärmstens empfehlen. Hehe!
  • Martha an alle: Wo ist diese Funktion in Outlook genau, Leo? Bei mir geht es nicht.

Leo antwortet nicht. Was für ihn spricht, denn wenn sein Trick funktioniert, hat er Marthas E-Mail gar nicht gelesen.

  • Leo an alle: Es ist ganz einfach. Hier ist der Link zum Erklärvideo. Viel Erfolg!

Nach diesem E-Mailgewitter wollte ich mich wieder der künstlichen Intelligenz zuwenden, aber ich musste wieder an die Angststörung denken. Funktioniert hier eine Organisation in ihrem E-Mail-Kanal nicht nach dem gleichen Prinzip wie ein Mensch in seinem Kopf mit seiner Angststörung? Und war in der amerikanischen Gesellschaft nicht dasselbe Prinzip am Werk seit dem post-faktischen Twitter-Gewitter von Donald Trump? Bestimmt in der digitalen Welt nicht generell 1 Prozent, das sich aufregt, den Diskurs für die 99 Prozent, die zuhören? – So, jetzt aber fertig mit der Ablenkung! Ich wollte doch etwas über Künstliche Intelligenz schreiben. Aber vielleicht tue ich das bereits … irgendwie indirekt halt.

Könnte man einen neuronalen Computer so lernen lassen, dass er derartige Auswüchse vorhersieht und verhindert? Das wäre intelligent! Mich beschleicht allerdings der Verdacht, dass es in der Praxis eher umgekehrt läuft: Die Digitalisierung beschleunigt zwar die künstliche Intelligenz, aber gleichzeitig auch – und vor allem – die kollektive digitale Neurose.


Forschungsprojekt zu Achtsamkeit

Quasi als Gegenbewegung zur digitalen Ablenkbarkeit gewinnen Achtsamkeit, Mindfulness und Meditation zunehmend Akzeptanz in der Geschäftswelt, weil solide Forschungsergebnisse zahlreiche positive Auswirkungen bestätigen. Aber kann man auch als Team achtsam sein? Und bringt das ebenfalls etwas? Die BFH Wirtschaft sucht Führungskräfte, die an einem Forschungsprojekt zu «Teamachtsamkeit» teilnehmen möchten. Interessierte können sich hier melden.

AUTOR/AUTORIN: Alexander Hunziker

Prof. Dr. Alexander Hunziker ist Studienleiter des EMBA Public Manager und Dozent für Achtsamkeit, Positive Leadership u.a. an der BFH Wirtschaft.

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1 Antwort
  1. Christopher Lueg
    Christopher Lueg sagte:

    Gerade gesehen ich hatte versehentlich bei der engl. Version kommentiert:
    Ja, sowas erlebt man ja immer wieder in Organisationen, bei denen man das eigentlich nicht erwarten sollte 🙂 Bei dem genannten Beispiel wuerde ich es vorallem bei Usability Problemen bei der verwendeten Software ausmachen (etwa: unzureichende Warnung, dass eine neue Einladung an sehr viele Leute gehen wuerde). Unterentwickelte digitale Skills bei denen, die auch wieder “an alle” antworten, tragen dann das ihre bei.

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