Die unterschätzte Automatisierung

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Automatisierung hat vermeintlich zwei stark unterschiedliche Bedeutungen: Wir bezeichnen damit einerseits das Übernehmen von menschlichen Aufgaben durch Maschinen (= Automaten) und anderseits unser eigenes Erlernen, Aufgaben unbewusst zu erledigen. Beide Formen von Automatisierung sind sich aber sehr ähnlich. In beiden Fällen lagern wir Aufgaben aus dem bewussten Denken aus, einerseits zu körperexternen Maschinen und anderseits zu körperinternen, unbewussten Prozessen, das heisst zu körperinternen eigenen Maschinen, respektive Automaten. Und in beiden Fällen ist die Auslagerung (das Outsourcing) nicht vollständig. Externe Maschinen müssen wir warten, bedienen und kontrollieren, während unbewusste Prozesse auf subtile und vielfältige Weise mit unserem bewussten Denken zusammenwirken.

Ein typisches Beispiel für das Zusammenspiel von automatisierten und von bewussten Überlegungen ist das Erforschen von Zusammenhängen durch das Verfassen von Texten. Das Schreiben von Kolumnen greift beispielsweise auf eine automatisierte zufällige Spracherzeugung zurück, welche beim früheren Texten entwickelt wurde und die Basis dafür ist, dass man lernt, beim Textschreiben neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ohne automatisierte Textproduktionsfertigkeiten würde dies nicht funktionieren. Ebenso wenig würde es funktionieren, wenn unser Denken die Steuerung durch die automatisierte Textproduktion ablehnen würde. Diesen auf den ersten Blick recht seltsamen Prozess der Erkenntnisgewinnung hat Heinrich von Kleist exemplarisch beschrieben, am Beispiel des mündlichen Erklärens. Sowohl das Zufällige auf der Microebene, als auch das Kontingente auf der Macroebene der Erkenntnissuche hängen dabei wesentlich von der Vielseitigkeit der Automatisierung, der Offenheit und der Neugier ab: Hochentwickelte Automatisierung und offene Neugier führen gemeinsam zu überlegenen Ergebnissen. Automatisierung ist deshalb in vielen Bereichen das Lern- und Ausbildungsziel: im Sport wie in der Kunst, im Handwerk wie in Mathematik und Philosophie.

Automatisierung als kognitive Entwicklungsmöglichkeit

Die Ähnlichkeit der beiden Automatisierungsformen legt uns nahe, das Automatisieren mit externen Maschinen nicht zwangsläufig als möglichst deterministisch und universell zu betrachten, so wie wir das normalerweise bei Maschinen tun. Vorstellbar sind auch individuelle und zufällige Automaten, die für uns – ganz ähnlich wie unsere unbewussten Denkprozesse – Arbeiten übernehmen. Es wäre auch möglich, sie mit Maschinenintelligenz-Technologie zu bauen. Wir müssten uns dafür nur unsere menschliche Natur als Vorbild nehmen.

Der Vorteil der unbewussten Prozesse im menschlichen Gehirn und damit der Vorteil menschlicher Automatisierung ist, dass sie schnell und hochparallel ablaufen und bottom-up organisiert sind. Dagegen findet das bewusste Denken top-down statt und ist extrem langsam. Es ist ein Paradoxon der Evolution, dass dieser langsame Prozess bewussten Denkens sich als besonders erfolgreich erwies – und zwar nicht erst beim Menschen.

Trotzdem übernehmen beim bewussten Denken unbewusste Prozesse meist die Regie und die Ausführung des Gedachten. Was diese Prozesse von allenfalls zukünftig superintelligenten Maschinen unterscheidet, ist, dass sie im Guten wie im Schlechten unsere eigenen Maschinen sind. Es wäre aber nur natürlich, körpereigene «Maschinen» mit personalisierten externen Maschinen zu ergänzen. Solche Ergänzungen, Erweiterungen oder Externalisierungen menschlicher Fähigkeiten haben wir in vielen Bereichen schon vorgenommen. Viele unserer Werkzeuge erweitern unseren Körper: Das Auto, beispielsweise, erweitert unsere Fähigkeiten, uns schnell vorwärts zu bewegen, während der Abakus schon vor langer Zeit unsere Rechenfähigkeiten erweitert hat.

Kulturelle Ängste

Dass es so viele dystopische und einige utopische Vorstellungen von der Maschinenzukunft gibt, hat verschiedene Gründe: vor allem kulturelle, aber auch durchaus rationale. Die Erinnerung an die Erfahrungen der Industrialisierung existieren beispielsweise im kulturellen Wissen noch. Wir fürchten uns vor den damit verbundenen Umbrüchen, weil wir wissen, welche grosse Verwerfungen die Automatisierung im 19. und im 20. Jahrhundert verursachte. Überdies betrachten wir Maschinen vermutlich unbewusst als Kulturgegenstände – und zwar als Kulturgegenstände, welche sich einer subjektiven Aneignung verweigern und uns stattdessen in Stellvertretung der Gesellschaft unseren Platz in der Gesellschaft zuweisen. Damit nehmen wir die Technik als Bedrängung war, der wir uns entweder unterwerfen oder gegen die wir uns wehren. Dass viele derzeit Maschinen in Form der digitalen sozialen Medien intensiv zum sozialen Reputationsgewinn nutzen, macht die Ängste nicht kleiner, sondern verstärkt sie noch.

Die Gefahr der Verdummung

Daneben gibt es aber auch zwei objektiv gut begründbare Befürchtungen. Die erste betrifft den Entwicklungsschritt zum Cyborg mit jeder Menge kognitiver Erweiterungen. Er könnte die Balance unserer menschlichen Psyche und Kognition stören. Denn unser bewusstes Denken muss erfolgreich mit vielen unbewussten Prozessen im Gehirn zusammenspielen – und dieses Zusammenspiel wird eventuell durch die Ergänzung mit digitalen Maschinen gestört.

Ganz pragmatisch – und losgelöst von grundsätzlichen philosophischen Überlegungen – nehmen uns Maschinen die Möglichkeiten, Fähigkeiten zu automatisieren, wenn sie die entsprechenden Aufgaben für uns übernehmen, wie Eduard Käser dargelegt hat. Das Problem dabei ist einerseits, dass unser Erlernen der automatisierten Fertigkeiten ausfällt und wir damit kognitive Fähigkeiten früherer Generationen nicht erwerben können. Anderseits kooperieren die digitalen Maschinen mit unseren bewussten Denkprozessen wesentlich weniger eng als von uns selbst automatisierte Fertigkeiten. Die UX (User Experience) der digitalen Maschine ist im Vergleich zur UX unserer eigenen unbewussten Denkprozesse viel schlechter. Das hat zur Folge, dass weitergehende Entwicklungsschritte unseres Denkens blockiert werden. Wir werden also doppelt mit einem Lernverlust geschlagen und müssen diesen kompensieren, wenn wir nicht verdummen wollen.

Die ökonomischen Risiken

Die zweite Befürchtung ist, dass die maschinelle Automatisierung mehr Arbeitsplätze vernichtet, als dass sie erschafft. Daron Acemoglu und Pascual Restrepo haben gezeigt, dass seit 1987 die Eliminierung von Aufgaben in den USA etwa doppelt so hoch ist wie die Schaffung neuer Aufgaben (während in den 40 Jahren davor etwa gleich viel neue Aufgaben geschaffen wie eliminiert wurden).

Automatisierung mit digitalen Maschinen reduziert den Bedarf nach Arbeitskräften, es sei denn, sie legt die Grundlagen für neue Praktiken und Leistungen. Ideal wäre, wenn die digitale Automatisierung so funktionieren würde wie die Automatisierung menschlicher Fertigkeiten, welche wie oben skizziert die Entwicklung darauf aufbauender Kompetenzen ermöglicht. Dies würde aber voraussetzen, dass wir die Benutzerschnittstellen entsprechend gestalten und nutzen. Wir müssten Automatisierung neu denken – oder genauer: menschlich denken.

Die Alternativen sind die von der Automatisierung unabhängige Entwicklung von digitalen Werkzeugen, die uns befähigen neue Aufgaben zu bewältigen, und die wissenschaftsgeschützte politische Bekämpfung der negativen Auswirkungen der Automatisierung in Analogie zur Bekämpfung der Klimaerwärmung, so wie sie Acemoglu zur Bekämpfung der Ungleichheit in der Gesellschaft vorschlägt.

Fazit

Digitale Automatisierung wird doppelt unterschätzt. Wenige erkennen die Gefahren und nur einzelne sehen die ontogenetischen und evolutionären Chancen. Eine kreative, multiperspektivische Betrachtung zeigt, dass Automatisierung etwas sehr Komplexes ist, das nur unzureichend durch übliche Schlagwörter wie Rationalisierung beschrieben werden kann.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard RiedlReinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er ist Co-Leiter des Instituts Digital Enabling der BFH Wirtschaft und war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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