Lehren aus Covid-19 – Paradigmenwechsel durch Distanzprüfungen (4)

Völlig sichere Online-Prüfungen sind weder möglich noch notwendig. In vielen Fällen sind sie nicht einmal sinnvoll. Dafür zeigt uns die aktuelle Situation auf, wie wir das System der Leistungsnachweise grundlegend zum Nutzen für alle verändern könnten.

In Teil 1 dieser Miniserie haben wir einen Überblick über die Veränderungen des Hochschullebens durch die Gesundheitskrise gegeben. In Teil 2 haben wir die Infrastruktur und in Teil 3 didaktische Aspekte des Distanzunterricht besprochen. Dabei blieb der weisse Elefant im Raum ausgespart: die Prüfungen auf Distanz.

Sicherstellung der Fairness

Um faire Prüfungen zu garantieren, gilt es grundsätzlich die Nutzung unerlaubter Ressourcen zu verhindern – insbesondere von unerlaubten Daten/Dokumenten, Werkzeugen und menschlichen Hilfen.  Kritisch ist besonders das Unterbinden des Austausches unter Geprüften während einer Prüfung, weil dieser “Austausch” einerseits besonders effektiv ist und anderseits ähnliche hohe soziale Akzeptanz hat wie der sprichwörtliche “Spickzettel”.

Egal ob vor Ort oder auf Distanz ist das Variieren von Prüfungsaufgaben hilfreich, aber nur in Teilen der Mathematik und der Naturwissenschaften, sowie bei speziellen Aufgaben in anderen Bereichen (Informatik, Kunst, Architektur, etc.) automatisiert oder zumindest einfach möglich. Durch das Variieren von Prüfungsfragen kombiniert mit zufälliger Reihenfolge erhält jeder Geprüfte eine individuelle Prüfung, wodurch der unerlaubte Austausch unter den Geprüften erschwert wird.  Komplexe Aufgabenstellungen erschweren das Kopieren von Antworten ebenfalls, weil in ihrem Fall identisch lautende Aussagen ohne Austausch extrem unwahrscheinlich sind. Sie eignen sich für alle Disziplinen, prüfen aber sehr spezifische Kompetenzen: nämlich überzeugende schriftliche Teilantworten unter hohem Zeitdruck zu geben.

Um den Zugriff auf erlaubte digitale Ressourcen zu erlauben und auf unerlaubte digitale Ressourcen zu verhindern, können bei Online-Prüfungen vor Ort sichere Browser wie der SafeExam-Browser verwendet werden. Findet die Prüfung auf Distanz und damit ohne Aufsicht statt, so hilft eigentlich nur eine Videoüberwachung. Damit ist mehr gemeint als die reine Übermittlung des Gesichts wie bei einer Videokonferenz. Für eine wirkungsvolle Kontrolle müssen auch der Bildschirminhalt und die Umgebung mit den verwendeten Hilfsmitteln übertragen werden. Dafür gibt es durchaus Lösungen, denn Prüfungen auf Distanz sind nichts Neues. Allerdings sind sie immer ein Eingriff in die Privatsphäre und nur wenige sind mit den Richtlinien der Hochschulen zum Umgang mit Daten kompatibel (wie beispielsweise in Bayern).

Videoüberwachungen sind zudem abschreckend und erhöhen das immer vorhandene Risiko, dass etwas schiefläuft. Wie soll zum Beispiel bei einem Unterbruch der Videoübertragung ein Netzwerkausfall von einem Betrugsversuch unterschieden werden? Die Videoüberwachung und Kontrolle auf Distanz durch Menschen erfordert ausserdem einen hohen Aufwand. Künstliche Intelligenz hier allerdings helfen. Entsprechende Lösungen können sogar einzelne Personen am Tippverhalten erkennen oder anhand von Helligkeitsschwankungen auf eine weitere Person im Raum schliessen. Im Verdachtsfall ist ohne Geständnis ein Prüfungsbetrug jedoch oft schwer nachzuweisen. In den nächsten Jahren werden die Lösungen mit Videoüberwachung überdies durch technische Fortschritte herausgefordert werden. Ein Beispiel ist das Produzieren von Deepfakes. Deepfake-Technologien für Prüfungen zu nutzen verlangt zwar scheinbar substanzielle kriminelle Absichten, doch es kann auch als sportlicher Wettstreit mit den Prüfenden missverstanden werden so wie das traditionelle Schummeln bei Prüfungen vor Ort. Deshalb wird die Fairnessgarantie durch Videoüberwachung sogar abnehmen, sofern diese nicht ständig ausgebaut wird.

Alternative Betrachtungsweisen

Es stellt sich  die Frage, ob ein technologisches Wettrüsten rund um Prüfungen der beste Weg ist, um möglichst grosse Fairness zu garantieren. Es gilt die Verhältnismässigkeit zu berücksichtigen. Bei einer Seminar-, Bachelor- oder Master-Arbeit kann auch nicht mit letzter Sicherheit garantiert werden, dass sie ausschliesslich eigenständig geschrieben wurde. Eine derartige Arbeit lässt sich heute sogar komplett kaufen. Warum also sollte man die ganze Aufmerksamkeit auf “schriftliche” Prüfungen konzentrieren? Nicht zuletzt untergräbt das Hochrüsten der Kontrolle die Vertrauensbasis zwischen Dozierenden und Studierenden.

An manchen Eliteuniversitäten ist es ganz im Gegensatz dazu üblich, dass Studierende die Prüfungen “zu Hause” schreiben, dabei selbst die Zeit kontrollieren, und dann die Prüfungen per eMail abgeben. Zwar gibt es auch dort Kontrollen, um durchgängigen Betrug zu verhindern, doch ein Grossteil der schriftlichen Prüfungen basiert auf dem Vertrauensprinzip.

Dahinter steht neben einer grösseren Vertrauensbasis zwischen Hochschule und Studierenden auch ein anderes Verständnis von Prüfungen. Prüfen wird an diesen Hochschulen hauptsächlich formativ verstanden, also als Hilfsmittel um den eigenen Lernstand zu ermitteln und zu verbessern. Im Gegensatz dazu stehen “üblichen” normative Prüfungen, die ein bestimmtes Niveau sicherstellen. Formative Prüfungen dienen primär dazu, Feedback über den Lernfortschritt zu geben – neben absolutem oft auch ein vergleichendes Feedback. Zwar werden sie auch zur Motivation eingesetzt und beinhalten ein Zwangselement, aber die Selbstkontrolle ist dabei wichtiger als die Fremdkontrolle.

Eine Frage der Haltung

Die aktuelle Gesundheitskrise zwingt uns, Prüfungen auf Distanz durchzuführen und dabei eine Haltung einzunehmen: Wollen wir mit invasiven Mitteln in die Privatsphäre eindringen und ganz auf Kontrolle setzen, im Wissen, dass dies nicht hundertprozentig funktioniert und viel Aufwand bedeutet, oder wollen wir auf Vertrauen setzen? Untersuchungen deuten darauf (siehe z.B. Aussagen des Rektors der Universität Zürich), dass ohne Videokontrolle bei etwa 0.5% der Prüfungen betrogen wird. Gleichzeitig muss man davon ausgehen, dass ein Entscheid für mehr Kontrolle die Vertrauensbasis an der Hochschule untergraben wird – mit negativen Folgen für die Beziehung zwischen Studierenden und Hochschule nach Abschluss des Studiums.

Wenn wir uns für Vertrauen entscheiden – und vieles spricht im mitteleuropäischen Hochschulkontext dafür – so haben wir noch immer einen grossen Spielraum, wie sehr wir die Vertrauenswürdigkeit auf die Probe stellen. Es erscheint sinnvoll, wiederum bezogen auf den mitteleuropäischen kulturellen Kontext, ein Setting zu wählen, in welchem die Nutzung unerlaubter Ressourcen einen grösseren Aufwand verlangt. Im Fall von “Closed Book Prüfungen” kann dies mit einem sicheren Browser teilweise erreicht werden, besser sind aber “Open Book Prüfungen” mit einer eher enger Zeitbeschränkung – vorzugsweise mit variierten individuellen Prüfungsfragen, wo dies mit geringem Aufwand fair möglich ist.

Ein möglicher Perspektivenwechsel

Über die Haltungsfrage hinaus gehend, können und sollten wir die Gesundheitskrise zum Anlass nehmen, einerseits einen Grossteil der Leistungsnachweise formativ zu gestalten, inklusive der Möglichkeit die eigene Leistung mit der Leistung anderer zu vergleichen, und anderseits die Fairness bei Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten zu erhöhen. Beides lässt sich verbinden.

Ein konsequent formativer Ansatz für Leistungsnachweise verlangt, dass es während des Semesters regelmässige Tests gibt – sowohl was erlernte Fertigkeiten als auch was deren Anwendung in einem komplexeren Kontext betrifft. Da in der Praxis nicht-notenrelevante Tests von vielen Studierenden ignoriert werden, sollten alle Testergebnisse zur Endnote beitragen. Es ist aber auch sinnvoll, ein mehrmaliges Ablegen der Tests zu ermöglichen und einen “diskreten” Wissenserwerb zu unterbinden, bei dem man 60% exzellent beherrscht und 20% gar nicht. Die Schweizer Schulpraxis in Mathematik ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie verheerend die Kompensationslogik auswirken kann. Wer beispielsweise während des Bruchrechnens nicht mitlernt, der lernt das Bruchrechnen oft erst an der Hochschule, so unglaublich dies klingt. Analoges Bewahren von Wissensdefiziten sollte an Hochschulen vermieden werden.

Eine enge Coaching-Betreuung bietet bei Semester-, Bachelor- und Master-Arbeiten überdies die Möglichkeit, diese Leistungsnachweise ebenfalls formativ zu begleiten. Obendrein reduziert sich dabei der Anreiz, die Prüfungsarbeit zu kaufen. Allerdings sollten sich Coaches stets dabei bewusst bleiben, dass sie am Ende auch die Leistung fair beurteilen müssen.

Die Zukunftsperspektive

In Summe könnte man das ganze Prüfungssystem so umstellen, dass weitgehend formative Prüfungen mit einigen normativen Prüfungen kombiniert werden, welche sicherstellen, dass Studierende auch die Fähigkeit erwerben, in kritischen Momenten des Berufslebens hohe professionelle Leistungsqualität zu erbringen. Die formativen Prüfungen könnten auch nach der Gesundheitskrise online erbracht werden – mit dem Nebeneffekt, dass Prüfungsängste abgebaut würden ebenso wie die Stresssituationen von Massenprüfungen in grossen Räumen. Dies würde nebenbei den Organisationsaufwand bei Prüfungen reduzieren. Vor allem aber würde das konsequente und stetige Lernen während des Studiums gefördert und damit die Wirkung des Studierens verbessert. Und das Tor würde weit geöffnet für neue Formen der Leistungsbeurteilung und für eine individuellere Förderung der Studierenden.

AUTOR/AUTORIN: Reto Jud

Reto Jud ist Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik an der BFH Wirtschaft.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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