Leonce und Leonce – eine Streamingkritik

Das Theater experimentiert – endlich – mit hybriden Aufführungsformen, welche vor Ort von wenigen und im Internet von vielen angesehen werden können. Multimedia finden damit einen überzeugenden Platz auf der Bühne.

Seit 15 bis 20 Jahren fragen wir uns, warum es so viel Multimedia auf der Bühne braucht. Jetzt wissen wir es: die im Grunde ihrer Herzen erzkonservative Avantgarde der Theaterleute hat geprobt für jetzt, die Zeit der Gesundheitskrise! Mit ihrem Knowhow sind sie gut gerüstet dafür, durch Streaming Theaterproduktionen aus interessanten neuen Perspektiven zu zeigen und so ihr eigenes, traditionelles, Vor-Ort-Sitzen-Modell des Theaters ernsthaft zu konkurrenzieren.

Das Schauspielhaus Zürich demonstriert diese Kompetenz nun versuchsweise. Es experimentiert neu mit Live-Streaming am Streamy Thursday und erfüllt sich dabei den Traum, das Publikum direkt anzusprechen und dem «Gspürsch-mi» zu frönen. Dies öffentlich und ausnahmsweise am richtigen Platz. Denn es geht in dieser Zeit auch um soziale Verbundenheit. Oder genauer: es geht um die Befreiung von der Überzeugung, dass Verbundenheit nur durch Berühren und Umarmen gezeigt werden kann (wie dies vor allem Männer glauben). Sie kann auch online demonstriert werden.

Am 10. Dezember streamte das Schauspielhaus «Leonce und Leonce» live. Ein sehr spezielles Stück, bei dem die Kenntnis von Georg Büchners «Leonce und Lena» hilft, weil man sich gelegentlich fragt, ob man gerade etwas von der berühmten Vorlage gehört hat und sich dabei vornimmt, deren Text zu googlen. Das hält das Interesse bei der emotional anstrengenden Aufführung frisch.

Ein neues Theatererleben

Das Streaming der Aufführung wurde sympathisch und weiblich mit kurzen Erklärungen und einer Verbundenheitsadresse ans Publikum eingeleitet. Die Emotionalität der Eröffnung wurde in der Aufführung selbst dann allerdings weit in den Schatten gestellt durch eine bisweilen schier unerträgliche männliche Gefühlsintensität – ergänzt um eine Kindergartendidaktik im Umgang mit den männlichen Dilemmata, die einer Parodie nahekamen. Vier Schauspieler lebten ihr männliches Leiden am Selbst aus, vom Moderator dazu animiert, sich möglichst hemmungslos dem Mitleid hinzugeben. Ob dies mit oder ohne Humor inszeniert war, musste jede und jeder im Publikum selbst entscheiden. Am Stream konnte man dieses Leiden mit sich selbst – anders als das Vor-Ort-Publikum – aus allernächster Nähe und aus verschiedensten Perspektiven beobachten, da ein Kameramann gelegentlich mit auf die Bühne kam.

Diese visuelle Nähe ist nicht nur ein typisches Paradoxon des Theaters auf Streamingdistanz, sondern verändert auch die Wahrnehmung. Je nach Szene übertrieb sie diese und das Leiden im Publikum daran (beispielsweise im langen Nichts-passiert-Zusammenstehen zu Beginn) oder sie erschloss deren emotionale Dimension erst wirklich (beispielsweise in den Szenen mit dem grossen Spielzeugauto). Dabei fragte man sich, wie weitgehend die Inszenierung abgesehen von offensichtlich eingefügten Textpassagen für das Streaming angepasst worden war. Und man beneidete das Publikum vor Ort ein wenig darum, dass es mit der Bühne interagieren konnte. Hätte man allerdings auch noch eine Chat-Funktion gehabt, um mit anderen Online-Zuschauenden sich auszutauschen, so wäre das Streaming eine ebenbürtige Alternative zum Vor-Ort-Besuch gewesen – mit anderen aber fast gleichwertigen Qualitäten und wesentlich geringerem eigenen Aufwand.

Stückauswahl

Natürlich fragte man sich: warum gerade diese Produktion fürs Live-Streaming ausgewählt worden ist. Georg Büchners Leonce und Lena ist die klassische Theaterreferenz, wenn es um digitale Transformation geht. Das Stück illustriert mit viel Witz das in effigie-Prinzip – flapsig erklärt: den Unterschied zwischen Identifikation und Authentifikation – und benutzt dafür materielle Avatare, in denen sich die Originale verbergen. Man könnte auch sagen: Büchner ahnte schon damals, dass nicht die Maschinen uns unterwerfen werden, sondern wir uns mit den Maschinen selbst unterwerfen werden (in diesem Fall unter die Ehe). Doch um solchen rückblickenden Tiefsinn geht es nicht. Sondern einzig und allein um unangepasste postmoderne Männlichkeit, welche im Gegensatz zur allgegenwärtigen modernen Männlichkeit steht, prototypisch verkörpert durch fröhliche Familienväter.

Das ist schwere Kost und wirkt im Streaming vermutlich sogar ernsthafter als im Publikum vor Ort, welches gelegentlich lacht. Immerhin haben gemäss Anzeigen die über 250 beteiligten Streamer*innen fast alle bis zum Ende durchgehalten. Wie viele tatsächlich zugesehen haben – es könnten auch viel mehr gewesen sein – lässt sich aus solchen Zahlen (so die denn authentisch waren) nicht ableiten. Aber das Ergebnis sollte allen Theater Mut machen, mehr Streaming-Angebote zu wagen! Die physische und die digitale Welt werden mit solchen professionell gemachten Experimenten mehr und mehr eins – und das ist gut so! Es macht neue ästhetische Erfahrungen möglich und wird weitere Theaterinnovationen anstossen. Gut, dass es schon bald wieder Donnerstag ist.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard RiedlReinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er ist Co-Leiter des Instituts Digital Enabling der BFH Wirtschaft und war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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