Lehren aus Covid-19 – Digitale Hochschulen (1)

Der Lockdown hat die Hochschulen verändert – voraussichtlich dauerhaft. Vieles wird in den nächsten Jahren neu konzipiert werden müssen, aber vorerst dominieren die Herausforderungen und Chancen im Herbstsemester 2020.

Lehre und Weiterbildung waren anders durch Covid-19 betroffen als Forschung und Dienstleistungen. Für Erstere gab es den Zwang zur kurzfristigen Umstellung, für letztere gab es veränderte Finanzierungsmöglichkeiten.

Lehre und Weiterbildung

Die Lockdown-Phase gestaltete sich in der Hochschul-Lehre und teilweise auch in der Weiterbildung sehr heterogen: Die tatsächlichen Massnahmen gingen unterschiedlich weit und wurden unterschiedlich schnell getroffen. Aber auch die Wahrnehmungen differierten. Was die einen großartig fanden, rief bei anderen Enttäuschungen hervor, weil ihnen die Digitalisierung nicht weit genug ging. Im Semester nach dem Lockdown gibt es nun ebenfalls keinen Konsens, wie sehr man zur Präsenzlehre der Vor-Corona-Zeit zurückkehren soll, weder bei den Hochschulen noch bei deren Studierenden.

Vielerorts schaut es nach Business-as-usual im Herbstsemester aus, ergänzt um temporäre Quarantänemassnahmen für Teile der Studierenden und für einige Dozierende. Während der Quarantäne wird dann wie im Frühlingssemester online unterrichtet. Zudem werden vermehrt Vorlesungen im traditionellen Stil aufgezeichnet. Doch es gibt auch Kritik, die fordert, man müsse mehr Lehren aus dem Lockdown ziehen und die traditionellen Lehrformate hinter sich lassen.

Mehr Übereinstimmung findet man bei der Beurteilung dessen, was didaktisch online funktioniert:

  • Gruppenarbeit funktioniert online gut, oft sogar besser als im Präsenzunterricht – in der Weiterbildung ist es dabei wichtig, dass die Arbeitsumgebung dafür gut vorbereitet wird, in der Konsekutivausbildungen richten sich Studierende oft selbst gut ein.
  • Frontalunterricht funktioniert online viel schlechter als im Präsenzunterricht, hat aber tendenziell sogar mehr Zuhörer*innen. Als grösstes Problem wird wahrgenommen, dass die Unterrichtenden die Gesichter der Zuhörer*innen nicht sehen.
  • Online-Coaching funktioniert je nach Fach besser, anders oder auch viel schlechter als Coaching im Präsenzunterricht: schwierig ist Online-Coaching beispielsweise im Gesangsunterricht.
  • Für Dozierende ist beim Coaching oft das «Beobachten und Wahrnehmen» die grösseren Herausforderungen als das «Zeigen», ausgenommen in speziell ausgestattete Studios und Laboren.
  • Online zeigen Studierenden bisweilen überraschend viel mehr Kreativität und Aneignungstalent als im Präsenzunterricht, beispielsweise kann davon der Transfer von der Theorie in die Praxis profitieren.
  • Ein ganzer Tag Online-Unterricht ist für Studierende und Dozierende sehr anstrengend – auch dann, wenn regelmässig Pausen gemacht werden.
  • Der Wunsch nach asynchron nutzbaren Aufzeichnungen des Unterrichts ist bei Studierenden in der Konsekutivausbildung gross, in der Weiterbildung geringer.
  • Nach einem halben Jahr Gesundheitskrise werden viel mehr Funktionalitäten von Lernplattformen genutzt als zuvor: es ist eine neue Neugier entstanden, was alles möglich ist.
  • Physische Präsenz kann bei Vor-Ort Besuchen im Rahmen des Unterrichts auch über Roboter erstaunlich erfolgreich realisiert werden.
  • Wie bei vergleichbaren Transformationsschüben der Digitalisierung zuvor gibt es auch eine Umverteilung von Aufgaben hin zu den Dozierenden, beispielsweise bei der Organisation von Vorlesungen oder Prüfungen.
  • Entscheidend für die Zufriedenheit der Dozierenden ist eine möglichst gute Unterstützung in Form von Tutorials, die jederzeit wieder online aufgerufen werden können.

Der synchrone Unterricht auf Distanz zeigt sich neu als Alternative zu dem Präsenzunterricht einerseits und dem asynchronen Online-Unterricht anderseits., Hybride Unterrichtsformen werden konsequenter praktiziert. Viele Dozierende nutzen viel mehr Funktionalitäten der Online-Lern-Werkzeuge als früher  und gestalten sich Ihre eigene Arbeitsumgebung nach ihren Bedürfnissen. Zudem ist die Akzeptanz der Studierenden für Experimente gewachsen. Die Prüfungsformen stehen zudem wieder einmal auf dem Prüfstand: das reine Reproduzieren von Wissen wirkt online noch zweifelhafter als in der traditionellen Hochschulwelt. Deshalb werden vermehrt Skills und Transferfähigkeiten «geprüft», Vielleicht am umstrittensten von den oben aufgelisteten Beobachtungen ist die Steigerung der Kreativität im Online-Unterricht. Es kann durch die Wahrnehmungsreduktion online auch Kreativitätsblockaden geben.

Das alles fand und findet in einem Kontext statt, der durch Paradigmenwechsel in der Lehre geprägt wird. Flipped Classroom Teaching ist mittlerweile comme-il-faut, Knowhow gewinnt an Bedeutung im Vergleich zum Wissen, die Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten (Skills)  wird immer mehr gefragt. Hingegen verliert die Vermittlung eines umfassenden akademischen Wissens an Bedeutung. An manchen Hochschulen wird vermehrt auf Peer-Teaching gesetzt: Studierende erklären sich schwierige Konzepte gegenseitig. Vor allem aber lautet die neue Lehrordnung an immer mehr Vorreiterinstitutionen «zuerst Probleme lösen, dann die Theorie dazu erlernen». Das ist neu, in einigen Studien war das schon immer normal, in anderen die bevorzugte Wahl der Topforscher*innen, wenn sie unterrichteten. Trotzdem war es die Ausnahme. Deshalb wird der Trend die Hochschulwelt grundlegend umgestalten. Einziges Problem: Auf Distanz oder gar asynchron ist die Umsetzung bisweilen sehr schwierig.

Auch andere aktuelle Innovationen sind auf Distanz schwer umzusetzen. Gab es in den letzten Jahren einen Trend zum Labor in der Lehre, auch ausserhalb der Disziplinen, die schon immer Laborarbeit für Studierende vorsahen, so wären neu Online-Labore gefragt, die im Idealfall sogar bei asynchronem Arbeiten im Team funktionieren. Nur: die gibt es kaum. Virtuelle Labore für Studierende zählten bislang nicht zur Standardausstattung von Hochschulen und müssen in vielen Bereichen erst entwickelt werden.

Rein quantitativ waren in der Lehre keine negativen Auswirkungen zu beobachten, wohl aber in der Weiterbildung: Die Zahl der Teilnehmer*innen an Weiterbildungen brach dramatisch ein. Für Hochschulen, die mit eigenen Dozierenden die Weiterbildung betreiben (statt primär mit Externen) war und ist dies ein beträchtliches finanzielles Problem.

Forschung und Dienstleistungen

In der Forschung war eine großartige Neuerung zu beobachten. Die lokalen Kolloquien und Oberseminare mit bestenfalls gesamtstädtischer oder regionaler Beteiligung wurden globalisiert – mit Vortragenden, Zuhörenden und Mitdiskutierenden aus der ganzen Welt. Warum-erst-jetzt, fragte man sich, aber das Glück über endlich-jetzt war gross. Mit freilich unerfreulichen Folgen für jene, die ihre geschützte Werkstatt verloren und neu von ihrer Umgebung an den Besten der Welt genmessen werden. So verbreitete sich die Praxis weniger schnell als man erwarten müsste. Jene Hochschulen, deren Dozierende Kolloquien als Zeitverlust ansehen, bekamen naturgemäss diese Globalisierung gar nicht mit. Andere hatten nicht das Netzwerk und das attraktive Angebot.

Für Interessierte innerhalb und ausserhalb der Hochschulen war es jedenfalls viel weniger aufwändig als sonst, die besonders coolen Vorträge zu hören: Man schaltete sich Online dazu und blickte oft genug in die ganz private Wohnung eines Forschungsstars. Das hatte Charme und wirkte doppelt, wenn wirklich hart diskutiert wurde. Denn es belegte, dass es um die Sache geht und nicht um die Show.

Ansonsten aber gab es während des Lockdowns viele Hindernisse mit unterschiedlich grossen Auswirkungen: Embedded Research war grossteils unmöglich, Action Research war sehr schwierig, Experimental Research war je nach Gebiet mit alternativen Settings möglich oder nicht,

Interviews funktionierten aber fast so gut wie zuvor und beim Aufwand dafür konnte sogar gespart werden. Irgendwie betroffen waren alle Disziplinen, und sei es nur, dass Wissenschafter gezwungenermassen zu Hause arbeiten mussten und auf kreative Konferenzabende und Seminare an schönen Orten verzichten mussten.

Positiv für die Forschung sind die neu wegen Covid-19 aufgelegten Forschungsprogramme, von denen allerdings die einzelnen (Teil-)Disziplinen sehr unterschiedlich profitieren. Die angewandte Forschung zusammen mit der Wirtschaft kam dagegen fast zum Erliegen und hat sich bislang davon nicht erholt. Firmen hatten weniger Geld zum Investieren und setzten die Mitarbeitenden in Forschung und Innovation auf Kurzarbeit. Das blockiert laufende und in Vorbereitung befindliche Projekte. Weniger verständlich, aber breit zu beobachten, waren auch Projektverzögerungen bei den Forschenden. Hier fehlt noch eine Analyse, warum es dazu kam.

Last but not least litten die Dienstleistungen und damit auch die Drittmitteleinnahmen der Hochschulen. Die Kunden hatten meist andere Probleme als solche, die durch Hochschulen für sie gelöst werden können – oder ihr Blick verengte sich so sehr, dass sie gar nicht mehr fähig waren, externe Hilfe anzunehmen. Dies ist ein typisches Mangelphänomen und viele Firmen werden dafür teuer bezahlen. Doch das haben Krisen so an sich. Die Drittmittelverluste treffen Hochschulen trotzdem viel schneller als der Kooperationsverlust ihre Partner in der Wirtschaft. Einmal mehr muss man sich fragen, ob es wirklich klug ist, die Angewandte Forschung durch die Privatwirtschaft und deren Expert*innen steuern zu lassen. Die naheliegende vernünftige Antwort auf diese Frage ist von den Entscheidungsträger*innen nicht zu erwarten. Dazu müsste man unter anderem Amerika schauen – und das ist derzeit nicht gerade populär.

Deus ex discrimine

Trotz der gezwungenermassen überstürzten Einführung von Neuerungen und trotz des ernsten Hintergrunds gab es im Hochschulbetrieb auch immer wieder erstaunlich positive Erlebnisse. Manches ging unter oder funktionierte nur sehr mühevoll, aber vieles liess sich plötzlich viel effizienter und effektiver organisieren. Vor allem aber entstanden neue Arbeitsroutinen. Es gibt Projekte, die rein gar nichts mit dem Lockdown zu tun haben, aber nur wegen des Lockdowns existieren. Denn Treffen, welche sonst aus Termingründen gescheitert wären, fanden online statt.

Zusammengearbeitet wurde nun und wird weiterhin – denn die neue Mode hat Bestand – wenn es passt: wenn die Kinder im Bett sind oder beschäftigt, wenn die Familienfeier zu Ende ist oder der Keller aufgeräumt, wird die Zeit zur wissenschaftlichen Kooperation genutzt. Die Mitternachts-Telco ersetzt dabei keine physischen Treffen, sondern tritt hinzu. Sie ist etwas einzigartig Hinzugegebenes. Zwar war sie schon seit vielem Jahren möglich, nur jetzt wird sie auch tatsächlich praktiziert.

Man erzählt: Früher, wenn der Strom ausfiel, stiegen neun Monate später die Geburtenraten. Durchaus vorstellbar, dass in ein paar Jahren die bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse stark ansteigen werden. Wenn, dann wahrscheinlich genau dort, wo sie niemand erwartete und auch keine Gelder hinfliessen, denn für solche Themen bleibt im Alltag der Hochschulen keine Zeit.


Literatur

  1. Sendhil Mullainathan, ‎Eldar Shafir:  Scarcity: Why Having Too Little Means So Much, Penguin 2014.
  2. Robert Schoblick: Blended Learning mit MOODLE: Elektronische Lehrmittel in den modernen Unterricht integrieren, Hanser Verlag 2020.

Acknowledgements

Unser Dank gilt allen, die zum Entstehen dieses Texts beigetragen haben, insbesondere Andrew Kresch, Tine Melzer, Anne-Careen Stoltze, Wolfgang Stummer und Heinrich Zimmermann.

AUTOR/AUTORIN: Reto Jud

Reto Jud ist Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik an der BFH Wirtschaft.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er ist Co-Leiter des Instituts Digital Enabling der BFH Wirtschaft und war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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2 Kommentare
  1. Manuel Fischer
    Manuel Fischer sagte:

    Danke für diesen spannenden Beitrag. Die Steigerung der Kreativität war für mich ebenfalls sichbar. Allerdings nur bei einigen Studierenden. Bei anderen (schwächeren) war das Gegenteil der Fall. Deren Leistungen wurden schwächer. Die Freiräume, welche erstere Gruppe für kreativere Ansätze nutzten, führte bei ihnen zu Orientierungslosigkeit und überforderung. Diese aufgehende ”Leistungsschere” wirft bei mir die Frage auf, ob Distance Learning die Chancengerechtigkeit in der Bildung erschwert, da die ”Gewinner” wohl vornehmich einen bildungsnahen Hintergrund haben. Wäre spannend, diese Frage einmal empirisch anzugehen.

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  2. Reinhard Riedl
    Reinhard Riedl sagte:

    Das ist ein wichtiger Punkt! Freiräume müssen das richtige Mass haben, um zu besseren Resultaten zu führen. (In der Analyse des IT Engineerings spricht man deshalb von der Freiheit, nicht entscheiden zu müssen, welche eine Ursache für den grossen Fortschritt der IT ist). Das ideale Ausmass der Freiräume ist nicht für alle gleich. Bei einigen anspruchsvollen Fernstudien hat man die Erfahrung gemacht, dass sie zwar viel effizienter und effektiver sind, aber viel mehr Studierende an ihnen scheitern als in konventionellen Curricula. Wir müssen uns also überlegen, ob wir das Hochschulangebot mehr differenzieren wollen in unterschiedliche Studienpfade zu denselben Abschlüssen. (Stichwort: individualisiertes Studieren)

    Die kritische Frage ist, wer die Gewinner sind. Ich kenne die Antwort nicht, habe aber in Einzelfällen in der Weiterbildung die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass von ganz unerwarteter Seite es kreative Ideen gab, den Vorlesungsinhalt für praktische Problemlösungen zu nutzen. Menschen, deren wesentliche Kompetenz der Umgang mit anderen Menschen ist, haben das Potential moderner Technologien sehr klar erkannt und wollten es unbedingt nutzen. Es war ihnen gleichgültig, dass Technik nicht ihr Ding ist, sie haben die Problemlösung gesehen und das hat ihnen offensichtlich Freude gemacht und sie motiviert, kreativ zu sein.

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