Digital Health in der Covid-19-Krise (1) – Es gibt kein Zurück in die Vorkrisenzeit

Die Pandemie hat uns viel ernster getroffen, als wir zugeben wollen. Es ist höchste Zeit, der Wirklichkeit in die Augen zu schauen, wahrscheinliche Entwicklungen zu antizipieren und uns darauf vorzubereiten.

„Vorwärts in die Vergangenheit“, scheint die unausgesprochene Devise zu sein, geprägt von dem Wunsch, alles möge schnell wieder so sein, wie es einmal war. „Zurück in die Zukunft“, interessiert plötzlich niemanden mehr: Die Sehnsucht nach dem Gewohnten ist grösser. Corona hat uns in vielen Bereichen nach vorne katapultiert. Technische Innovationen waren schon lange vorhanden, nur nutzen wollten wir sie nicht so recht. Warum das so war, das verstehen wir erst jetzt – langsam.

Ich bin Augenarzt. Kein Techniker, kein Philosoph oder Politiker. Ich darf eine kleine aufstrebende Abteilung an einer neu gegründeten Universitätsklinik in Linz in Oberösterreich leiten und habe nebenbei ein Unternehmen mitbegründet, das eine Digital Health-Lösung auf den Markt gebracht hat. Ich trage gerne Führungsverantwortung und habe in den letzten Monaten, wie wir alle, viel erlebt und viel gesehen. Ich habe beobachten dürfen, wie ein gesamtes Krankenhaus innert kürzester Zeit in eine Schockstarre verfällt und in einen absoluten Krisenbetrieb umstellt, ohne dies je vorher gedacht oder geübt zu haben. Leistungen wurden heruntergefahren, Kräfte gebündelt und Probleme gemeinsam konstruktiv gelöst. Die Corona-Welle ist über Österreich geschwappt, ebbte ab und grosse Erleichterung stellte sich ein. Eigentlich fühlte es sich gerade in Oberösterreich so an, als dürfe man wieder in alte Gewohnheiten und Denkmuster verfallen. Corona war nicht mehr spürbar.

Der weisse Elefant wird nicht so schnell verschwinden

Und während wir gerade in der Romantik, frei nach Johann Strauss – „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ –, schwelgen, kommt der eine oder andere Infektions-Cluster daher, der dann doch wieder bedenklich stimmt. Das mit dem Vergessen, das will bei Corona nicht wirklich funktionieren, nicht einmal in Österreich. Was, wenn das jetzt die österreichische Form der Corona-Krise ist: Der Landschaft entsprechend bergauf, bergab, dem Naturell des Österreichers entsprechend präsent wie der viel zitierte weisse Elefant im Raum und dabei perfekt ignoriert. So wird es allmählich immer klarer, dass kein Arzt, kein Krankenhaus, keine Regierung und vielleicht zu allerletzt eine World Health Organization mit irgendeinem Stichtag in den nächsten Jahren die Corona-Krise für beendet erklären werden. Das Virus wird sich in immer neuen Varianten präsentieren und weiterentwickeln. Es wird nie möglich sein alle Menschen weltweit durchzuimpfen und vielen Gesellschaften wird das Geld ausgehen, um überhaupt wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen zu können. Von und weltwirtschaftlichen und -politischen Effekten und Folgewirkungen ganz zu schweigen, denn damit kenne ich mich nicht aus. Der weisse Elefant, der bleibt jedenfalls.

Die Welt befindet sich in einer Stresssituation

Ernüchternd. Denkt man weiter, ziehen erst die wirklich dunklen Gewitterwolken auf. Wir müssen realisieren, dass wir – entgegen aller früheren Zukunftsszenarien, aller suggerierten Bilder der Werbung, aller optimistischen Prognosen der Politik und aller Risikoberechnungen – das erleben, was immer für ausgeschlossen gehalten wurde: Den absoluten Kontrollverlust einer globalen Gesellschaft.

Wir haben – wenn man ehrlich ist – ein Problem nicht mehr im Griff. Eine mit Finanzspritzen künstlich am Leben gehaltene Wirtschaft droht zu implodieren. Welchen Sinn hat denn noch die neueste Modekollektion in Zeiten des digitalen Biedermayers im Jahr 2020? Urlaubsziele? Autokauf? Das ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern zusätzlich auch eine Sinnkrise, wenn innerhalb von wenigen Monaten Dinge, die uns so wichtig waren, plötzlich jede Bedeutung verlieren. Wir sind mit der Geschwindigkeit der Veränderungen und der subjektiv empfundenen Ausweglosigkeit heillos überfordert. Psychologen würden den Effekt auf den Körper wohl am ehesten als Stress bezeichnen, Stress, dem jegliches Ventil recht ist, um abgebaut zu werden. Ob bei einem Patienten, dem Verkäufer im Supermarkt, bei den Nachbarn, oder bei einer Polizeikontrolle eines schönen Abends in Stuttgart: Es braucht nicht viel, dass man eine volle Ladung der – wie ich sie nennen möchte – Corona-Aggression abbekommt. Vollkommen übers Ziel hinausschiessend, ungerichtet, destruktiv, und nur teilweise begründet und nachvollziehbar.

Das Gesundheitswesen und die Rolle von Digital Health

Das ist also der Rahmen, in dem man sich als Arzt im Jahr 2020 bewegt. Der größte Unterschied zur beschriebenen Situation liegt jedenfalls in der Tatsache, dass man sich im Gesundheitsbereich bezüglich seiner Arbeit diese Sinnfrage nicht stellen muss. Corona hat dies noch einmal mehr unter Beweis gestellt. Wir haben gelernt, dass es gerade die Krankenhäuser waren, die in der absoluten Krisensituation die Versorgung aufrechterhalten haben. So weit, so gut. Aber auch in meiner Welt ziehen Gewitterwolken auf. Wenn der Personalbedarf aufgrund potentiell infizierter und nicht infizierter Patientinnen, die getrennt behandelt werden müssen, steigt. Wenn Personal zu fachfremden Bereichen zugeteilt werden muss – und das geht vielerorts gar nicht anders. Wenn man vom Patienten, der seine nicht-akute Operation vehement einfordert, bis zum akuten Patienten, der sich vor dem Spitalsbesuch fürchtet, alles erlebt. Dann brechen auch in der Welt der Medizin alte, gewohnte, teils verkrustete Strukturen auf. Angesichts eines relativen Personalmangels und eines Patientenansturms wird die Lenkung von Patientenströmen in der Pandemie schlagartig kriegsentscheidend. Und hier kommt plötzlich das große Thema „Digital Health“ ins Spiel. Die logische Konsequenz einer sozialen Distanzierung ist wohl eine „digitale Gesundheit“ – vorerst aber nur in der Theorie. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, warum wir trotz aller technischen Möglichkeiten (Stichwort: Telemedizin) den aktiven Sprung in das neue Zeitalter von Digital Health nie wirklich gemacht haben – und unbewusst vielleicht auch gar nicht wollten.


Die Serie

Fortsetzung: Teil 2 vom selben Autor beschreibt Lösungsansätze für den praktischen Umgang mit Digital Health.  Er erscheint am 31. Juli.


Hinweis

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wurde entweder die männliche oder die weibliche Sprachform verwendet. In sämtlichen Ausführungen sind jedoch beide Geschlechter und auch alle anderen mitgemeint.

AUTOR/AUTORIN: Matthias Bolz

Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Bolz ist Vorstand der Klinik für Augenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum und Augenarzt in seiner Wahlarztpraxis in Linz. Dr. Bolz ist international anerkannter Augenchirurg und Experte in der Operation des Grauen Stars und der Netzhaut, sowie in der Untersuchung von Erkrankungen der Netzhaut, wie zum Beispiel der altersbedingten Makula Degeneration oder bei Diabetes. Nebenbei hat er die Digital Health Plattform Vivellio (www.vivellio.app) mitbegründet, die diesen Mai gelauncht wurde.

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