Digitale Schulen während der Covid19-Krise (3) – Konkrete Empfehlungen

Die Gesundheitskrise hat viel Schaden verursacht. Umso wichtiger ist es, die ebenfalls gemachten positiven Erfahrung zu nutzen, um den Schaden durch neuen Fortschritt zu kompensieren. Deshalb müssen wir jetzt den Push-Effekt der Krise nutzen.

  1. Den Fortschritt nicht zurückdrehen, sondern erforschen: Wenn wir den digitalen Unterricht einstellen, werden wir das damit erworbene Wissen bald vergessen haben. Wir sollten das Gegenteil tun, weiter mit digitalen Lehrformen experimentieren und die Ergebnisse dieser Experimente erforschen.
  2. Mehr digitale Werkzeuge im Unterricht einsetzen: E-Learning kann in allen Fächern gewinnbringend genutzt werden – von Sport und Musik über Mathematik und Deutsch bis zu Geografie und Geschichte, sowie insbesondere für die beliebten Projektarbeiten. Wir sollten neben generischen digitalen Werkzeugen auch fachspezifische digitale Werkzeuge vermehrt nutzen.
  3. Mehr Wertschätzung für Lehrerinnen und Lehrer zeigen: Wenn wir der Lehrerschaft in Zukunft vor den Augen der Kinder wieder hohe Wertschätzung entgegenbringen, wird die Schule Wirksamkeit zurückgewinnen. Wir sollten damit beginnen, solange die Erinnerungen an den Lockdown noch frisch sind.
  4. Personalisierte Elternportale bauen: Elternportale ermöglichen eine bessere Abstimmung zwischen den Institutionen Schule und Familie. Sie unterstützen die Co-Produktion von Unterricht in Krisenzeiten UND im ganz normalen Schulalltag. Wir sollten jetzt damit beginnen, sie zu entwickeln – und zwar so, dass auch Eltern mit Kindern in verschiedenen Schulen nur ein Portal nutzen müssen.

Mit dem Nachholen der unerledigten Hausaufgaben nachdoppeln

Die Gesundheitskrise hat uns auch schmerzhaft vor Augen geführt, was alles an Digitalisierung im Schweizer Schulwesen in den letzten Jahren versäumt wurde. Wenn wir sie zum Anlass nehmen, unsere unerledigten Hausaufgaben nachzuholen, so wird uns das helfen, das Versäumte schneller aufzuholen.

  1. Edulog in allen Kantonen umsetzen: Digitales Lehren und Lernen wird nur in einem sicheren virtuellen Vertrauensraum funktionieren. Dringend nötig ist deshalb ein sicherer Online-Zugang zu digitalen Diensten. Edulog, die «Föderation der Identitätsdienste im Bildungsraum Schweiz», bietet solch einen sicheren Zugang und kann in Zukunft mit einer nationalen eID verknüpft werden. Wir sollten Edulog in allen Kantonen einsetzen.
  2. Digitale Kompetenzzentren in Schulen schaffen: Wichtig ist, dass die Schulen in Zukunft ihre Lehrkräfte bei der Einführung digitaler Unterrichtsformen aktiv unterstützen. Schulen benötigen IT-Fachpersonal, eine reichhaltig ausgestattete digitale Lehrplattform und Digital-Coaches sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler. Wir sollten die dafür notwendigen Ressourcen bereitstellen, auch wenn es zu Mehrkosten führt.
  3. Digitale Kompetenzen der Lehrkräfte durch Aus- und Weiterbildung fördern: Pädagogische Hochschulen sind der Schlüssel zum Erfolg bei der Entwicklung wirksamer, digitaler Schulformen. Um eine nachhaltige Digitalisierung der Schulen zu ermöglichen, müssen Pädagogische Hochschulen vermehrt spezifische Ausbildung und eine stark ausgebaute Weiterbildung zu digitalen Unterrichtsformen anbieten. Sie sollten neben technischen Fertigkeiten auch didaktisches Wissen und Knowhow über das Gestalten digitaler Unterrichtsformen vermitteln.
  4. Digitale Werkzeuge für Eltern und Kinder entwickeln: Digitale Werkzeuge können Eltern bei der Gestaltung des Heimunterrichts unterstützen. Soziale digitale Werkzeuge können bei Kindern für einmal auch die soziale Zusprache und Motivation ersetzen. Darüber hinaus können sie weitere Aufgaben der Schule teilweise übernehmen, beispielsweise ein Austoben in der sozialen Interaktion. Und nicht zuletzt ermöglichen sie den Lehrkräften, den sozialen Kontakt zu Schülerinnen und Schülern zu halten. Wir sollten sofort beginnen – als Vorkehrung für einen möglichen zweiten Lockdown – solche Werkzeuge zu entwickeln.
  5. Eine sichere und vertrauenswürdige Bildungsdaten-Landschaft aufbauen: Daten, welche im Schulkontext digital generiert werden, können zusammen mit analog beobachtender Forschung uns helfen, wirksamere Unterrichtsformen zu entwickeln und systemische Probleme in der Schule zu erkennen. Darüber hinaus ermöglichen sie Schülerinnen und Schüler die Selbstanalyse und eine objektivere Orientierung in Bezug auf eigene Leistungsfähigkeit. Wir sollten eine sichere und vertrauenswürdige Bildungsdatenplattform bauen, welche mit existierenden Dateninsel DSG-kompatibel vernetzt werden kann.
  6. Über die Ängste sprechen: Ängste begleiten die digitale Transformation der Schule mehr noch als die digitale Transformation anderer Lebensbereiche. Sie haben die Neigung, im dümmsten Augenblick alles zu blockieren. Wir sollten den Datenschutz, die Macht der Digitalkonzerne, die Dystopie einer lehrkräftelosen digitalen Schule et cetera jetzt ansprechen und grundsätzliche Policies für den Umgang damit aushandeln.

Zukunftsfitness anpacken

Die Gesundheitskrise hat uns gezeigt, wie wichtig digitale Fitness für die Resilienz der Wirtschaft ist. Dies ist eine Motivation mehr, das Unterrichtsfach Medien und Informatik langfristig zu einem Kernfach zu entwickeln. Es sollte insbesondere folgende Aufgaben übernehmen

  1. Online-Kompetenzen vermitteln: Die digitale Welt bietet Chancen und Gefahren. Die Schule sollte ein vernünftiges Management der eigenen digitalen Identität, den Schutz der Privatsphäre und das Gestalten der eigenen Cybersicherheit ebenso fördern wie die Fähigkeiten, online Informationen zu finden, Transaktionen auszuführen und sich zu vernetzen.
  2. Medienkompetenz ohne Moralisierungen lehren: Medienunterricht als Impfung gegen Fake News & Co funktioniert nicht. Wichtig ist es, eine eigenständige Auseinandersetzung mit den kritischen Aspekten – Sprache, Repräsentation, Produktion und Publikum – zu fördern. Wir sollten auf ein Ausspielen Medien gegen Informatik verzichten und einen fachkompetenten Medienunterricht sicherstellen.
  3. Computational Thinking & Data Literacy fördern: Konzeptionelles mathematisches Denken und das Entwickeln algorithmischer Problemlösungen sind ebenso wichtig, wie die konkreten Fähigkeiten Daten zu generieren, auszuwerten und zur Klärung von Sachverhalten zu nutzen. Das Ziel sind technologieneutrale Fähigkeiten. Die Schule sollte dieses Ziel engagiert verfolgen und dafür jeweils mehrere, möglichst einfach erlernbare und unterschiedliche, Plattformen nutzen
  4. Alle für die Chancen der Digitalisierung begeistern: Digitale Kompetenzen haben grossen Einfluss auf Karrierechancen. Niemand soll von diesen ausgeschlossen sein. Der Informatikunterricht sollte adressatengerechte gestaltet werden und insbesondere auch Mädchen für Informatik begeistern.
  5. Zu ethischen Reflexionen befähigen: Die Digitalisierung stösst sehr weitgehende und relativ schnell sich vollziehenden Veränderungen der Märkte und der Kulturen an. Um verantwortungsbewusst zu handeln, muss man Digitalisierungsvorhaben ethisch reflektieren können. Das Schulwesen sollte Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, Chancen und Risiken eines digitalen Transformationsprojekts einander gegenüberzustellen und gegeneinander abzuwägen.

Die Serie

Teil 1: Eine Situationsanalyse ist am 5. Juni erschienen.

Teil 2: Grundlegende Betrachtungen ist am 12. Juni erschienen.


Acknowledgement

Wesentlichen Anteil am Entstehen dieses Beitrags (inklusive der weiteren Teile) hatten Nada Endrissat, Thomas Gees, Martin Halter, Christoph Luchsinger, Tine Melzer, Thomas Jarchow – von Büren, Reinhard Starka und Anne-Careen Stoltze-Siebmann. Unser Dank gilt auch Alain Gut und den Kolleginnen und Kollegen in der der Bildungskommission von ICT-Switzerland, sowie Kolleg*innen von Parldigi, mit denen wir uns austauschen konnten. Angeregt wurde die Serie „Lehren aus der Covid19-Krise“ durch Ingrid Kissling-Näf. Betreut wird sie von Anne-Careen Stoltze-Siebmann.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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