Juni-Ausgabe: “Digitale Gesundheit – moribund oder gesund?!”  

Halten wir es kurz: Die Pandemie hat unseren Alltag und unsere Gedankenwelt “durchgeschüttelt”. Aber nicht nur, es scheint, sie hat der Digitalisierung einen kräftigen Schub verliehen. Der Beweis steht aus. Die Nachhaltigkeit ist unklar. Doch lassen wir das Glas halb voll. Zu lesen und zu wissen, dass das Interesse der Gesundheitsfachpersonen an digitalen Lösungen zur Versorgung und Betreuung ihrer Patientinnen und Patienten sprunghaft angestiegen sein könnte, lässt aufhorchen und sich als willkommenes Signal einordnen.

Wieso ist die Frage nach der Digitalen Gesundheit, beziehungsweise der Digitalisierung im Gesundheitswesen, relevant? Es geht um unsere Gesundheit, die einer jeden und eines jeden, und es geht um den Einsatz der neuesten Informations- und Kommunikationstechnologien. Spätestens mit der Pandemie sollte endlich geklärt sein, dass Gesundheit als Investition und nicht als Kosten zu verstehen ist. Ein subtiler Unterschied einer befremdlichen Spezies von Semantikliebhabenden? Weit gefehlt. Dieser Perspektivenwechsel könnte sich als bahnbrechend erweisen. Denn: Gesundheit als Investition zu verstehen, heisst konsequenter Weise in Gesundheitsförderung, Prävention, Befähigung, Empowerment und “Involvement” der Patient*innen von allen zu investieren. Die Folge: kompetente Menschen, die durch fähige Gesundheitsfachpersonen befähigt/empowert werden mit Ihrer Gesundheit und Krankheit bestmöglich im Alltag umzugehen. Die Investitionen steigen, aber die Kosten aufgrund gesundheits-inkompetenter Verhalten sinken. Gesundheit steht endlich im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dreh- und Angelpunkt sind dann das Wohlbefinden und die Lebensqualität, der befähigten und gesundheitskompetenten Bürger*innen.

Nun zum Begriff “Digitale Gesundheit”. Die Definitionen sind vielfältig. Kurz gesagt: Es geht um die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, Diensten und Prozessen des Gesundheitswesens zur Förderung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der individuellen Gesundheit. Die eHealth-Ära hat die notwendigen technischen Strukturen und Voraussetzungen, also die unabdingbare Infrastruktur geschaffen. Die Digitale Gesundheit kann und soll Technologien wie Big Data, Robotik, Künstliche Intelligenz oder Genomik nutzen.

Jetzt, halten wir kurz inne – etwas was wir seit der Pandemie spätestens lernen durften – und fragen uns: Wie steht es um die Digitale Gesundheit einer jeden/eines jeden sowie der Gesundheitsfachpersonen? Die Einteilung in moribund oder gesund greift bestimmt zu kurz. Schwarzweiss-Zeichnungen sind das wohl immer, jedoch adäquat und nützlich, wenn es um die Vereinfachung einer komplexen Situation geht.

Digitale Kompetenzen/Fertigkeiten sind der Sockel der Digitalen Gesundheit. Sie befähigen unter Verwendung digitaler Lösungen, die eigene Gesundheit und den Umgang mit Krankheit positiv zu beeinflussen. Gesundheitsfachpersonen sind zusätzlich gefordert. Neben ihrer eigenen digitalen Kompetenz ist es ihr Auftrag, die der Patientinnen und Patienten zu fördern und zu befähigen. Hier stehen wir am Anfang. Besonderer Forschungsbedarf besteht im fundierten Verständnis der Digitalen Kompetenzen/Fertigkeiten von Gesundheitsfachpersonen. Denn dieses Verständnis ist Ausgangspunkt zur Förderung derjenigen von Patient*innen.

Noch mischen sich Gesundheitsfachpersonen aus der jeweiligen Disziplin heraus zu wenig auf Augenhöhe in die Digitalen Gesundheit ein – häufig aufgrund von mangelndem Wissen. Doch die Komplexität soll nicht verharmlost werden. Es geht auch um mangelnde Möglichkeiten der Mitgestaltung im Spielfeld der Akteure oder um ökonomische Anreize und finanzielle Entlohnungen hinsichtlich Digitaler Gesundheit.

Die Dimensionen der Digitalen Gesundheit im Gesundheitswesen scheinen manchmal unendlich, wenn nicht überwältigend und lassen eigentlich kein Versorgungsangebot, keinen Prozess, keine Aufgabe oder Intervention unberührt. Diese reichen vom virtuellen Lernen, von der Interprofessionalität im elektronischen Patientendossier, der Interoperabilität von Systemen, der Simulation von Prozessmodellen zur optimalen Versorgung, dem Gesundheitsmanagement basierend auf Applikationen, der Nutzung von Robotik, der Entscheidungsfindung optimaler gesundheitlicher Versorgungsabläufe aufgrund von Daten und Künstlicher Intelligenz, oder der personalisierte Medizin bis hin zum Einbezug von Patient*innen sowie Angehörigen dank digitaler Lösungen.

Aber sie lässt eines kaum berührt: Die menschliche Beziehung, die menschliche Emotionalität braucht ein menschliches Gegenüber. Die Hinweise werden vielleicht sogar exponentiell zunehmen und scheinen schon heute, wenn auch noch wenig schrill, sich Gehör verschaffen zu wollen. Die menschliche Beziehung muss bleiben. Die Art und Weise verändert sich. Sie darf aber zu keinem Moment, und schon gar nicht als purer Gedanke, eine Option sein. Es könnte sogar sein, dass sich die gelungene menschliche Beziehung als “Erfolgsmacherin” einer gesunden Digitalen Gesundheit entpuppt. Das bedeutet auch, dass die Digitale Gesundheit einen analogen Wandel verlangt. Unser menschliches Zusammenleben und unsere sozialen Interaktionen werden einen neuen, vielleicht noch bedeutenderen und bestimmt bewussteren Stellenwert gewinnen.

Wie fällt nun die Diagnose der Digitalen Gesundheit aus? Moribund oder gesund? Weder noch. Wäre auch zu einfach. Eine Diagnose zu stellen, ist gewagt. Eine als unvollständige Alternative zu interpretierende, aber Hinweise liefernde Einschätzung zur Diagnose soll gemacht werden. Und zwar nach dem Motto “dem Mutigen gehört die Welt” (Theodor Fontane, 1819-1898), es ist doch keine Alternative sich am “wer nichts macht, macht nichts falsch” zu orientieren, denn wir wissen auch, dass in vielen Situationen rund um Menschenleben gilt “wer gar nichts tut, macht sicher einen Fehler”.

Deshalb ein Fazit zur Momentaufnahme: Die Digitale Gesundheit braucht neue Denkmuster, digitale Kompetenzen/Fertigkeiten und neue Rollen im Gesundheitswesen. Neue Rollen im Sinne von Brückenbauer/innen zur Industrie, Brückenbauer/innen innerhalb der Organisation, der Fachdisziplin und auch dem Team im jeweiligen Gesundheitsversorgungssetting. Eine surreale Vorstellung, die eine moribunde Duftnote ausstösst? Gestalten wir die Zukunft der Digitalen Gesundheit mit und schauen wir, was es benötigt, um die gesunden Anteile einer noch eher moribunden Digitalen Gesundheit “auferstehen” zu lassen.


 

Referenzen

  1. Deloitte Insights. (2019). Forces of change – The future of health. Retrieved from https://www2.deloitte.com/content/dam/insights/us/articles/5169_forces-of-change-future-of-health/DI_Forces-of-change_Future-of-health.pdf
  2. Snowdon, A. (2020). Digital Health: A Framework for Healthcare Transformation. Retrieved from https://go.himss.org/digital-health-a-framework-for-healthcare-transformation.html
  3. Wanner, C. (2020). Das Schweizer Gesundheitswesen rüstet auf. Retrieved from https://www.srf.ch/news/schweiz/schub-fuer-digitalisierung-das-schweizer-gesundheitswesen-ruestet-auf

AUTOR/AUTORIN: Friederike J. S. Thilo

Dr. Friederike Thilo ist Leiterin Innovationsfeld "Technologie und Gesundheit", aF&E Pflege, BFH Gesundheit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Interaktion Mensch und gesundheitsrelevante Technologie im Caringprozess, Nutzung/Nicht-Nutzung von Technologien, Digitalisierung und Professionsentwicklung Pflege, digitale Kompetenzen/Fertigkeiten, Pflegeprozess und Entscheidungsprozesse. Sie ist Schwerpunktverantwortliche "Digital Health" des BFH-Zentrums Digital Society.

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