Was können wir von Covid19 lernen?

Der öffentliche Sektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Diese sind durch die Corona-Pandemie stärker hervorgetreten. Jetzt müssen wir die Krise auch als Chance nutzen, schreibt unser Autor und Projektleiter bei www.civicchallenge.ch Che Wagner und ruft zu einem Workshop für innovative Lösungen in der Verwaltung auf.

Wir Menschen sind in den letzten Jahrzehnten zweifellos Zeitzeugen zahlreicher wichtiger Ereignisse geworden. Historische Gegebenheiten wie die Ölkrise der 1970er Jahre, der Fall der Berliner Mauer Anfang der 1990er Jahre, die Terroranschläge des 9.11.2001 oder die Finanzkrise von 2008 – um nur einige zu nennen – haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Trotzdem lässt sich aus der zugegeben privilegierten Perspektive der Schweiz sagen: Die Coronakrise ist das einschneidenste Ereignis unserer Generation.

Seit dem 2. Weltkrieg gab es wohl keinen Moment, an dem die Gesellschaft als ganzes solch konkreten Gefahren ausgeliefert war und als Folge einschneidenden Massnahmen ergreifen musste. Wie in anderen gesellschaftlichen Krisenmomenten kommt auch in der gegenwärtigen Coronakrise dem Staat, der Regierung und der Verwaltung, eine herausragende Rolle zu.  Schweizer Verwaltungen auf allen Ebenen – sei es auf Bundes-, Kantons- oder Gemeindeebene – haben gezeigt, dass sie im Krisenfall unglaubliche Taten vollbringen können. Denn: Wir alle wenden uns instinktiv als erstes an die Verwaltung wenn es brennt. Wir verlassen uns auf die Institutionen, die wir gemeinschaftlich tragen und denen wir in der Schweiz ein hohes Vertrauen entgegenbringen – zu Recht! So stellt der öffentliche Sektor das Rückgrat einer sich in Ungewissheit und Angst befindlichen Gesellschaft dar.

Die wöchentlichen Updates des Bundesrats werden zum Sinnbild dieser Entwicklung seit dem Ausbruch der Pandemie. Alle schauen gespannt, was die Verwaltung geplant hat um das Unheil zu vermindern, um Menschen zu helfen und um die Verhältnisse trotz der Krise – so gut es geht – zu verbessern. Was dabei oft vergessen geht: Hinter den beschlossenen Massnahmen stehen zehntausende Mitarbeitende, um diese auch umzusetzen. Es sind Krankenpfleger*innen in Krankenhäusern, die Patienten behandeln. Es sind Mitarbeitende in Ausgleichskassen, die Unternehmer*innen unterstützen und Hilfszahlungen auslösen. Es sind aber auch Verwaltungsangestellte in Kindesschutzbehörden, die steigende Fallzahlen bewältigen müssen. Journalistinnen und Journalisten von Radio und Fernsehen, die uns den Draht nach aussen bieten und viele praktische Hilfestellungen geben. Dies sind nur vier Beispiele. Gemeint sind all diejenigen, die jetzt wichtige und notwendige Arbeit leisten und sich gleichzeitig in der gleichen Situation befinden wie alle anderen auch. Auch Sie haben Familien, auch Sie haben Angst, sich anzustecken und trotzdem setzen sie sich für uns alle ein.

Herausforderungen sind gleichzeitig auch Chancen

Es besteht kein Zweifel: Die Coronakrise stellt uns vor riesige Probleme und zieht grosses Leid mit sich. Gleichzeitig können Probleme immer auch als Chancen betrachtet werden. Krisen wie diese legen schonungslos offen, welche Bereiche gut funktionieren und welche weniger. Die Besonderheit liegt darin, dass sich die Herausforderung der Coronakrise auf alle Bereiche der Gesellschaft gleichzeitig auswirkt und laufend verändert. In dieser dieser dynamische Situation sind innovative Ansätze nicht nur wünschenswert, sondern Pflicht. In den Massnahmen als Antwort zur Coronakrise des öffentlichen Sektors spielen Grundwerte wie offene Schnittstellen, eine bürgerzentrierte Ausrichtung der Lösungen sowie messbare qualitative und quantitative Effekte eine enorm wichtige Rolle.

Die Coronakrise fungiert dabei als ein gigantisches Vergrösserungsglas um den Fokus auf diejenigen Dinge zu lenken, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen um sie mit innovativen Lösungen zu verbessern.

Einerseits wird diese Aufmerksamkeit auf die Stärken und Schwächen unseres Gesundheitssystems gelenkt. Als Gesellschaft können wir uns glücklich schätzen, dass in der Schweiz ausnahmslos alle eine Grundversorgung in diesem Bereich haben – im Gegensatz zu anderen Ländern. Die Bemühungen, in transparenter Weise über den Verlauf des COVID19 aufmerksam zu machen und Handlungsanweisungen an die Bevölkerung weiterzugeben wurde in beachtlicher Weise von der Verwaltung gemeistert. Viele Herausforderungen liegen wohl im Detail: Was sind die logistischen Probleme, vor die uns die Krise im Gesundheitsbereich führt? Mit welcher Präzision kann auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingegangen werden?

Andererseits verlagert sich allmählich der Fokus auf andere wichtige Handlungsfelder. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie der Staat als wichtigster Akteur eine Wirtschaftskrise verhindern kann und das damit verbundene Leid vermindert werden kann. Gleichzeitig stehen wir in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Kultur, Bildung, Verkehr, Familien, Nachhaltigkeit, Landwirtschaft – um nur einige zu nennen – vor grossen Veränderungen und Herausforderungen. Dies zieht unzählige Herausforderungen mit sich, die es nun unter hohem Zeitdruck und lösungsorientiert zu meistern gilt.

In den letzten Wochen haben sich unzählige solche “Challenges” gezeigt und es sind eben so viele ad-hoc Teams entstanden, die sich der Lösung dieser Probleme annehmen. Viele Lösungen werden direkt von verwaltungsinternen Teams bearbeitet und direkt und möglichst ohne Umschweife umgesetzt. Andere Probleme wurden beispielsweise im schweizweiten Hackathon #VersusVirus behandelt, wo sich innerhalb von 48 Stunden über 600 Teams gebildet haben um den diversesten Herausforderungen mit Lösungen zu begegnen.

civicChallenge und die Coronakrise

Diese Beispiele machen Hoffnung – sie zeigen auf, dass Menschen auch in Drucksituationen in der Lage sind, auf gesellschaftliche Herausforderungen mit innovativen Lösungen zu antworten. Der Wettbewerb civicChallenge wurde vor Ausbruch der Coronakrise entwickelt und gestartet. Die Ziele von civicChallenge sind es, eine Hilfestellung für innovative Ideen aus der Verwaltung zu sein und sie zur Umsetzungsreife zu führen. In einer Krisensituation wie wir sie momentan erleben ist es deshalb wichtig für uns, weiterhin – oder besser: umso mehr! – für Interessierte aus der Verwaltung da zu sein und sie auf dem Weg zu ihren Ideen zu unterstützen.

Mit der Coronakrise wollen wir deshalb unser Engagement nicht vermindern, sondern im Gegenteil verstärken. civicChallenge möchte alle, die in der gegenwärtigen Krise zu innovativen Schritten und Verbesserungen der Verwaltung bereit sind, dazu aufrufen, ihre Ideen einzureichen. Die Einreichungsfrist wird neu auf den 31. Juli 2020 verlängert, damit Interessierte aus dem öffentlichen Sektor genügend Zeit haben, auf die gegenwärtigen Ereignisse zu reagieren und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Neu wird die Wettbewerbs-Jury nicht nur auf die Ausgangskriterien wie Bürger*innenzentrierung, Open Source, Transparenz oder Nachhaltigkeit in Betracht ziehen, sondern mitberücksichtigen, ob es sich um ein Projekt handelt, das als Reaktion auf die Coronakrise gedacht ist.

Der Workshop

Was sind Ihre Ideen, um einen adäquaten Umgang mit der Coronakrise zu finden und die Bevölkerung der Schweiz besser zu stellen in Bezug auf COVID19? Welche Innovationen müssen wir als Antwort auf Corona jetzt angehen – was können wir aus der Krise lernen?

Um den eingereichten Projekten mit Bezug zur Coronakrise eine Plattform zu bieten, haben wir uns entschieden, Workshop-Plätze und Projektförderungen explizit auch an solche eingereichte Ideen zu vergeben. Im viertägigen Workshop vom 4.-8. Oktober 2020 werden Expert*innen dazu eingeladen, die eingereichten Ideen zusammen mit den einreichenden Personen und Teams zu vertiefen und zu verfeinern. Bei der Endauswahl wird mindestens eines von vier Projekten mit Coronabezug von der Jury mit einer Förderung prämiert.

AUTOR/AUTORIN: Che Wagner

Che Wagner verantwortet bei civicLab das Projekt «civicChallenge», eines neuartigen Wettbewerbs für Verwaltungsangestellte und verwaltungsnahe Innovatoren aus der ganzen Schweiz. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung staatlicher Strukturen und Dienstleistungen. Zudem ist er ist Co-Gründer und Geschäftsleiter von «Public Beta», eines Demokratie-Inkubators für die Zivilgesellschaft und Betreiberin der Plattform WeCollect.

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