Neues Spiel, neue Kultur, neue IT!

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Die digitale Transformation setzt auf neue digitale Werkzeuge und deren Vernetzung. Dies schafft neue Handlungsfreiräume, die in einer Wettbewerbsgesellschaft von den wirtschaftlichen Akteuren auch genutzt werden müssen. Das braucht neue Fertigkeiten und neue disziplinäre Praktiken, mit denen eine Veränderung der Kultur einhergeht und auch notwendig wird. Alles zusammen definiert neue Spielregeln in der Arbeitswelt.

Von zentraler Bedeutung für die digitale Transformation sind die IT-Abteilungen. Sie müssen adäquate Organisationsformen und eine adäquate Kultur etablieren, die für die meisten Unternehmen neu sind und oft genug im krassen Widerspruch zum IST-Zustand stehen. Motto: 180-Grad-Kurswechsel.

In diesem Zusammenhang ist es dringend notwendig, beides zu erreichen: das alte Informatik-Wissen zu wahren UND diverse Formen der tradierten Informatik-Unkultur zu überwinden. Neues Spiel bedeutet NICHT, dass Komplexität kein Problem ist und die Welt eine zentrale. Die konzeptionellen Grundlagen der IT bleiben wichtig. Insbesondere jene für den Umgang mit Komplexität – auch wenn Microservices zu einer temporären Entspannung geführt haben. Gleichzeitig ist es erfolgskritisch, dass eine kollaborative, konstruktive und agile Teamkultur etabliert wird, die Flexibilität und Disziplin verbindet. Unkonstruktive, undisziplinierte und zu aggressive Verhaltensweisen müssen abgestellt werden, unabhängig davon, wie vermeintlich kompetent diejenigen sind, die sie praktizieren. Wer andere terrorisiert, hat in einem IT-Team nichts verloren. Gleiches gilt für jene, die frauenfeindlich agieren oder sich gerne despektierlich über konstruktive Initiativen äussern.

Ein Riesenproblem hierbei ist, dass fast kriminelle Praktiken oft mehr Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen bekommen als vernünftige. Die Unterstützer denken häufig undifferenziert positiv und werden damit zu Sargnägeln der Vernunft. Notwendig ist, dass den positiven Leistungen der angerichtete Schaden in der Bewertung gegenübergestellt wird. Doch viele sind zu lange im alten Spiel, um ihre eigene Naivität zu sehen. Darum braucht der Kulturwandel bisweilen mehr als nur eine umsichtige Führung: Er braucht Führungskräfte, die den Weg für eine neue IT-Kultur bereiten und über Fortune verfügen. Motto: Ohne Glück geht gar nichts!
Die Zeit der Expertenkultur ist vorbei. Wer Teamarbeit ablehnt oder nicht bereit oder fähig ist, allgemeinverständlich zu kommunizieren, passt nicht in digital transformierte Unternehmen. Das heisst nicht, dass Topexpertise nicht gewünscht ist. Ganz im Gegenteil! Aber wir benötigen IT-Profile statt Kleingarten-Abgrenzer. Das bedeutet auch: Informatik ist nicht nur der Geschäftsbereich der Informatiker*innen. Gerade in der Datenwissenschaft kommen wichtige Innovationen von Informatik-Nutzer*innen. Abgesehen davon: Das Wissen der Mathematik nicht zu nutzen in der Datenwissenschaft, ist schlicht ineffizient, so selbstverständlich uns solche Ignoranz erscheinen mag.

Die digitale Transformation stellt also vieles auf den Kopf oder eigentlich: vom Kopf auf die Füsse. Sie zwingt zu Differenzierung und Genauigkeit. Sie fordert den Abbau der Reibungsverluste in den Organisationen, was Unmengen von Konsequenzen zu Folge. Gleichwohl ist sie nur dort am Platz, wo Kreativität eine wichtige Rolle spielt. Anderswo verursacht sie selber unnütze Reibungsverluste. Darum sollten Unternehmen lieber zwei andere Ziele verfolgen: den Abbau von Reibungsverlusten und die Erhöhung der Vertrauenswürdigkeit aller Mitarbeitenden und Führungskräfte.

Ein guter Ort, damit anzufangen, sind die IT-Abteilungen. Sie müssen die Ideen zur digitalen Transformation in die IT-Artefakte und Vernetzungen umsetzen. Denn diese sind die Voraussetzung für ein Gelingen der digitalen Transformation. Ein wichtiges Ziel für die CEOs lautet deshalb: Reibungsverluste in der IT runter, Vertrauenswürdigkeit in der IT rauf! Auch wenn dies einen 180-Grad-Kurswechsel und viel Glück braucht.

Damit dies gelingt: De-Digitalisierung! Lassen wir das analog, was sehr gut funktioniert, und digitalisieren wir zuerst das, wo wir eine klare Perspektive zur Verbesserung sehen. De-Digitalisierung heisst sich fokussieren auf Ziel und Zweck unter Berücksichtigung der vorhandenen Fähigkeit. Digital oder analog, je nachdem. Agil oder nicht agil, je nachdem. Entscheidend ist, dass wir digitale Werkzeuge als Werkzeuge betrachten, die kognitive und sensorische Fähigkeiten von uns Menschen und strategische und taktische Fähigkeiten von Organisationen erweitern.

De-Digitalisierung heisst: Humanisierung der digitalen Transformation. Es geht in erster Linie darum den Menschen ins Zentrum zu stellen, insbesondere den Menschen, der gerne gute Arbeit leistet, gern mit anderen zusammenarbeitet und sich gerne kreativ einbringt zum Nutzen für andere. Dafür sind digitale Werkzeuge extrem nützlich – so nützlich, dass wir uns auf 180-Grad-Kurswechsel einlassen, Glück einfordern, uns von liebgewonnenen Reibungen verabschieden und wirklich die Vertrauenswürdigkeit stärken (sollen). All dies mit Fokus auf der Befähigung des Menschen – des eigenen Ich und der anderen.

Die IT-Abteilung ist ein geradezu idealer Ort zum Anfangen mit der Neuorientierung. Hier entscheidet sich, ob der Mensch im Zentrum steht oder die Technologie. Ob ein flexibel diszipliniertes Arbeiten möglich wird oder nicht. Ob Unternehmen die notwendigen Infrastruktur-Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Transformation besitzen oder nicht. IT-Abteilungen waren deshalb noch nie so wichtig wie heute – auch dort wo vieles outgesourct wird. Aber der Veränderungsbedarf in den IT-Abteilungen war auch noch nie so gross. Das ist eine Herausforderung, und zwar für alle.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard RiedlReinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er ist Co-Leiter des Instituts Digital Enabling der BFH Wirtschaft und war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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