Macht uns die Digitalisierung glücklicher?

Die Digitalisierung erleichtert uns vieles im Berufs- und Privatleben. Die Kommunikation ist auf vielfältigen Wegen möglich, so dass wir mit unseren Freunden und Familienangehörigen jederzeit in Kontakt bleiben können. Was uns im digitalen Zeitalter wirklich glücklich macht, erläutert Glücksforscherin und Keynotespeakerin der bevorstehenden Swippa-Tagung Prof. Dr. Maike Luhmann im Interview.

Die Menschen in der Schweiz und Europa leben in Frieden, besitzen meist mehr als genug Dinge und haben genug zu essen – sind wir glücklich?

Im Vergleich zu Ländern, denen es nicht so gut geht, sind wir tatsächlich im Durchschnitt glücklicher. Tendenziell ist das durchschnittliche Wohlbefinden besonders hoch in Ländern, die sich auszeichnen durch eine hohe Wirtschaftsleistung, gute gesundheitliche Versorgung und politische Verhältnisse, die persönliche Freiheit und Mitbestimmung ermöglichen. Natürlich gibt es aber in jedem Land sehr unglückliche und sehr glückliche Menschen.

Was brauchen denn Menschen tatsächlich, um glücklich zu sein?

Ein grosser Teil der Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden – unter diesem Begriff untersuchen wir Glück in der Psychologie – lässt sich durch etwas erklären, das wir selbst kaum beeinflussen können: unsere Persönlichkeit. Menschen, die emotional stabiler sind und möglicherweise auch extravertierter sind tendenziell glücklicher als Menschen, die sich schnell Sorgen machen und eher zurückhaltend sind. Aber auch die äusseren Lebensumstände beeinflussen das Wohlbefinden. Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Krankheit können das Wohlbefinden stark beeinträchtigen, während gute soziale Beziehungen das Wohlbefinden stärken können.

Wie wirken sich Lebensereignisse – positive wie Lottogewinne oder die Geburt von Kindern und negative, wie der Verlust des Arbeitsplatzes auf uns aus?

Viele Lebensereignisse haben recht kurzfristige Auswirkungen auf unser Wohlbefinden. So finden wir zum Beispiel, dass die Lebenszufriedenheit bei geschiedenen Menschen in den Jahren vor der Scheidung im Durchschnitt abnimmt, aber nach der Scheidung schnell wieder ansteigt und im Durchschnitt schon wenige Jahre nach der Scheidung ihr Ausgangsniveau wieder erreicht. Anders sieht es bei dem Verlust des Arbeitsplatzes aus. Hier zeigen viele Studien, dass das Wohlbefinden arbeitsloser Menschen dauerhaft niedriger ist als vor der Arbeitslosigkeit, selbst wenn sie wieder einen neuen Job gefunden haben.

Wir Menschen sind soziale Wesen, das heisst: Die meisten von uns leiden, wenn wir nicht genügend soziale Beziehungen haben.

Besonders spannend sind die Befunde zur Geburt eines Kindes. Die Geburt eines Kindes ist für die meisten Menschen ein sehr freudiges Ereignis, allerdings ist die Pflege und Erziehung von Babys und Kleinkindern auch sehr anstrengend und ermüdend. Dazu passend sagen unsere Ergebnisse, dass Eltern nach der Geburt ihres Kindes mehr positive Emotionen als zuvor erleben, ihre Lebenszufriedenheit und insbesondere ihre Zufriedenheit mit ihrer Beziehung dagegen in den Jahren nach der Geburt abnimmt. Zu all diesen Befunden muss ich unbedingt anmerken, dass es sich immer um Durchschnittswerte handelt. Wir finden nämlich auch, dass sich Menschen sehr stark darin unterschieden, wie stark und wie lange sich ihr Wohlbefinden nach Lebensereignissen verändert.

Welchen Einfluss haben Beziehungen auf unser Glück?

Wir Menschen sind soziale Wesen, das heisst: Die meisten von uns leiden, wenn wir nicht genügend soziale Beziehungen haben, und es geht uns besser, wenn wir ein stabiles soziales Netzwerk haben und ein paar Menschen, mit denen wir sehr enge, vertraute Beziehungen führen können. Aber auch hier ist wieder wichtig, diese Aussage nicht zu stark zu generalisieren: Wie viele Beziehungen jemand braucht, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche Menschen brauchen ständig möglichst viele Freunde und Bekannte um sich herum, anderen reicht eine gute Beziehung zu einem festen Partner, und wieder andere fühlen sich am wohlsten, wenn sie viel alleine sind.

Und wenn es in der Beziehung nicht gut läuft, aber auf der Arbeit, kann man dann daraus Glück ziehen?

Tatsächlich gibt es das Phänomen, dass Defizite in einem Lebensbereich durch einen anderen Lebensbereich ausgeglichen werden können. Dazu kommt, dass nicht jeder Lebensbereich für alle Menschen gleich wichtig ist. Zwar sind vielen Menschen ihre Beziehungen wichtig, es gibt aber auch zahlreiche Menschen, die ihre Arbeit sehr viel höher gewichten. Für diese Personen ist die Arbeit dann auch sehr viel wichtiger für ihre Lebenszufriedenheit als ihre Beziehungen.

Wie wirken sich die sozialen Medien und digitalen Möglichkeiten (Whatsapp/Chat/Videocall/Skype) auf unsere Beziehungen und das Glück mit ihnen aus?

Das ist in der aktuellen Forschung umstritten. Manche Studien legen nahe, dass die Digitalisierung unser Wohlbefinden beeinträchtigen kann. So werden die sozialen Medien unter anderem für vermeintlich steigende Depressions- und Einsamkeitsraten verantwortlich gemacht. Andere Studien können diese Effekte jedoch nicht bestätigen. Wie bei allen gesellschaftlichen Neuerungen ist es vermutlich auch hier so, dass die Digitalisierung sowohl positive als auch negative Konsequenzen hat.

Was können Sie unseren LeserInnen mit auf den Weg zum Glücklichsein geben?

Wenn man in die Ratgeber-Abteilung einer gut sortieren Buchhandlung geht, bekommt man schnell suggeriert, dass das Glück völlig in der eigenen Hand liegt. Tatsächlich gibt es ein paar Dinge, die man tun kann, um glücklicher zu werden, z.B. sich weniger über die kleinen Ärgernisse des Alltags aufregen, dankbar sein und dies auch ausdrücken und sich auf das konzentrieren, was einem guttut. Aber: Das eigene Wohlbefinden wird eben auch stark von Faktoren beeinflusst, die wir schwer oder gar nicht beeinflussen können, wie unsere Persönlichkeit oder unsere äusseren Lebensumstände. Die Schattenseite vieler Ratgeber ist daher, dass sie implizieren, dass man selbst schuld ist, wenn man nicht glücklich ist. So einfach ist das nicht. Wer glücklicher werden möchte, kann also durchaus etwas tun, aber sollte mit sich selbst Geduld haben und keine Wunder erwarten.


Zur Person

Prof. Dr. Maike Luhmann (©RUB, Kramer)

Maike Luhmann ist Professorin für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, hat in hervorragenden Zeitschriften publiziert und ist Mitglied des Editoral Board bei zwei wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie forscht über den Einfluss von Lebensereignissen auf die Lebenszufriedenheit, Adaptionsprozesse und für die Quellen von Motivation.

 

 


SWIPPA-Jahrestagung

Maike Luhmann ist Keynote-Speakerin an der Jahreskonferenz der Schweizerischen Gesellschaft für Positive Psychologie (SWIPPA), die am 29. November an der Berner Fachhochschule Wirtschaft stattfindet. Alle Informationen zum Programm und die Anmeldung finden sie hier.

AUTOR/AUTORIN: Anne-Careen Stoltze

Anne-Careen Stoltze ist Redaktorin des Wissenschaftsmagazins SocietyByte. Sie arbeitet in der Kommunikation der BFH Wirtschaft, sie ist Journalistin und Geologin.

PDF erstellen

Ähnliche Beiträge

Es wurden leider keine ähnlichen Beiträge gefunden.

1 Antwort
  1. Alexander Hunziker
    Alexander Hunziker sagte:

    “…mit sich selbst Geduld haben und keine Wunder erwarten.” Danke für diesen schönen Schlusssatz. Geduld scheint in unserer sehr kurzlebigen, digitalen Welt eher als unsexy zu gelten. Dabei wäre es nicht so verkehrt, Geduld als eine Mischung von Freundlichkeit und Ausdauer zu betrachten. Freundlichkeit und Ausdauer sind wiederum Charakterstärken, die an sich bereits glücklicher machen und die trainierbar sind. Vielleicht sollte man hier ansetzen …

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.