Es geht um die Aneignung digitaler Werkzeuge in den Fachdisziplinen

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Keine Woche vergeht, ohne dass in den Medien über Arbeitsplatzverluste infolge der Digitalisierung spekuliert wird. Dabei ist die Angst noch nicht wirklich bei den Betroffenen angekommen – oder bereits wieder verdrängt. Denn ein zentrales Problem wird kaum je thematisiert: das fehlende Wissen und Knowhow.

Primär hält man die digitale Transformation für eine Frage von Haltung und Kultur. Trotz zahlreicher expliziter Digital Skills Frameworks und zahlloser Bücher, die implizit Digital Skills beschreiben, und trotz Studien, die Digital Skills Defizite sogar bei den Digital Natives feststellen, fehlt das Bewusstsein für notwendige Änderungen in Au- und Weiterbildung. Eine Ausnahme machte digitalswitzerland mit der Propagierung des “lebenslangen Lernens”. Und natürlich einige internationale Beraterfirmen, die permanentes Lernen propagieren.

Können & Wollen und Tun & Denken

Sicher ist Haltung wichtig. Aber sie ist als Wertmassstab allein schon deshalb problematisch, weil sie nicht notwendigerweise echt ist. Skills sind dagegen viel einfacher überprüfbar. Wir sollten deshalb die “handfesten” Digital Skills als mindestens so wichtig ansehen wie die richtige Einstellung zur Digitalisierung und eine gute Wandelkultur. Das deutsche Wort Kunst mag uns hier die Richtung weisen: Es bedeutete einst sowohl Wollen als auch Können – und setzt auch heute noch beides voraus (sieht man von einigen exzentrischen Kunsttheorien ab). Für die digitale Transformation gilt das Gleiche: Sie braucht Können und Wollen. Und – das möchte ich hinzufügen – sie verlangt Tun und Denken.

Tun und Denken setzt “Tun können” und “gerne Denken” voraus. “Tun können” heisst, dass es wenig Hindernisse gibt und die notwendigen Fähigkeiten vorhanden sind oder einfach erworben werden können. “Tun können” verlangt insbesondere Werkzeuge, die sich Menschen gerne aneignen. Damit ist es aber noch nicht getan. Wer Gadgets liebt und digital arbeitet, der optimiert primär lokal. Radikale Veränderung und die Suche nach globaleren Optima des Handelns werden so nicht erreicht. Grosse Fortschritte entstehen im wirklichen Leben zu einem grossen Teil aus Gedanken. Wobei die Wechselwirkung zwischen Tun und Denken keiner kausalen Norm folgt, sondern vielfältige Gestalt annehmen kann. Es kann sowohl das Tun als auch das Denken vorangehen. Entscheidend ist die Lust am Verstehen und Begreifen der neuen Möglichkeiten.

Jene Fachberufe, die die digitalen Werkzeuge nutzen, um fachlich bessere Arbeit zu leisten, werden vermutlich ihren Arbeitsplätze-Anteil in der digitalisierten Wirtschaft erhöhen – und gleichzeitig ihre Arbeitskultur verändern.

Sinnvolle Thesen zu Gesetzmässigkeiten der digitalen Transformation lassen sich primär auf der Mesoebene postulieren. Jene Fachberufe, die die digitalen Werkzeuge nutzen, um fachlich bessere Arbeit zu leisten, werden vermutlich ihren Arbeitsplätze-Anteil in der digitalisierten Wirtschaft erhöhen – und gleichzeitig ihre Arbeitskultur verändern. Wobei die Veränderungen tendenziell die Zusammenarbeit stärken werden, aber auch Elemente höherer Autonomie der oder des Einzelnen beinhalten werden. Jene Fachberufe dagegen, die sich gegen die Veränderung wehren, werden ihre Arbeitskultur bewahren und in der Folge Arbeitsplätze verlieren. Oder sie werden ganz aussterben. Dabei wird es aber unterschiedlichste Phänomene geben, deren Auftreten und Dauerhaftigkeit kaum voraussagbar sind: Gut möglich, dass die Stundensätze dort steigen, wo Maschinenintelligenz die Arbeit besser und weniger aufwändig macht. Gut möglich aber auch, dass dem Lohnanstieg die Arbeitslosigkeit folgt, sofern sich die menschlichen Leistungen nicht weiterentwickeln. Das “mit den digitalen Maschinen besser Werden” schafft keine hundertprozentigen Sicherheiten, aber es erhöht die Chancen auf langfristigen Weiterbestand von Arbeitsplätzen in einem Berufszweig.

Von Steinkeilen und Wandmalerei

Wer von dystopischen Zukunftsvorstellungen geplagt wird, sollte sich bewusst machen, dass “sich die Digitalisierung aneignen als etwas, was unsere individuellen Fähigkeiten verstärkt” in einer mindestens hundertausendjährigen Geschichte menschlichen Überlebens und Fortschritts steht. Vor hunderttausend Jahren begann der Homo Sapiens langsam, aber in wachsendem Ausmass, seine individuellen Fähigkeiten und Denkvorgänge zu externalisieren. Mit der Individualisierung der Steinkeile, den Wandmalereien und dem Schmuck fing es an: die Liebe zu den Werkzeugen, der Kunst und der Suche nach Schönheit, beziehungsweise auch der Wahrheit.

Man kann auch sagen: vor hunderttausend Jahren begann es schief zu gehen. Denn aus dem Homo Sapiens entwickelte sich eine die Welt beherrschende Gattung, die sich absichtlich und unabsichtlich immer mehr ihre Herausforderungen selber schafft. Siehe Treibhauseffekt und den damit verbundenen Klimawandel. Das Aneignen neuer emergenter Werkzeuge war und ist dabei oft der Schlüssel zum Fortschritt und zu neuen Herausforderungen. Die Schmiedekunst verbesserte beispielsweise den Stahl für Waffen und die mittelalterlichen Bader, die Ärzte der kleinen Leute, eigneten sich diese Werkzeuginnovation an, um Leichen aufzuschneiden und einen wichtigen Schritt Richtung moderner Medizin zu machen. So führte die Kampfes- und Kriegslust über die Leichenfledderei zur modernen Chirurgie. Die Haltung war dabei diejenige von Dieben und von Störern der Friedhofsruhe. Letzteres war aus damaliger Sicht unethisch, findet auf hoher Abstraktionsebene gedacht aber bereits alttestamentarische Vorbilder und hat für uns heute schon fast eine symbolische Bedeutung: Innovation hat und hatte oft eine Komponente, des expliziten Brechens von Normen, die sich rückwirkend ins Positive kehrt.

Nur 15 Jahre weit in die Zukunft denken

Wenn wir Arbeitsplatzverluste oder gar die Machtübernahme der Roboter verhindern wollen, sollten wir uns deshalb der Aneignung der neuen Werkzeuge widmen und beim Verändern der beruflichen Alltagpraxis gegebenenfalls auch bereit sein, rote Linien zu überschreiten. Wobei es wenig bringt, an die Zukunft in hundert Jahren zu denken. Was zählt ist, wie wir in den einzelnen Fachberufen die nächsten fünfzehn Jahren gut bewältigen können, indem wir die Fachberufe weiterentwickeln. Digital Skills sind dabei wertvolle Instrumente. Ebenso wichtig sind aber die uralten Träume, was man in den einzelnen Berufen alles tun könnte, wenn es nicht bisher zu aufwändig und teuer wäre. Denn bringt man neue digitale Werkzeuge und alte disziplinäre Träume zusammen – so wie das einst die Bader taten – so kann dies radikalen Fortschritt ermöglichen, der die Welt so grundlegend verändert, dass heutige Probleme sich auflösen oder zur Makulatur werden.

Ich wünsche Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, viel Vergnügen und Inspiration bei der Lektüre von Societybyte. Ich hoffe, dass Sie neue Erkenntnisse gewinnen und kreativ neue Ideen entwickeln können.

Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl


Dieser Text entstand rund um die Konferenz “Transform – Digital Skills for Transforming Disciplines, Business, and Government”, die am 12. und 13. September in Bern stattgefunden hat. Sie widmete sich den zwei zentralen Fragen, wie Fachdisziplinen digital weiterentwickelt werden können und was der State-of-the-Art bei den wichtigsten Digital Skills ist. Führende Wissenschaftler berichteten, was Digitalisierung heute schon alles kann.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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