Die Digitalisierung fördert die Interdisziplinarität

Viele Probleme des digitalen Zeitalters lassen sich nicht in einer Disziplin alleine lösen, sagt Prof. Dr. Gerd Folkers im Interview. Er referiert am 2. Tag unserer Transform-Konferenz  darüber, wie die einzelnen Fachdisziplinen vernetzter zusammenarbeiten können.  

Herr Folkers, Ihr Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie die Digitale Transformation Interdisziplinarität unterstützt. Bisher ist die Wissenschaft ja streng in Disziplinen eingeteilt. Wie kann das aufgeweicht werden?

Es wird längst an den Rändern der Disziplinen aufgeweicht. Gesellschaftliche Probleme, wie der Klimawandel können nicht von einer Disziplin alleine bearbeitet werden, sondern erfordern alle Formen der Kooperation und des Austauschs. Das ist etabliert. Im Kern jeder Disziplin ist es allerdings genauso notwendig, diese Disziplin immer weiterzutreiben, kritische Fragen an sich selbst zu stellen und die Disziplin in ihrer theoretischen Fundierung zu stärken. Oft fliessen beide Bereiche zusammen und bilden eine neue Disziplin, wie beispielsweise die Molekularbiologie/Biophysik, die Biochemie, die synthetische Biologie, oder die Biomedizin, die Computerwissenschaften oder die Gehirnforschung. Um interdisziplinär arbeiten zu können, gilt es die eigene Disziplin zu beherrschen.

Welche Disziplinen sind bei/von der Transformation besonders gefragt/betroffen?

Alle Disziplinen sind betroffen. Auch diejenigen, die es heute noch nicht wissen (wollen). Die virtuelle Verfügbarkeit kollektiver Erfahrungen und Daten aus der Wissenschaft in so grosser Menge und in so schneller Erreichbarkeit lässt völlig neue Fragestellungen zu.

Während sich die Technologie rasant weiterentwickelt, scheint die Organisation der Wissenschaft beispielsweise mit ihren herkömmlichen Hierarchien und Prozessen in punkto digitale Transformation noch am Anfang zu stehen. Welche Aspekte müssen aus Ihrer Sicht prioritär angegangen werden?

Die Technologie sollte nicht als solches zur Leitfigur um ihrer selbst werden. Zur wissenschaftlichen Fragestellung gehört eine genügend kritische Distanz. Diese vermisse ich oft, weil Dinge getan werden, einfach weil man das machen kann, ohne zu hinterfragen, ob dieses Experiment oder jene Studie wirklich relevant ist.

Wie können die Disziplinen besser miteinander vernetzt werden?

Durch schwierige Fragestellungen. Eine Vernetzung ist kaum top-down möglich und auch nicht erstrebenswert. Jede komplexe Fragestellung fängt mit der Schwierigkeit an, das Problem und mögliche Wege zur Antwort zu formulieren (wicked problems). In den meisten Fällen begibt man sich dann in andere disziplinäre Umgebungen, um zu lernen und gemeinsam an der Formulierung zu arbeiten. Davon zu unterscheiden ist der Methodenaustausch, bei dem beispielsweise aus der Medizin eine bestimmte Fragestellung zur Analytik an technische Wissenschaften gestellt wird. Aber auch aus diesen Kooperationen ergeben sich häufig völlig unerwartete neue Problemstellungen, die wissenschaftlich interessant sind. Beispiel sind die digitale Erkennung und Charakterisierung von Tumorzellen, oder neue Simulationsverfahren.

Was ist Ihre persönliche Vision von Interdisziplinarität?

Die Erarbeitung neuer Perspektiven aus gemeinsamen Projekten. Dafür sind Austauschplattformen virtueller Art mit machine learning ebenso notwendig wird „reale“ Begegnungsmöglichkeiten an „katalytischen“ Orten.


Zur Person

Prof. Dr. Gerd Folkers ist Präsident des Schweizer Wissenschaftsrates und Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Er hält das Schlussreferat der Transform-Konferenz am 13. September zum Thema “Wie die Digitalisierung die Interdisziplinarität unterstützt”.


Transform-Konferenz

Die Konferenz “TRANSFORM – Digital Skills for the Transformation of Disciplines, Business, and Government” hat vom 12. bis 13. September stattgefunden und wurde vom Institut Public Sector Transformation und Institute Digital Enabling in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern als Forum zur Diskussion von Herausforderungen rund um die digitale Transformation organisiert. Die Schweizerische Informatikgesellschaft war Veranstaltungspartner. Das Programm der Konferenz finden Sie hier.

AUTOR/AUTORIN: Anne-Careen Stoltze

Anne-Careen Stoltze ist Redaktorin des Wissenschaftsmagazins SocietyByte. Sie arbeitet in der Kommunikation der BFH Wirtschaft, sie ist Journalistin und Geologin.

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