Februarausgabe: Fremdheit und Missverständnis der Digitalisierung

Scheinbar sind uns Digitalisierung und digitale Transformation sehr vertraut. Für sehr viele von uns gilt: Wir lesen und sprechen viel darüber. Ob Disruptive Geschäftsmodelle oder KI – alles scheint klar. Drei ganz kleine Details fallen dennoch aufs: Mathematik ist in der Unternehmenspraxis Aufgabe von jungen Nachwuchskräften mit IT-Ausbildung. Software ist kein Thema. Und der Einsatz von Software ist keine Herausforderung.

Das Nichterwähnen von Mathematik, Software und Software-Einsatz scheint derzeit eine Selbstverständlichkeit unter den Vordenkern der digitalen Transformation. Grundannahmen: IT-Einsatz braucht keine besonderen betriebswirtschaftlichen Skills. Software beschafft man. Mathematik ist ein Hilfsmittel. Das sind allesamt Fake News!

Der Reihe nach: In einigen Bereichen hat die Informatik den Stand der Forschung in Mathematik und Statistik von vor zehn Jahren noch lange nicht erreicht. Wissen (der Mathematik) und Knowhow (der Informatik) klaffen viele Jahre auseinander. Und das obwohl die Forschungsförderung für Knowhow ein Vielfaches der Forschungsförderung für den Aufbau von Wissen beträgt. Ausnahme: Wenn es um Menschenleben oder um Milliarden geht. Sie weisen den Weg in Richtung einer transdisziplinären Zusammenarbeit, in der die Mathematik eine sehr relevante Rolle spielt. Sinnvoll wäre, auch im “normalen” Digitalisierungsprozess für ein hohes Niveau in der Mathematik zu sorgen.

Software ist kein Arbeitskittel und keine Maschine. Wer ihr Wesen nicht versteht, riskiert Entscheide zu treffen, die dem Unternehmen Schaden zufügen. Oft verhält sich Software kontraintuitiv. Viele scheinbar natürliche Entscheide können deshalb desaströse Folgen haben. Die Zukunft gehört denen, die Fach- und Managementexpertise mit IT-Verständnis verbinden. Einige neue digitale Geschäftsmodelle sind ohne Software-Verständnis auf Geschäftsleitungsebene kaum erfolgreich realisierbar.

Last but not least ist der Einsatz von IT alles andere als eine Trivialität. Dies gilt umso mehr dort, wo die Innovation im Einsatz neuer Software besteht, beispielsweise in der Einführung von Mensch-Maschinen-Zusammenarbeit. Solche Innovationen durch Nutzung neuer Software benötigen viel Wissen und Knowhow, manchmal sogar explizite angewandte Grundlagenforschung. Wer solche Herausforderungen unterschätzt, braucht extrem viel Glück, um ein Unternehmen digital zu transformieren ohne es zu ruinieren. In der Praxis ist deshalb das Nichtkönnen ein mindestens so grosser Bremsklotz wie das Nichtwollen der Digitalisierung.

Wir sind dabei, die Konzeption von Societybyte zu überarbeiten. Deshalb gibt es zum zweiten Mal monatsweise keine neue Themenausgabe.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen der neu erscheinenden Beiträge und rufe Sie auf, Beiträge zu den Rollen von Mathematik, Software und IT-Einsatz in der Digitalisierung frei einzureichen, auch abseits der Calls.

Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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