Wie die Digitalisierung auch unsere Sprache verändert

Geisteswissenschaften halten den Schlüsselbund zum Verständnis von Bild und Sprache. Nicht die Programmiersprachen sind das wichtigste Idiom der Digitalisierung, sondern die gute alte Normalsprache. Diese verändert sich durch neue Begriffe, für die wir erst Metaphern und Bilder finden müssen, schreibt unsere Autorin.

Medientheorie und Sprachphilosophie gehören in die Familie der Humanities, sie sind die Wissenschaften der menschlichen Sprachen im Bild sowie im linguistischen Sinn. Nicht Algorithmen und Codes (selbst) sind es, die die grössten Herausforderungen der Digitalisierung stellen, sondern Analogien zwischen Bild und Text in analoger Sprache, also in Bedeutungstransfer zwischen Menschen, die digitale Medien nutzen. Geisteswissenschaften sind nicht für Automaten, Maschinen und Rechner gemacht. Sie dienen dazu, menschliches Können im Umgang mit Bild und Sprache zu erkennen, charakterisieren und gegebenenfalls zu verbessern. Qualifizierte Verständigung über das Verstehen von Bild und Sprache im digitalen Nutzerumfeld ist dringend.

Trampelpfade der Sprache entstehen

In einigen zentralen Arbeitsgebieten der Geisteswissenschaften wird die Sprache beackert. Die Sprache ist ein unübersichtliches Gelände, weil es sich ständig unter den Bewegungen der Menschen verändert. Wie der Sprachphilosoph Rudi Keller (1994) bemerkt hat, entstehen Trampelpfade in der Sprache ähnlich dem ökonomischen Modell der ‘Unsichtbaren Hand’ von Adam Smith (1776): jeder Mensch handelt aus eigenem Antrieb – das nennt der Amerikanische Sprachphilosoph John Searle ‘Intentionalität’ – und jeder Einzelne trägt Schritt für Schritt zum wachsenden Trampelpfad bei. Schliesslich wird ein neuer Weg sichtbar, der für spätere Spaziergänger bereits ausgetreten daliegt. Neue Begriffe und Konzepte kommen ähnlich schleichend in den Wortschatz der Menschen und bleiben dort, solange sie benutzt und gebraucht werden.

Worte sind nicht nur passive Schildchen an einem Konzept. Worte beeinflussen und lenken das Konzept, das sie benennen und repräsentieren.

Neue Phänomene erzwingen neue Begriffe oder Übertragungen alter Begriffe in neue Gebiete. Metaphorische Übertragungen funktionieren auch deshalb so gut, weil sie Bilder abrufen, die wir zu den sprachlichen Konzepten gespeichert haben. Wenn sich neue Bereiche zeigen, oder technologische Entwicklungen ganze neue Landschaften entstehen lassen, so besteht der Drang, die neuen Erscheinungsformen, Dinge und Prozesse zu benennen. Nur dasjenige, wofür wir geeignete Begriffe haben, lässt sich von uns sinnvoll verhandeln. Worte sind aber nicht nur ‘signifiers’, also Labels für etwas, was wir sonst schlecht sprachlich repräsentieren könnten. So wie Rufnamen beim Menschen funktionieren. Worte sind nicht nur passive Schildchen an einem Konzept. Worte beeinflussen und lenken das Konzept, das sie benennen und repräsentieren. Deshalb kennt die Philosophiegeschichte einen Disput der Definitionen und Versuche, dem Gebrauch eines Wortes mehr Bedeutung zu geben, als dessen frühere Definition. Der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein hat die Bedeutung-als-Gebrauch-Hypothese vertreten, nachdem die Bedeutung eines Wortes in dessen Gebrauch liegt. Was paradox klingt, können wir beim Benutzen eines Trampelpfades erleben: der Weg entsteht, weil viele ihn benutzen. Der Weg war nicht Bestandteil eines (einzigen) menschlichen Plans, sondern ein Bündel vieler einzelner menschlicher Bedürfnisse, die Abkürzung zu nehmen.

Begriffskultur entwickelt sich erst

Was wir mit Worten wie Digitalität, Digitalisierung oder digitale Transformation benennen, sind Phänomene, die relativ neu, komplex und dynamisch sind. Der Trampelpfad der Sprache ist da noch ziemlich frisch und es gibt einige Experten, die neben dem Pfad herlaufen und den Usern die Nutzen und Gefahren dieser neuen Landschaft zu erklären versuchen. Selbst manche dieser Kenner hantieren Worte wie ‘Internet’, ‘cloud’, ‘data’ ungenau, ideologisch oder dogmatisch. Wenn wir heute diskutieren über die Nutzung, den Nutzen und die Nutzer digitaler Verfahren, so brauchen wir gute und genaue Worte. Einige davon sind alt und müssen in dieser noch weichen Landschaft verortet werden: Verantwortung, Urheberrechte, Privatsphäre, Demokratie, Gesetzgebung, Globalisierung, etc. Andere sind in aller Munde, was unappetitlich sein kann, wenn es faule Worte sind: Komfort, Schnelligkeit, Flexibilität, Erreichbarkeit, Unterhaltung. Es gibt keine deutliche Begriffskultur für diese neuen Pfade. Digitalität bedeute für viele das Internet. Internet bedeutet für viele Social Media. Das Internet bedeutet für viele einen gesetzlosen Freihafen. Freiheit bedeutet für viele sharing und liken.
Gleichzeitig steigt das allgemeine Bewusstsein für die Herausforderungen der Digitalisierung, weil sie Einfluss nimmt auf viele Bereiche ausserhalb der Welt, in der sie geschaffen wurde. Wo in den 1990er Jahren noch das despektierlich-bewundernde Wort ‘Nerd’ gereicht hat, um jemanden seine Symbiose mit Computern, IT und Programmiersprachen zu attestieren, so wird seit einigen Jahren auch den Nicht-Nerds klar, dass Digitalisierung sie selbst schon heute betrifft. Digitalisierung trägt dazu bei, dass Abeitslandschaften und Berufe sich verändern, und damit gesellschaftliche Verträge neu verhandelt werden müssen. Digitalisierung ist immer politisch, wie auch die Sprache. Beide haben Einfluss auf die Wege, die Information sich suchen wird. Wenn sie sich den geringsten Widerstand wählt, wird Digitalität mit dazu beitragen, gründlichen, vielfältigen Mediendiskurs ebenfalls ‘abzukürzen’.

Neue Worte brauchen Metaphern

Worte wie Programm, Algorithmus, Vernetzung haben ihren Weg in unsere Normalsprache gefunden. Es sind Metaphern für Gebilde, deren Namen wir besser kennen, als den Stoff aus dem sie gemacht sind. Der allgemeine normalsprachliche Wissensstand über Digitalität ist gering: über die Technologie und deren neuen Möglichkeiten wissen wir oft zu wenig. Die Interessen der grossen Konzerne, die unseren Handel mit Gütern, Bildern und Informationen besitzen und bestimmen, die Auswirkungen auf gesetzlichen Schutz der Privatsphäre und der Freiheit überlassen wir denen, die jene Technologien entwickeln, anstatt Erkenntnisse für die Geisteswissenschaft und letztlich den Menschen zu gewinnen. Der Mensch ist kein so rationales Wesen, wie er es gerne wäre, wie der amerikanische Psychologe Daniel Kahnemann einleuchtend beschreibt. Logik und Statistik sind keine menschlichen Stärken, weil Menschen meistens emotional, intuitiv und spontan entscheiden. Digitalität kann diese Qualitäten nicht bieten.

Digitalität beschäftigt uns, weil sie in unserer Privatsphäre präsent ist, weil es private Konzerne gibt, die global agieren und nicht lokalen Gesetzen unterliegen, weil Informationen nicht mehr durch Bilder legitimiert oder garantiert werden können, weil sich Menschen im global village mit den Bewohnern umgeben, die ihnen ähnlich sind und deren Meinungen sie teilen. Jede Quellenauswahl ist selektiv und verzerrt den Überblick auf die Landschaft. Fake news und alternative Fakten sind dazugehörige Auswirkungen dieser Reduzierung auf visuelle Sinne in digitaler Simulation.

Interface zwischen Mensch und Maschine

Digitalität verspricht einen unbegrenzten Zugang zur Realität und erbringt zu oft das Gegenteil: simulierte Nischen. Geisteswissenschaften sind nicht nur für Diskurs und Ethik, zuständig, sondern auch für die Reflexion der Sprache der Menschen im digitalen Raum. Bildunterschriften, Bildausschnitte, Perspektiven, framing, Bildauswahl etc. entscheiden über das, was als Bedeutung interpretiert wird. Wechselwirkungen zwischen Bild und Text sind das Hauptmedium des digitalisierten Austausches – sicherlich aus der Nutzerperspektive gesehen.

Die Stimme wird langsam zur neuen interface für die Interaktion zwischen Gerät und Mensch. Normalsprache wird operatives Medium an der Schnittstelle mit digitalen Prozessen. Die Ordnungen des Wissens (google, databases, facebook) und die Kontrolle der Bilder sind dringende Fragen, denen sich ausgerechnet die Geisteswissenschaften aus ihrer multidisziplinären Praktiken und Perspektivenvielfalt bestens annehmen kann und muss. Die Auswirkungen der ‘digitalen’ Welt finden in der Welt der analogen Menschen statt, und für diese halten die Geisteswissenschaften und die Künste noch immer die Expertise. Die Inhalte und Bedeutungen müssen sich schlüssig in der Sprache abbilden. Es ist wichtig, wie wir über Digitalisierung und Digitalität sprechen, wenn wir sie richtig verstehen und entwickeln können möchten.

 


Referenzen

  1. Rudi Keller; Sprachwandel. 1994. Francke Verlag Tübingen/Basel, 1994
  2. Adam Smith: Wealth of Nations. 1776.
  3. John R.Searle: Mind, Language and Society. Philosophy in the real world. 1999 Basic Books. ‘(…): all of institutional reality can be explained using exactly these three notions, collective intentionality, the assignement of function, and constitutive rules.’ JRS p.124)
  4. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. 1951
  5. Marshall McLuhan: The Medium is the Massage. 1967
  6. Hans Block, Moritz Riesewieck: Im Schatten der Netzwelt (2018) The Cleaners. [film] 1h 28min.
  7. Daniel Kahnemann: Thinking Fast and Slow. 2011. Penguin Books.

AUTOR/AUTORIN: Tine Melzer

Tine MelzerTine Melzer studierte Bildende Kunst und Philosophie in Amsterdam und promovierte in England. Ihre Arbeit verbindet Sprachphilosophie mit visuellen Mitteln. Seit 2014 Dozentin an der Hochschule der Künste Bern (HKB).

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