Alles digital kuratieren – von Leistungsanbietern bis zu Kunstwerken

Die Digitalisierung macht das Kuratieren zur Schlüsselkompetenz und zum attraktiven Geschäftsfeld, weil sie die Vielfalt an zugänglichen Angeboten extrem erhöht. Gleichzeitig vereinfacht sie die Kuratierung in mehrfacher Hinsicht, schreibt Reinhard Riedl, Leiter des BFH-Zentrums Digital Society.

Der Autor verwendet den Begriff  “Kurator” in der weiblichen Form und schliesst damit auch die männlichen Kuratoren mit ein. Entsprechendes gilt für alle Beispielberufe.

“Kuratorinnen” waren einst altrömische Bürokratinnenen (1), in der digitalen Welt ist dagegen das Kuratieren allgegenwärtig und wird oft von Maschinen übernommen. Es bedeutet, aus der exzessivem Vielfalt von Angeboten eine Auswahl so dargestellt und angeordnet zu präsentieren, dass es die oder der Interessierte möglichst einfach und attraktiv findet. Das heisst, Kuratieren hat eine Empfänger- und eine Sender- beziehungsweise Quellenperspektive. Aus Empfängerperspektive ist es nichts anderes als “den richtigen Zugang schaffen”. Aus Quellenperspektive geht es vor allem um ein Vermitteln, wozu aber auch die Hilfe zur Aneignung zählt, sowie in einigen Bereichen die Sicherung des langfristigen Zugangs, beispielsweise die Konservierung. Auch in der Quellenperspektive steht nach allgemeinem Sprachverständnis der Nutzen für die Empfänger im Vordergrund. Im Folgenden wird diese Sichtweise übernommen.

Sehr unterschiedliche Praktiken

Im trivialsten Fall werden beim Kuratieren Listen erstellt. Oft geht es aber um ein nichtlineares Arrangieren, nicht nur in der Kunst. Es gibt insbesondere auch kontraintuitive Formen des Kuratierens, die antieffizient wirken. Der Supermarkt, der Umwege erzwingt, ist hierbei ein Grenzfall. Das vielleicht berühmteste Beispiel für ein Kuratieren durch chaotisches Arrangieren ist das legendäre MIT-Gebäude Nummer 20, das im Ruf stand, Zusammenarbeit mehr zu fördern als alle Führungsmassnahmen, weil es so unübersichtlich war. (2)

Eine exakt abgrenzende Definition des Kuratierens ist nicht möglich. Unklar ist die Abgrenzung beispielsweise im Fall des Vermittelns im Sinne von Zuhalten. Der “Broker” ermöglicht eine geschäftliche Aneignung, auch in Fällen die gegen Moralvorstellungen oder sogar gegen Gesetze verstossen. Der Vermittler von Neuer Musik tut das Gleiche, wenn auch im immateriellen Sinn. Besteht da ein Unterschied? Und wenn ja, was ist dann mit den Sharing-Economy-, E-Commerce-und Dating-Plattformen?

Klar ist hingegen, dass Kuratieren in vielen Fällen aus unterschiedlichen Tätigkeiten oder «Features» besteht, die auch separat für sich existieren. Beispielsweise ist das Verfassen von Kunstkritiken Teil von vielen Kuratierformen, beispielsweise im E-Commerce, existiert aber als Tätigkeit für sich in den Medien, wo es eine Hilfe zum Kuratieren-für-sich-selber darstellt.

Die heutigen Super-Kuratierer sind Google, Amazon und Co. In vielen Unternehmen gibt es neu neben dem Datencoach auch die Daten-Kuratorin, die letztlich die Datenpolitik des Unternehmens gestaltet und immer mehr zur Schlüsselperson für die zukunftsorientierte Unternehmensführung wird. Doch das Handwerk des Kuratierens ist alt. Ein Urmodell der Kuratorin ist die Archivarin. Sie musste Dokumente so aufbewahren, dass auch in der fernen Zukunft gefunden und genutzt werden konnten – ohne zu wissen, wofür sie genutzt würden. Ein frühes Beispiel für eine Nachhaltigkeitsherausforderung! Vielleicht noch älter ist das Kuratieren der Lehrerinnen. Sie kuratieren Wissen. Das moderne Kuratieren ist also ein sehr altes, wenn auch meist nichtmanuelles, Handwerk.

Sehr unterschiedliche Auswirkungen

Trotzdem stören sich viele an Kuratieraktivitäten und am Wort Kuratieren beziehungsweise am Wort Kuratorin: “Wieso braucht tolle Kunst Vermittlung?” fragen die einen. “Warum muss eine für andere auswählen oder Kunstwerke kritisieren?” beschweren sich andere, “Wieso braucht es einen Begriff für etwas, das alle tun?” klönen dritte. Lassen Sie uns deshalb das “Problematische” der neuen Begrifflichkeit und der überall gewärtigen Aktivitäten näher untersuchen.

Obwohl Kuratieren fast überall wichtig ist, macht es Sinn, es explizit zu thematisieren, denn dies fördert die Professionalisierung. Dass dabei transversal Ideen fliessen und Good Practices bereichsübergreifend ausgetauscht werden, ist eine positive Wirkung der Karriere des Begriffs. Ein Beispiel für einen breiten transversalen Ideenfluss ist die Digitalisierung des Kuratierens. Neue digitale Werkzeuge unterstützen die Arbeit der Kuratorinnen auf sehr ähnliche Weise in sehr unterschiedlichen Bereichen. Zu vermeiden ist dabei nur, dass traditionelle Praktiken einzelner Bereiche durch neue, universelle verdrängt werden. Unter dieser Randbedingung ist eher positiv als ambivalent, dass durch die Begriffsbildung hinterfragbar wird, was in der jeweiligen Kuratorinnenrolle geleistet wird.

Eher positiv als ambivalent ist auch, dass Kuratieren Effizienz- und Qualitätssteigerungen ungeheuren Ausmasses ermöglicht – zwar nicht in allen Bereichen, aber die Anzahl der nicht digital kuratierbaren Bereiche schrumpft stetig. Indem Kuratiertes digital repräsentiert und algorithmisch organisiert und arrangiert werden kann, und indem der verbleibende menschliche Anteil an der zu leistenden Arbeit in die sogenannte «Crowd» ausgelagert werden, kann zugleich einerseits beim Kuratieren mehr berücksichtigt und personalisiert werden und anderseits das zugrunde liegende Geschäftsmodell so verbessert werden, dass mehr Kuratierungen stattfinden können. Virtuelle und augmentierte Realität, aber auch andere Technologien wie 3D-Printing, können sehr effektiv für die Vermittlung genutzt werden. Die Digitalisierung ermöglicht zudem neue Formen des Bewahrens ebenso wie auch bessere Zugriffe auf das Bewahrte. Allerdings sind manche Praktiken der so genannten ExOs (exponentielle Organisationen, (4)) ziemlich abschreckend, weil das bedarfsorientierte Adhoc-Nutzen von Arbeitskräften prekären Arbeitsverhältnissen Vorschub leistet und weil gerade der Hype um die Werte einer ExOs geringere Entlöhnung von Zuarbeit für das Kuratieren fördert.

Dass per se neue Werte für das Kuratieren entstehen, oder Werte von einem Bereich in den anderen transferiert werden, hat ebenfalls positive und negative Folgen. Positiv sind die Folgen dort, wo eine weltoffene Haltung dominiert, durch neue Wertperspektiven mehr erfahrbare Vielfalt entsteht und deshalb die Wertschöpfung im Kuratieren steigt. Negativ sind die Folgen dort, wo finanzielle Entlöhnung für geleistete Arbeit reduziert oder wo der Austausch unter unterschiedlichen Szenen unterbunden wird. Was viele Zeitgeistautoren oft im Wertehype übersehen, ist, dass erstens nichtmonetäre Entschädigungen letztlich weniger Freiheit bedeuten und dass zweitens, die Wertorientierung in der Gesellschaft Gräben aufreisst. Auch die zunehmende Messbarkeit der Leistung einer Kuratorin hat erfreuliche und gefährliche Folgen, weil es einerseits faktenbasiertes Feedback gibt, anderseits dadurch aber auch oft der Blick auf das Wesentliche und die Zukunft vernebelt wird.

Votum für forschungsbasierte Digitalisierung und Professionalisierung

Was wir angesichts des grossen Potentials der Digitalisierung und Professionalisierung im Kuratieren – und der damit gleichzeitig verbundenen Gefahren – dringend bräuchten, ist dreierlei: angewandte Grundlagenforschung, einen bereichsübergreifenden Erfahrungsaustausch unter Kuratorinnen und spezielle Ausbildungen. In dieser Reihenfolge, aber zeitlich überlappend, damit es nicht zu lange dauert, bis wir genügend viele digital und fachlich kompetente Kuratorinnen haben. Denn es ist absehbar, dass der Bedarf in Zukunft rasant steigend wird.

 


Referenzen

  • (1) Heute schon kuratiert? Joachim Günther, 18.11.18
  • (2) Curation: The Power of Selection in a Worls of Excess, Michael Bhaskar, Little, Brown Book Group Limited, 2017
  • (3) Salim Ismail, Michael S. Malone, Yuri van Geest: Exponentielle Organisationen: Das Konstruktionsprinzip für die Transformation von Unternehmen im Informationszeitalter, Vahlen 2017

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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