Juniausgabe: Ist die Digitalisierung der Stadt wirklich so belanglos?

Was ist eine «Smart City»? Fast immer verweist der Begriff auf den Einsatz von technikgetragenen Innovationen, um eine Stadt attraktiver zu machen. Es ist aber nicht möglich den vielfältigen Verwendungen des Begriffs eine gemeinsame Bedeutung zuzuweisen, auch wenn zwei beliebig ausgewählte Verwendungen des Begriffs meist Gemeinsamkeiten aufweisen. So weit, so einfach – und schon bei Wittgenstein nachzulesen. Smart City ist aber mehr: Es steht für das allumfassend Kluge, quasi «Weltversöhnung am Beispiel Stadt». Oder eben für «Das Smart». Das ist gut so – dann und nur dann, wo die Sprachhülle mit konkreten und praktisch nützlichen Online-Diensten gefüllt wird.

Noch unklarer, weil bislang seltener verwendet, ist der Begriff «Digitale Stadt». Ist damit die Summe aller digitalen Zwillinge gemeint von all dem, was es in der Stadt gibt, also das digitale Abbild beziehungsweise die Datafizierung der physischen Stadt? Oder ist darunter die digitale Dienste-Infrastruktur zu verstehen, offene Entscheidungsplattformen inklusive? Wir haben bewusst darauf verzichtet, in unserem Aufruf zu Beiträgen den Begriff «digitale Stadt» zu definieren. Denn in der aktuellen Situation ist die Ausweitung der Perspektive eine wesentlich dringlichere Aufgabe als die Fokussierung. Vielen Projekten mangelt es an Phantasie. Sie produzieren viele Daten und viel Infrastruktur, aber die Nutzung beider ist sehr konventionell und arm an Nutzern. Für Aufregung sorgt lediglich, wenn eine Standard-App, wie man es von grösseren Städten kennt, im Parlament einer kleinen Stadt abgelehnt wird. Motto: «Bei uns braucht es das nicht».

Ich möchte aber in diesem Editorial auf eine Nicht-Verknüpfung hinweisen, die mir immer wieder krass auffällt. Die Diskussionen zur smarten, digitalen Stadt haben wenig gemeinsam mit dem Diskurs rund um Urbanität. Die Urbanisten haben bislang kein Interesse, das Digitalisierungspotential zu nutzen und die Digitalisierer haben mit Urbanistik nichts am Hut. Das ist zwar etwas ganz Typisches, das ich als Gutachter internationaler Forschungsprojekte immer und immer wieder erlebe. Aber es zeigt eben auch, dass es um nichts geht. Jeder bewegt sich in seinem Diskurs, weil er weiss, dass das Lösen von praktischen Problemen viel weniger einbringt als das Bedienen von Diskurs- und Technologieerwartungen.

Ich stelle darum die Frage: Geht es bei der Digitalisierung der Städte (und bei der Entwicklung urbaner Lebensräume) wirklich um nichts? Ich hoffe, geschätzte Leserinnen und Leser, wir können Ihnen in diesem Monat einige Beiträge bieten, die konkrete Geschäftsmodelle für die digitale Stadt eindrücklich aufzeigen. Ich bin selber gespannt darauf.

Herzlichst,

Ihr Reinhard Riedl

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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