Das Smartphone als Gesundheitsversorger

Mobile Health, oder abgekürzt „mHealth“, bezeichnet Massnahmen der Gesundheitsfürsorge, die durch mobile, vernetzte Geräte unterstützt werden. Das sind beispielsweise Pflegeanleitungen per Smartphone-App nach einer Operation oder Hilfen beim Selbstmanagement einer chronischen Krankheit. Dadurch werden Versorgungsprozesse vereinfacht.

Im Rahmen der Strategie „Gesundheit2020“ des Bundesrats unterstützen Bund und Kantone unter anderem den koordinierten Einsatz digitaler Technologien, wo Bedarf vorhanden ist und wo diese geeignet sind, um Verbesserungen herbeizuführen. So beispielsweise bei der Einführung des elektronischen Patientendossiers, aber auch, um die Koordination von auf verschiedene Fachpersonen aufgeteilten Behandlungen zu erleichtern oder Medikationsfehler, die aufgrund von Kommunikationsfehlern entstehen, zu vermeiden. Ein wichtiger Nutzen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) im Gesundheitswesen sind demnach ein verbesserter Informationsaustausch und effizientere Versorgungsprozesse.

Teilbereich von eHealth: mHealth

Ein Teilbereich von „eHealth“ ist „mHealth“. Das hat nicht etwa etwas mit der Migros zu tun, sondern ist die Abkürzung für „mobile Health“. Gemäss der Definition der WHO bezeichnet der Begriff: „medizinische Verfahren sowie Massnahmen der privaten und öffentlichen Gesundheitsfürsorge, die durch Mobilgeräte wie Mobiltelefone, Patientenüberwachungsgeräte, persönliche digitale Assistenten (PDA) und andere drahtlos angebundene Geräte unterstützt werden.“ Dieses Thema hat in den letzten Jahren mit der zunehmenden Verbreitung mobiler Endgeräte an Bedeutung gewonnen. Dadurch, dass mobile, vernetzte Geräte rund um die Uhr verfügbar sind, ergeben sich auch für gesundheitliche Zwecke viele neue Möglichkeiten.

Unterstützung bei Therapie und Selbstmanagement

Beispielsweise werden Patientinnen und Patienten mit interaktiven Applikationen darin unterstützt, nach einem Spitalaufenthalt oder bei einer chronischen Krankheit ihrer Therapie besser zu folgen oder ihre Krankheit besser selbständig zu managen. So lautete auf der Webseite Mobihealthnews.com kürzlich eine Schlagzeile: „West Virginia hospital system sees readmission reductions from patient education intiative”. Vier Spitäler eines Charleston Area Medical Centers in West Virginia hatten begonnen, entlassenen Patientinnen und Patienten und deren Umfeld Nachsorge-Anleitungen für ihre Behandlungen via interaktive Smartphone- und Tablet-Anwendungen zu vermitteln. Damit gelang es, die Wiederaufnahmeraten bei bestimmten Krankheiten um 22-30% zu senken.

Der deutsche Forscher Urs-Vito Albrecht und seine Kollegen von der Medizinischen Hochschule Hannover erkennen dasselbe Potenzial. So schreiben sie in einer 2016 vom Deutschen Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebenen Studie: „Gesundheits-Apps sind potenziell geeignet, das Selbst-Management von chronisch Kranken wirksam zu unterstützen und die Adhärenz und Therapietreue zu erhöhen (…). [So] (…) ließen sich bei vielen chronischen Erkrankungen kostspielige Behandlungen und Krankenhausaufenthalte vermeiden.“

Im Hinblick auf den grossen Anteil chronischer, nichtübertragbarer Krankheiten (non-communicable diseases, kurz NCD’s) an der krankheitsbedingten Belastung der Gesellschaft könnte dieses Potenzial vermehrt ausgeschöpft werden.

In der Schweiz führt beispielsweise die Berner Fachhochschule ein Pilotprojekt namens IMOTI durch, bei dem Personen nach einer Magen-Bypass-Operation, mit einer App bei der Nachsorge unterstützt werden.

Arztkonsultationen per Smartphone

Auch andere Bereiche, wie die beispielsweise die Telemedizin, erweitern sich vermehrt auf den mobilen Bereich. Telemedizin bedeutet Diagnostik und Therapie unter Überbrückung einer räumlichen oder zeitlichen Distanz. In den USA wird von der „Suburban Health Organisation“, einem Netzwerk von Spitälern im Grossraum Indianapolis, eine App namens „myvirtualhealthvisit“ angeboten. Damit können die Menschen per Videokonsultation Ärztinnen und Ärzte des Spitalnetzes kontaktieren. Der Vorteil ist, dass ortsunabhängig, auch von unterwegs aus und zu Randzeiten ärztliche Beratung möglich ist. Dies ist in erster Linie geeignet für leichtere Krankheiten und Verletzungen. Es ergeben sich somit ein besserer Zugang zu medizinischer Versorgung und Kosteneinsparungen, denn solche Konsultationen kosten weniger als konventionelle.

Es kann allerdings auch passieren, dass dadurch mehr Konsultationen in Anspruch genommen werden, da in gewissen Fällen ohne diese Möglichkeit auf einen Arztbesuch verzichtet worden wäre, wie eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift „Health Affairs“ nahelegt. Die Gesundheitsausgaben durch Telemedizin können so auch steigen statt sinken. Jedoch mit dem Gegenwert einer umfangreicheren medizinischen Versorgung.

Breites Feld von Anwendungsmöglichkeiten

Daneben gibt es viele weitere mHealth-Anwendungsbereiche, wie z.B. Gesundheitsförderung und Prävention. Ernährungs-, Fitness- oder Rauchstopp-Apps, können einen gesunden Lebensstil unterstützen und eine gesundheitsfördernde Wirkung haben, sofern sie professionell gestaltet sind. Die Zahl solcher Apps nimmt ständig zu, die Qualität ist jedoch oft noch mangelhaft und es fehlt die Transparenz bei wichtigen Aspekten wie Datenschutz und -sicherheit.

Ein anderes Anwendungsgebiet sind mit einem Netzwerk verbundene medizinische Geräte. So existieren z.B. elektronische Stethoskope, welche die gemessenen Werte speichern und direkt an einen Computer oder in ein elektronisches Patientendossier übermitteln können. So können Arbeitsprozesse abgekürzt und vereinfacht werden.

Tendenziell hat die Schweiz bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens einen Rückstand auf andere Länder, wie die Indikatoren zu Gesundheit2020 im Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums OBSAN zeigen.

EHealth Suisse, das Koordinationsorgan von Bund und Kantonen für die Einführung des elektronischen Patientendossiers, hat mit einer Arbeitsgruppe Empfehlungen erarbeitet, wie die patientenseitig mobil erhobenen Daten in das elektronische Patientendossier übergetragen werden können und wie mHealth allgemein optimaler genutzt werden kann. Der Bericht „mobile health (mHealth) Empfehlungen I“ ist im März verabschiedet worden.

Rolle der öffentlichen Hand

Die öffentliche Hand hat die Aufgabe, nötige Rahmenbedingungen – z.B. in Bezug auf Interoperabilität oder rechtlich – zu schaffen und damit mehr Vertrauen zu schaffen für eine sichere und gewinnbringende Verbreitung von mHealth. Das Ziel ist, dass das Potenzial von mHealth für das Gesundheitssystem und die Bevölkerung optimal ausgeschöpft werden kann.


Referenzen

Albrecht, U.-V.: Kapitel Kurzfassung. In: Albrecht, U.-V. (Hrsg.), Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA). (2016). Medizinische Hochschule Hannover, S. 14–47. urn:nbn:de:gbv:084-16040811173. Link: http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=60004

Endl, R. et.al.. (2015). mHealth im Kontext des elektronischen Patientendossiers. Fachhochschule St.Gallen, Link: https://www.e-health-suisse.ch/gemeinschaften-umsetzung/ehealth-aktivitaeten/mhealth.html

Bundesamt für Gesundheit. Aktivitäten Gesundheit 2020, Webseite: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/strategien-politik/gesundheit-2020/aktivitaeten-gesundheit2020/handlungsfeld-versorgungsqualitaet.html , Zugriff 14.3.2017

eHealth Suisse. mobile Health (mHealth) Empfehlungen I (2017). Link: https://www.e-health-suisse.ch/gemeinschaften-umsetzung/ehealth-aktivitaeten/mhealth.html

Mobihelathnews.com. West Virginia hospital system sees readmission reductions from patient education initiative. Webseite: http://www.mobihealthnews.com/content/west-virginia-hospital-system-sees-readmission-reductions-patient-education-initiative, Zugriff: 13.3.2017

Mobihelathnews.com. Telemedicine news roundup: American Well announces two health system customers, Teladoc partners with Compass, and more. Webseite:
http://www.mobihealthnews.com/content/telemedicine-news-roundup-american-well-announces-two-health-system-customers-teladoc, Zugriff: 3.3.2017

Medinsight.ch. Wenn die Telemedizin die Kosten nach oben treibt. Webseite: https://www.medinside.ch/de/post/wenn-die-telemedizin-die-kosten-nach-oben-treibt, Zugriff: 20.3.2017

Obsan, BAG (2017). Indikatoren «Gesundheit 2020» – Aktualisierung 2017. Neuenburg. Link:
https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/nat-gesundheitsstrategien/gesundheit2020/prioritaet-g2020/g2020-indikatoren2016.pdf.download.pdf/gesundheit2020-indikatoren.pdf

World Health Organization WHO. (2011). mHealth: New Horizons for health through mobile
technologies. Geneva. Link: http://www.who.int/goe/publications/goe_mhealth_web.pdf

AUTOR/AUTORIN: Marc Raemy

Arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD) beim Bundesamt für Gesundheit und ist Ökonom.

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