Smartcity – was heisst das? – Ausgabe April 2017

Die Qualität einer Stadt als Lebensraum wird geprägt durch die Wechselwirkung zwischen gebautem Raum und sozialem Raum. Stadtentwicklungsforschung beschäftigt sich deshalb traditionell mit diesem Zweierverhältnis. In der digitalen Gesellschaft wird daraus neu ein Dreiecksverhältnis aus gebautem Raum, sozialem Raum und Informationsraum. Drei natürliche und zugleich relevante Forschungsfragen sind:

  • Wie wirkt sich der heute vorhandene Informationsraum auf die Stadt aus?
  • Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben die Stakeholder?
  • Nach welchen Grundsätzen und in welchem institutionellen Rahmen soll der Informationsraum durch die Stadtverwaltung gestaltet werden?

Wir stehen hier erst am Anfang der Forschung. Für die Definition von Begriffssystemen ist es noch viel zu früh. Wir können uns aber in der Forschung von früheren Ansätzen der Urbanistik leiten lassen.

Einen der jüngsten Referenzpunkte liefert das Handbuch „Urbane Qualitäten“, das aus dem Schweizer NFP 65 heraus geschaffen wurde. Es nennt sechs urbane Qualitäten (die jeweils drei Unterqualitäten entsprechen inhaltlich, aber nicht sprachlich dem Original):

  • Zentralität (logistische, funktionale, symbolische Qualitäten)
  • Diversität (Nutzung, Soziales, Eigentum)
  • Interaktion (Dichte, Intensität, Dauer)
  • Zugänglichkeit (Porosität, Regulierung, Kontextualität)
  • Adaptierbarkeit (Umnutzung, Umdeutung, Umbauen)
  • Aneignung (Nutzung, Gestaltung, Interpretation)

Alle sechs Qualitäten und praktisch alle achtzehn Unterqualitäten werden durch den Informationsraum beeinflusst. Nicht einmal die Porosität bleibt, was sie war. Denn das subjektive Erleben sich verändert, wenn ich dank Informationsdiensten weiss wo Durchgänge existieren. Es ist eben nicht nur das tatsächliche bauliche Sein, sondern auch das Wissen darüber, was das Erleben des Seins beeinflusst. Dazu kommt, dass einerseits mit Multimedia-Technologie die gebaute Stadt bewusst umgestaltet werden kann, wenn Flächen für Projektionen genutzt werden, und anderseits der Informationsraum ein interaktiver ist, der unter anderem Mitgestaltung und Spiele ermöglicht.

Das Vorhandensein des Informationsraums macht aber die Stadt nicht nur potentiell zu einer besseren Stadt mit höheren Qualitäten, sondern er bedroht auch das Wesen der Stadt in seinem Kern: Er droht der Stadt ihre Identität zu nehmen. Open Government Data (OGD) verspricht beispielsweise „Wir lassen weder Bürger noch Daten wandern, sondern Algorithmen!“ Das heisst, einmal lokal entwickelte Apps können global genutzt werden, wenn die offenen Daten globalen Standards entsprechen – und dass sie das irgendwann tun, das ist die grosse Vision der OGD Community. Auch beim Internet of Things (IoT) geht es ganz besonders darum, Standards zu etablieren – unabhängig ob eine freie Nutzung das Ziel ist. Der Effekt ist, dass „The Winner takes it all“ Effekte häufig werden. Wobei bei Totalstandardisierung oft KMUs gute Chancen haben, sich gegen Weltfirmen durchzusetzen, während bei Teilstandardisierungen IT-Giganten ideale Voraussetzungen finden noch gigantischer zu werden. Die mögliche Folge: Städte bekommen eine globalisierte Weltkultur übergestülpt – Stadtidentität war gestern.

Gut oder schlecht, das mögen andere bewerten. Wollen oder Nichtwollen ist nicht wirklich ein Thema. Können oder Nicht-Können hingegen sehr. Auch die Stadtentwicklung muss Digitalisierungsfähigkeiten aufbauen, wenn sie in Zukunft noch eine Rolle spielen will.

Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl

 

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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