Auf dem Weg zum datengetriebenen Ökosystem

Ein florierender Datenmarkt ist ein entscheidender Faktor für Beschäftigung, Wachstum und langfristiges gesellschaftliches Wohlergehen. Österreich hat dafür den Weg geebnet und fördert den Aufbau eines landesweiten Datenökosystems, das zunächst die nationalen Stakeholder wie Hochschulen, KMU und Industrie verbindet und später über die Grenzen hinweg ausstrahlen soll.

Wenn die Eidgenössischen Technischen Hochschulen Zürich und Lausanne ein nationales Zentrum für Datenwissenschaft gründen, dann muss es dafür gute Gründe geben. Tatsächlich wurde 2015 das Volumen der Datenwirtschaft in der EU auf 272 Mrd. EUR geschätzt und könnte bis 2020 7,4 Mio. Menschen in der EU Beschäftigung bieten, bei einem jährlichen Wachstumspotential von 5,6%. Vergleicht man diese Werte mit der schweizerischen oder europäischen Wachstumsrate wird klar, dass es sich um einen Markt mit hohem Potential handelt.

Durch Daten unterstützte Produkte und Dienstleistungen können unseren Alltag in vielen Bereichen verbessern, beispielsweise bei der Geschäftsanalyse, Wettervorhersage, Gesundheitsvorsorge oder im Verkehr. Eine Mitteilung der EU-Kommission vom Januar 2017, welche zahlreiche Hindernisse auf dem Weg hin zum europäischen Datenraum darlegt, betont die enorme Bedeutung von Daten für das Wachstum hin zu langfristigem gesellschaftlichen Wohlergehen. Die Studie des europäischen Zentrums für internationale politische Ökonomie (2017) deutet zudem auf zahlreiche rechtliche bzw. verwaltungstechnische Beschränkungen hin, vor allem in der Form der Verpflichtung zur Datenverarbeitung im Inland, die den gesamten europäischen Datenmarkt behindert. Würden diese Hemmnisse behoben, könnte dies das EU-weite BIP um bis zu 8 Mrd. EUR erhöhen.

Die Entfaltung eines nachhaltigen und tragfähigen Datenmarkts ist von einer Reihe von Faktoren abhängig. Aus rechtlicher Perspektive ist das Schutzniveau bei der Datenübermittlung in Drittstaaten von besonderer Bedeutung. Auch die Wirtschaftsstruktur eines Landes spielt eine entscheidende Rolle. Sind große Firmen vorherrschend, ist der notwendige Abstimmungsbedarf zum Datenaustausch geringer als bei einem sehr kleinteilig organisierten Wirtschaftsraum, welcher von KMUs geprägt ist.

Neben den genannten Rahmenbedingungen gibt es auch eine Reihe sozio-ökonomischer Faktoren, welche nicht unmittelbar beeinflussbar sind, wie beispielsweise das allgemein ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis oder die vorhandene Startup-Kultur.

In Österreich wurde 2016 das von der nationalen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützte Projekt Data Market Austria gestartet. Als Leitprojekt verfolgt es das Ziel, durch eine breite Einbindung von Stakeholdern aus Wissenschaft, KMU, Industrie und Markt-Unterstützern jene organisatorischen und technischen Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Österreich ermöglichen, einen nachhaltigen nationalen Datenmarkt aufzubauen. Die Projektpartner analysieren innerhalb der nächsten drei Jahre bestehende Hürden durch Forschung und Entwicklung. Zu Beginn findet eine rigorose Anforderungserhebung statt, welche unter anderem die aktuelle Situation der Datenverwendung sowie die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftstreibenden erfasst. Zentral sind folgende Fragen:

  • Wie werden Datenservices aktuell angeboten?
  • Welche Daten sind vorhanden?
  • Welche Charakteristika weisen diese Daten auf (personenbezogen, ortsbezogen, …)
  • Nach welchen Geschäftsmodellen erfolgen die Verrechnung oder die Weiterverwendung der Daten?

Die Anforderungserhebung wird dabei wesentlich von den Anwendungsfällen Erdbeobachtung (große und heterogene Daten) sowie Mobilität (ortsbezogene Daten und Daten welche mit hoher Frequenz generiert werden) getrieben.

Während die Zielarchitektur noch in der Detailplanung ist, wird das Projekt jedenfalls neuartige Möglichkeiten zu einem automatisierten und rechtsgültigen Zugriff auf Datenbestände evaluieren. Das von den Partnern in das Projekt eingebrachte Datenmaterial wird analysiert und Zusammenhänge automatisiert ermittelt. Den Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Datenmarkts können dadurch kontextbezogen Vorschläge zu interessanten Datensätzen angeboten werden. Der nachvollziehbar gestaltete und automatisch durchgeführte, rechtsgültige Abschluss von Rechtsgeschäften soll durch blockchain-basierte Ansätze unterstützt werden, wobei die Komplexität des Umsetzungskonzepts von den Marktteilnehmern abstrahiert wird. Unterstützende Basisdienste sind Kernelemente der Plattform und umfassen beispielsweise Module zur Messung und automatisierten Verbesserung der Datenqualität.

Abhängig von der Rolle des Datenmarkt-Teilnehmers als Lieferant von Daten, Services oder Infrastruktur, ist es die entscheidende Aufgabe des Brokers, diese Angebote zusammenzuführen und zukünftigen Marktkunden anzubieten. Das wirtschaftliche Potential muss gegeben und die Schwelle zur Konzeption neuer kommerzieller Dienstleistungen möglichst gering gestaltet sein. Broker-Services werden durch eine Recommender-Engine unterstützt und rechtsgültige Datengeschäfte weitgehend selbstständig auf Basis technologisch implementierter Musterverträge abgewickelt.

Das Projekt Data Market Austria ist konsequent offen konzipiert. Für interessierte Personen wird es die Möglichkeit geben, sich bereits während der Projektlaufzeit in verschiedenen Abstufungen/Intensitäten mit dem Projekt zu assoziieren. Der Wert eines Ökosystems steigt mit der Anzahl der Marktteilnehmer und nicht ausschließlich durch die Exklusivität der Teilnahme. So ist zur Mitte der Projektlaufzeit eine Zwischenfinanzierung für Startups geplant, die frühzeitig die Service- und Infrastrukturkomponenten des Datenmarkts verwenden können. Resultate aus der Nutzung des Ökosystems Data Market Austria werden zur laufenden Verbesserung herangezogen.

Als national gefördertes Projekt sind die teilnehmenden Partner österreichische Universitäten und Unternehmen. Dennoch steht außer Frage, dass ein digitaler Datenmarkt an nationalen Grenzen nicht Halt machen kann. Deshalb ist die Gründung eines Vereins in Planung, dessen Aufgabe die Vernetzung international vergleichbarer Initiativen zum frühzeitigen Erfahrungsaustausch ist. Eine konkrete Zusammenarbeit wurde mit dem Projekt Industrial Data Space (Deutschland) initiiert. Im Zentrum dieser Zusammenarbeit steht ein Austausch hinsichtlich der virtuellen Datenplattformarchitektur.

Die Schaffung des Datenökosystems wird nur unter Wahrung der rechtlichen Erfordernisse und unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Herausforderungen möglich sein. Die fortschreitende Automatisierung bewirkt bereits veränderte Arbeitsrealitäten, deren soziale Auswirkung nicht ausreichend von der politischen Diskussion erfasst wird. Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse von Wirtschaftswachstum durch Automation und Effizienzsteigerung sind ein Themenkomplex, welcher vom Projekt durch Analyse der sozialen und gesellschaftlichen Implikationen berücksichtigt wird. In diesem Bereich können nachhaltige Lösungen aber nur durch internationale Zusammenarbeit auf politischer Ebene erarbeitet werden.

AUTOR/AUTORIN: Johann Höchtl

Johann Höchtl arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung der Donau-Universität Krems. Als Projektpartner von Data Market Austria ist die Donau-Universität mitverantwortlich für die Ausarbeitung der rechtlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Datenqualität sowie von Möglichkeiten der Zugriffskontrolle auf Datensätze durch den Einsatz von Blockchain-Technologie.

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