Wertorientiertes E-Government – Ausgabe März 2017

Ich erinnere mich an einen Vortrag zu E-Government, dessen Punchline lautete: „Jeder ins E-Government investierte Euro muss sich rechnen!“ Ich teile diese Meinung nicht. Der Nutzen für das Gemeinwohl lässt sich nur selten finanziell bewerten. Wenn wir die Bewertung in Form einer Public Value Analyse im multidimensionalen Raum unterschiedlicher Wert-Arten und unterschiedlicher Stakeholder durchführen, liefert dies zwar ein wesentlich brauchbareres Ergebnis als eine alles in einen Topf werfende rein finanzielle Bewertung und trägt zum Verständnis der Wirkung eines Projekts bei, es nimmt den Verantwortlichen aber nicht die Entscheidung für oder gegen ein Projekt ab. Allenfalls hilft es, Widerstände zu antizipieren oder mögliche Unterstützer zu erkennen – und natürlich entlarvt es grob unsinnige Projekte als solche.

Hoffentlich sind Sie von meiner bescheidenen Meinung zu Nutzenrechnungen nicht allzu enttäuscht, geschätzte Leserinnen und Leser. Ich erkenne zwar an, dass Nutzenrechnungen und all ihre Verwandten die höchste Entwicklungsstufe der Bürokratie darstellen, manchmal auch die Magie der Bürokratie, aber sie können eben nur das gut, was eine gute Bürokratie gut kann: Fehler erkennen. Die klassischen Methoden, mit denen hochqualifizierte Entscheider sich davor schützen, dass sie sich selber hereinlegen, das sind genau die Techniken bürokratischen Entscheidens. Und eine Methode davon ist die Nutzenbewertung. Sie hilft uns das Falsche zu vermeiden. Sie hilft uns aber nicht das Richtige zu tun. Und schon gar nicht hilft sie uns, die wichtigen Innovationen zu entwickeln.

Die Entwicklung von wichtigen Neuerungen im E-Government basiert erstens häufig auf Bewertungen von Lösungsdesigns, denen Werthaltungen im hochkomplexen Kosmos des E-Government – mit unterschiedlichen Ideen, Stakeholdern, Wert-Arten, disziplinären Perspektiven und den Dimensionen Skalierung und Zeit – zugrunde liegen. Zweitens basiert sie auf Emergenz – wobei ich hier nicht die designte Emergenz meine (wie sie sich z.B. in Kommunikationsprotokoll-Stacks und Maschinen-Stacks äussert), sondern jene Emergenz, die darin besteht, dass eine Lösung ihr Problem findet oder neue, ungeplante Nutzungsformen entstehen. Die Geschichte des Handwerks lehrt uns dabei, dass Emergenz oft die Folge unsinnig hoher, letztlich verschwenderischer Qualität ist. Drittens schliesslich entstehen wichtige Neuerungen durch das Zerschlagen von Strukturen, die zu Zeiten optimal waren, als die Technologie wesentlich weniger weit war als heute – Strukturen also, die ihren Wert verloren haben.

Wir haben es also erstens mit schwer fassbaren Werthaltungen zu tun, die auf Fachexpertise beruhen; zweitens mit unbeabsichtigter Wertgenerierung, die sich im Nachhinein als nützlich erweist; und drittens mit verlorenen Werten. Das ist alles andere als einfach, aber es kommt der Wahrheit viel näher, als Nutzenbuchhaltung. Deren grosser Auftritt sollte vor allem in der Einführungsphase kommen, in der es darum geht, den Nutzen der Innovationen tatsächlich zu sichern. Dabei sollte man vor allem auf numerisch oder mindestens qualitativ messbare Werte schauen. Diese können dann tatsächlich zur Steuerung verwendet werden, nämlich zur Steuerung der praktischen Realisierung des angestrebten Nutzens.

So weit, so grundsätzlich. In dieser Ausgabe präsentieren wir ihnen gleich zu Beginn einen sehr wertvollen und gleichzeitig ganz und gar nicht netten dreiteiligen Beitrag zum Thema Wertzuweisung von Herbert Kubicek. Danach werden viel nettere, natürlich ebenfalls wertvolle Beiträge folgen. Am meisten würde uns freuen, wenn es zum einen oder anderen kritische Kommentare gäbe.

Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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