Von Chamäleons und Lämmern

Stakeholder sind Interessenvertreter. Besonders wichtige Stakeholder sitzen in Projektausschüssen. Ihr bisweilen sonderbares Benehmen veranlasst zu einem Vergleich mit sonderbaren Tieren. Klar ist, wie sich diese Spezies von Stakeholdern zu benehmen und was sie zu tun hat. Untersuchungen zeigen, dass «Executive Management Support» einer der wichtigsten Faktoren für den Projekterfolg ist (vgl. 1).
Heute berichten wir von einem unbekannten Wesen, das sein bekanntes Unwesen treibt, seit es Projekte und Projektstakeholder gibt.

Das Biotop des Chamäleons

Zunächst müssen wir aber kurz erklären, was ein Projekt und was ein Projektstakeholder  ist:  Ein  Projekt  ist  ein  Vorhaben zwecks Erstellung eines neuen Produkts oder einer neuen Dienstleistung. Also umfasst ein Projekt nicht ganz alltägliche Aktivitäten, es begibt sich gewissermassen auf Neuland. Pionierarbeit ist mit Risiken verbunden, sie kostet Geld, Ideen, Zeit usw. Damit nichts schiefläuft, braucht es einen Projektleiter.

Ein Stakeholder ist jemand, der über irgendein Interesse am Projekt verfügt, egal ob Befürworter oder Gegner. Der wichtigste Stakeholder ist zweifellos der Projektleiter, zumindest glaubt er das.

Jedes anständige Projekt wird von einem Projektausschuss beaufsichtigt. Gerade in diesen Gremien residieren Projektstakeholder (vgl. 2) vom Typus Chamäleon. Ein Chamäleon zeichnet sich dadurch aus, dass es unglaublich agil ist, über ein 360-Grad-Blickfeld verfügt, für seine Gegner immerzu durch perfekte Anpassung an die Umgebung unsichtbar bleibt, dass es extrem scharfzüngig ist und – das Allerwichtigste – sich bei nahender Gefahr blitzschnell vom Acker machen kann. Nicht selten gilt die Faustregel «Je höher auf der darwinistischen Karriereleiter, desto Chamäleon».

Hilfe  für  notleidende  Projekte
Was geschieht, wenn ein Projekt in Schwierigkeiten gerät? Hand aufs Herz: Kennen Sie namhafte Projekte, die nicht in Schwierigkeiten geraten sind? Eben. Einem Projekt in Schieflage wird «geholfen». Zuerst muss der Projektleiter viel mehr und viel genauer berichten (das Chamäleon muss die ganzen 360 Grad nutzen können), dann wird dringend von der unseligen roten Statusfarbe abgeraten («Was soll das?! Bei uns ist nie ein Projekt rot.»), weiter wird heftig an den A/K/V (Aufgaben, Kompetenzen, Verantwortungen) laboriert. Schliesslich wird der Projektleiter zum Schafott geführt, und zu guter Letzt nimmt das Chamäleon das Steuer selber in die Hand. Damit ist das Projekt definitiv tot, somit bleibt nur noch die Option des blitzschnellen Abflugs.

Änderungen an den A/K/V kommen in erster Linie dank der Mehrdeutigkeit der Begriffe zustande: Das Chamäleon gibt auf und gibt dem Projektleiter zusätzlich seine eigenen Aufgaben auf. Wegen Inkompetenz entzieht das Chamäleon dem Projektleiter sämtliche an sich schon arg knappen Kompetenzen; im Austausch dafür erhält der Projektleiter aber die volle Verantwortung für das Projekt, bis dieses an die Wand klatscht. Viel später, wenn die Trümmer des Projekts beiseitegeschafft sind, hat das Chamäleon erneut einen glanzvollen Auftritt: Es beteuert und bedauert, leider von überhaupt nichts gewusst zu haben, und übernimmt für sein Nichtwissen die volle Verantwortung, besser bekannt unter dem Titel: «Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit». Die sagen dem auch «Turn- around».

Nun kommen die Lämmer ins Spiel. Lämmer sind jene Stakeholder, die nichts zu sagen haben,  üblicherweise die  Steuerzahler. Ihrer bedient man sich immer dann gerne, wenn es grössere Unfälle und Verbrechen zu beheben gilt (ohne näher auf Details einzugehen, sei erwähnt, dass Ähnlichkeiten mit real existierenden oder toten Projekten durchaus beabsichtigt sind) oder grössere Defizitlöcher zuzuschütten sind.

Anti-Chamäleon und Appenzeller Alpenbitter
Bleibt also die Frage, über welche Charakteristika denn ein Mitglied eines Projektausschusses (nennen wir dieses Herr K.) tatsächlich verfügen muss. In erster Näherung stellen wir fest, dass ein solches Mitglied nicht selber Ausschuss sein darf und dass es – mit Ausnahme des 360-Grad-Blicks – ein Anti-Chamäleon sein muss:

  • Herr K. sollte selber schwierige Projekte geleitet haben und wissen, wie es sich anfühlt, von einem Chamäleon im Stich gelassen worden zu sein.
  • Herr K. muss wissen, dass er der wichtigste Stakeholder ist, insbesondere was die Verantwortung angeht. Er muss den Projekterfolg ebenso sehr «wollen» wie das Projektteam und nicht nur «mal schauen».
  • Herr K. muss sich zuallererst um das Projekt kümmern, er muss Bescheid wissen, er muss sich mit den übrigen Stakehol- dern befassen. Er müsste gar in der Lage sein, das Projekt selber zu führen.
  • Herr K. muss zusammen mit dem Projektleiter und dem Team für das Gelingen des Projekts kämpfen und darf nicht selbige bekämpfen. Das gilt ganz besonders für Projekte in Schwierigkeiten. Dass ein Projekt früher oder später in Schwierigkeiten gerät, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
  • Herr K. muss mit dem Legehennen-Gen ausgestattet sein. Er muss das Projekt, das Team und den Projektleiter schützen und stützen. Kennen Sie Legehennen, die anderen Wesen in den Hintern treten?
  • Herr K. sollte niemals Risiken eingehen, die er im Falle einer Havarie nicht selber zu tragen bereit ist.
  • Herr K. muss Entscheide fällen. Wenn es falsche Entscheide waren (was an sich keine Schande ist), muss er dazu stehen und bei der Reparatur aktiv mithelfen.
  • Herr K. muss bereit sein, die für das Projekt günstigsten Positionen auszuhandeln. Seine eigene Position ist immer sekundär.
  • Wenn es wirklich nicht mehr anders geht, muss Herr K. bereit sein, ein missratenes Projekt zu stoppen. Mit allen Konsequenzen und ohne Rücksicht auf die eigene Reputation.
  • Und sollte das Projekt zum Erfolg werden, gönnen wir Herrn K. die Lorbeeren. Das Weiterreichen einiger dieser Lorbeeren zeugt dann von wahrer Grösse.

Ein Anti-Chamäleon muss also genau jene Eigenschaften aufweisen, die auf jeder Flasche Appenzeller Alpenbitter vermerkt sind: Charakter, Persönlichkeit und Stil. Sonst ist es eben nur eine Flasche.


Literatur

  1. Johnson, Jim; My Life is Failure: 100 Things You Should Know to Be a Better Project Leader; Standish Group Intl; 2006
  2. Vorsicht mit der Schreibweise: Ein Steakholder ist etwas völlig anderes. Obwohl bekannt ist, dass in fast jedem Projekt gewisse Stakeholder früher oder später wie Steaks grilliert werden.

 

AUTOR/AUTORIN: Ernst Menet

Schwerpunktverantwortlicher Design for Future System Fitness, BFH-Zentrum Digital Society.
Dozent für Projektmanagement, Departement Wirtschaft, Berner Fachhochschule

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