Open Government Data für barrierefreie Anwendungen am Beispiel einer App für Blinde

Behörden stellen Daten zur Sekundärnutzung als Public Sector Information zur Verfügung, (barrierefreie) Anwendungen können diese nutzen und so einen Mehrwert schaffen. In diesem Beitrag stehen Anforderungen an die Bedienbarkeit einer Blinden-App zur Orientierung in Städten wie auch Anforderungen an die Daten im Fokus. Neben den weitverbreiteten Points of Information werden Points of Orientation und eine unterstützende Architektur diskutiert, die als Open Government Data oder im Crowd-basierten Ansatz zur Nutzung bereitstehen. Im Rahmen eines Verbundprojektes ist die Umsetzung einer funktionstüchtigen App unter Verwendung einer nachhaltigen Datenplattform geplant.

Behörden erheben, sammeln, produzieren und verwenden Daten aller Art, beispielsweise demografische, wirtschaftliche, geografische und meteorologische Daten. Diese öffentlichen Informationen (Public Sector Information, PSI) können unter Zuhilfenahme von IKT einen wesentlichen Mehrwert für Dienstleistungen und Produkte generieren. Eine OECD-Studie (vgl. 1) zeigt positive Auswirkungen unter anderem für ökonomische, soziale und kulturelle Lebensbereiche auf. Zwischenzeitlich haben sich auf unterschiedlichen staatlichen und kommunalen Ebenen Portale zur Bereitstellung von Open Government Data (OGD) etabliert (allen voran USA und GB). Es gibt zahlreiche Anwendungen in Form von Websites oder Apps.

In diesem Beitrag stehen Navigationssysteme für Blinde und Menschen mit visuellen Einschränkungen im Vordergrund. Entsprechende GPS-basierte Apps sind weitverbreitet, zum Beispiel myway (vgl. 2) vom Schweizer Blindenverband oder blindsquare.com. Diesen Anwendungen ist gemeinsam, dass sie Informationen zu Points of Interest (POI) zum Beispiel aus OpenStreetMap nutzen und in Kombination mit Sprachausgabe und barrierefreier Bedienung grosse Akzeptanz erreichen. Crowd-Sourcing-Ansätze sowie die Eingabe eigener POI ermöglichen verbesserte und individualisierte Navigation.

Verbesserte Orientierung für Blinde
Zur Orientierung von Blinden sind übliche Standard(sprach) ausgaben über Kreuzungen, Abzweigungen etc. nicht ausreichend, da die Umgebung nicht visuell wahrgenommen werden kann. Navigationssysteme für Blinde bieten zusätzliche Informationen über die unmittelbare Umgebung, zum Beispiel das Vorlesen von Routen zum nächsten POI je nach gewünschter Richtung, die sogenannte Turn-by-Turn-Routenführung. In einem Vergleich von fünf verbreiteten iOS-Navigations-Apps (vgl. 3) sind weitere Funktionalitäten aufgelistet, darunter eine «Wo-bin-ich?»-Funktion, eine «Route-verlassen»-Warnung, eine Routenaufzeichnung und die Möglichkeit, eigene POI anzulegen.

Da Art und Dichte von POI abhängig sind von vorhandenen Datenquellen, ist die Qualität der Orientierungs- und Navigationsdienste unterschiedlich. Vielversprechend scheint die zusätzliche Nutzung von OGD zu sein, da zum Beispiel in Städten Informationen über Brunnen, Leitlinien, akustische Ampeln, Bäume, Oberflächenbeschaffenheiten von Fusswegen etc. vorliegen, die als Points of Orientation (POO) in Anwendungen eingehen können. Olfaktorische Daten wie typische Gerüche (von Bäckereien) oder akustische Daten können ebenfalls zur Orientierung beitragen. Derzeit ist nicht ausreichend geklärt, inwiefern POI und POO in Navigationssystemen für Blinde einen tatsächlichen Nutzen bringen.

Erhebung von Anforderungen
In Zusammenarbeit mit der Stiftung für Barrierefreiheit, Zugang für alle (Zürich), sowie der Hochschule Ostschweiz (Rapperswil) mit Expertise in Geoinformationssystemen sollen im Rahmen des BLUSON-Projekts (s. Infokasten) die Anforderungen sowohl an die barrierefreie Bedienbarkeit einer Blinden-App zur Orientierung in Städten wie auch an sinnvolle und notwendige OGD-Daten ergründet werden. Zum Nachweis des Nutzens soll eine mobile Applikation entwickelt werden, wobei OGD der Stadt Zürich in enger Zusammenarbeit mit der Open-Data-Gruppe des Amtes für Statistik zur Anwendung  kommen.

In einem iterativen nutzerzentrierten Vorgehen sollen umgekehrt auch Anforderungen an zu bereitstellende Daten identifiziert werden, die im gegebenen Kontext einen Mehrwert bieten. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen ermöglichen bei entsprechender Akzeptanz eine Leuchtturmwirkung in Bezug auf die Öffnung von Daten in anderen Städten und Gemeinden.

Noch mehr Daten durch Crowd-Sourcing
Der weitverbreitete Ansatz, weitere Daten als Volunteered Geographic Information (VGI) (vgl. 4) Crowd-basiert zu integrieren, wird ebenfalls evaluiert und deren Integration vorbereitet. Den Vorteilen einer möglicherweise grösseren Flächenabdeckung sind allerdings Betrachtungen zur Sicherstellung der Abdeckungsquote und Datenqualität gegenüberzustellen (vgl.5), damit nicht wie beispielsweise in OpenStreetMap Bereiche unterschiedlicher Nutzbarkeit entstehen. Es wird angestrebt, die Qualität bei der Integration von VGI-Daten durch Workflowprozesse zu sichern. Typische CRM-Funktionalitäten tragen dazu bei, Daten zu homogenisieren und zu verwalten, die durch unterschiedliche Datenlieferanten bereitgestellt werden.

Homogenisierung durch eine Datenplattform
Die Nutzung unterschiedlicher Datenformate in unterschiedlicher Qualität sowie der Einbezug von VGI-Daten und die Regelung durch Workflowprozesse, wie oben geschildert, legen eine Kapselung der dazu notwendigen Mechanismen nahe. Im Hinblick auf die Wiederverwendbarkeit des Ansatzes für ähnlich gelagerte Szenarien und Anwendungen ist eine Datenplattform geplant, eine AAGDP (Aggregated Accessibility Geo Data Platform), die zwischen den Datenquellen und der Anwendung vermittelt und somit eine klassische Abstraktionsschicht darstellt. Durch programmtechnische Schnittstellen (API) können ohne Änderung der Anwendung zusätzliche Datenquellen eingehängt werden, zum Beispiel für weitere Städte.

bluson-projekt

Abbildung 1: Systemarchitektur des BLUSON-Projekts

Abbildung 1 zeigt, dass umgekehrt die AAGDP auch anderen Anwendungen die Datennutzung ermöglicht, ohne dass sich diese Anwendungen um Details der Anlieferung, Qualität etc. kümmern zu müssen.

Stand des Projekts und Ausblick
Im Rahmen einer Bachelorarbeit (vgl. 6) wurden Möglichkeiten zur Integration von POO mit OGD der Stadt Zürich erprobt. Als Proof of Concept entstand eine Webapplikation, die bei mehreren Projektvorstellungen auf reges Interesse stiess. Für den Praxiseinsatz allerdings blieben dabei viele Fragen offen, sowohl zum barrierefreien Design der Anwendung als auch zu den im Artikel genannten Betrachtungen über eine unterstützende Datenplattform.
Die Ergebnisse des BLUSON-Projekts sollen einen positiven Beitrag zu einer politisch gewollten inklusiven Gesellschaft liefern. Selbstständige Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und bessere Lebensqualität, insbesondere für Menschen mit Einschränkungen. Die Ergebnisse dienen auch der Verbesserung der sozialen Interaktion und bergen damit einen öffentlichen  Mehrwert.

Die Systemarchitektur ist nicht spezifisch auf das in diesem Beitrag geschilderte Anwendungsszenario ausgelegt. Deshalb können die Projektergebnisse auch auf Anwendungen für andere Benutzergruppen übertragen werden, zum Beispiel solche für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer oder für Familien, die familienfreundliche Routen in Städten suchen.


BLUSON – ein Projektakronym für «Blind Users’ System for Orientation and Navigation»

Die Projektidee entstand mit dem Partner des abgeschlossenen EU-Projekts TAO (thirdageonline.eu), der Stiftung Zugang für Alle (ZfA) (Zürich), die Gestaltungs- und Analyseexpertise im Bereich Barrierefreiheit hat. Zur Realisierung konnte mit Prof. Stefan Keller vom Geometa Lab der HSR Hochschule Rapperswil ein Umsetzungspartner gewonnen werden. ZfA hat aus Erfahrung mit Blin- den und Sehbehinderten deren Bedürfnis nach verbesserter Orientierung und Navigation in Städten als prioritär identifiziert. Unter Leitung des E-Government-Instituts wird eine solide Methodik zur Anforderungserhebung für dieses Projekt entwickelt. Zur weiteren Förderung ist ein Projektantrag bei der Hasler-Stiftung eingereicht.


Quellen

  1. Vickery G./Wusch-Vincent S.: OECD Report on Public Sector Information. 2006. http://www.oecd.org/internet/ieconomy/36481524.pdf. Zugriff : 16. April 2014.
  2. https://itunes.apple.com/ch/app/myway-lite/id494516234?mt=8 (SBV, Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband).
  3. http://www.incobs.de/tests/items/ios-gps-apps.html.
  4. Goodchild, M.F./Li, L.: Assuring the Quality of Volunteered Geographic Information. In: Spatial Statistics 1 (2012). S. 11–120. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2211675312000097?np=y. Zugriff : 16. April 2014.
  5. Neis, P./Zielstra, D./Zipf, A.: Comparison of Volunteered Geographic Information Data Contributions and Community Development for Selected World Regions. In: Future Internet 2013, S. 282–300. http://www.mdpi.com/1999-5903/5/2/282. Zugriff : 16. April 2014.
  6. Rothauser, G./Schmucki, J.: Accessible Map App; Bachelor Thesis, HSR Hochschule Rapperswil, Geometa Lab/IFS, Dezember 2013.

 

AUTOR/AUTORIN: Eduard Klein

Eduard Klein ist Dozent im Institut "Public Sector Transformation" des BFH-Departements Wirtschaft. Er lehrt und forscht im Bereich Wirtschaftsinformatik, speziell über Webtechnologien und Software Engineering. Seit über 10 Jahren ist er an grösseren EU-Projekten beteiligt, zuletzt im Bereich Smart City Innovation. Ausserdem entwickelt und betreut er Kooperationen zu ausländischen Partnerhochschulen im Bachelorstudiengang Wirtschaftsinformatik.

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