Good Practices und Bad Practices – nicht bei uns!

Der Architekt Christopher Alexander beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Zimmer, Häuser, Stadtteile und ganze Städte gebaut sein müssen, damit sie Lebendigkeit vermitteln. Ergebnis seiner Forschung war unter anderem ein Buch für traurige und frustrierte Menschen – das mit Sara Ishikawa und Murray Silverstein (Mitarbeit: Max Jaconson, Ingrid, Fiksdahl-King, Shlomo Angel) verfasste Buch «A Pattern Language», das in tristen Stunden gelesen fröhlich und heiter macht.

In diesem Buch stehen keine Best Practices, sondern häufig vorkommende Good Practices, das heisst Architekturlösungen, die sich bereits oft bewährt haben. Viele dieser Architekturlösungen sind keine Genietaten von Architekten, sondern Alltagsvernunft. Andere gehören zum hoffentlich selbstverständlichen Grundwissen von Architekten. Manche sind auch eher esoterisch, man mag mit ihnen nicht immer etwas anfangen. Fast alle aber regen zum Nachdenken an – darüber, was bei Gebäuden und Städten funktioniert und was nicht.

Ähnlichkeit mit Cage
Christopher Alexanders Umgang mit dem Gebauten erinnert an John Cages Verhältnis zum Klingenden – so sehr Architektur und Musik auch Gegensätze sind, da Gebautes auf Beständigkeit zielt und Klingendes auf Vergänglichkeit (Musik erklingt und verklingt, und das ist ein wesentlicher Teil ihres Reizes). Cage fordert auf, bei Geräuschen genau hinzuhören, um ihre Schönheit zu erkennen, und er hat Zufallskompositionen geschaffen, die dem Komponisten die Wichtigkeit nehmen. Alexander fordert auf, sich Gebautes genau anzuschauen, um die architektonische Schönheit im Nichtspektakulären zu erkennen, und er hat Prinzipien für gutes Design entwickelt, die dem Architekten in gewisser Weise ebenfalls die Wichtigkeit nehmen.

Alexanders Bedeutung
Der Grund, warum Alexander für E-Government wichtig ist, ist zuallererst ein historischer. Die Muster-Sprache von Alexander inspirierte die Design Patterns der Informatik («Design Patterns» der sogenannten Gang of Four) und über diese die Entwicklung von Muster-Sprachen in allen Bereichen der Informatik und ihrer Anwendungen. Ausserdem wurden in der Informatik auch Antimuster-Sprachen entwickelt, die Bad Practices beschreiben. Bad Practices sind nicht etwa absonderliche Fehler im Design von Informatiklösungen, sondern häufige Fehler, die schweren Schaden anrichten.

Ähnlich wie die Muster-Sprachen nicht über jeden Zweifel erhaben sind, weil sie gelegentlich Sinn esoterisch behaupten, so sind auch die Antimuster-Sprachen nicht immer frei vom Verdacht, der Ausübung von Rache zu dienen. Wer ein Antimuster-Sprache-Buch schreibt, mag versucht sein, die eine oder andere Rechnung zu begleichen. Häufiger feiern freilich unnötige Präzision oder politische Korrektheit Urständ und führen zu langatmigen Beschreibungen.

Die Leere des E-Governments
Man würde nun erwarten, dass es auch im E-Government zahlreiche Bücher über Good Practices und Bad Practices gibt. Aber weit gefehlt. Einerseits gilt noch immer das Best-Practice-Paradigma, das heisst, dass Lösungen nur solange interessant sind, als sie besonders fortschrittlich sind. Wobei – und das ist besonders stossend – schlecht gebaute Vorzeigelösungen als Beispiele mehr interessieren als wirklich ausgezeichnete Lösungen, die eventuell erst Jahre nach der Erstimplementierung entstehen. Anderseits gelten Bad Practices als No-Go, weil man ja dazu konkrete Beispiele liefern muss und diese Beispiele eben Beispiele von gemachten Fehlern sind, die Einzelne zu verantworten haben. Das aber ist als Personenkritik verpönt. Das Ergebnis ist eine grosse Leere in der Lehre des E-Governments – ohne Richtig oder Falsch.

Richtige und falsche Empathie
Würde man mehr Empathie gegenüber der Sache an sich praktizieren – statt Einfühlungsvermögen in die Befindlichkeiten jener, die sie verderben (ich nehme mich hier nicht aus) –, dann könnte E-Government endlich zu einer professionellen Disziplin werden, zum Nutzen für die Sache. Es ist in vielen Disziplinen eine Selbstverständlichkeit, dass Vertreterinnen und Vertreter ihres Fachs erstens Standardlösungen für Probleme einsetzen, die Amateure gar nicht sehen (professionelles Arbeiten nutzt viele Muster), und zweitens schlechte Lösungen erkennen. Nur im E-Government ist derlei unbekannt. Drittens würden unbefriedigende Lösungen, die aufgrund fehlender besserer Alternativen in der Praxis eingesetzt werden, nicht mehr so oft von besserwisserischen Wissenschaftern zu Unrecht kritisiert.

Sprache für das E-Government
Es wäre darum an der Zeit, die bisherige Undifferenziertheit von guten und schlechten Lösungen und die trendige Wertorientierung im E-Government (OGD gut! Mobile guuut!) hinter sich zu lassen. Wir sollten uns stattdessen mit der Frage beschäftigen, was Good Practices und was Bad Practices im E-Government sind, und dieses Wissen dann den E-Government-Spezialisten vermitteln. Wichtig wäre vor allem, dass in Zukunft ganz genau hingeschaut wird, was Qualität ausmacht, und dass man sich nicht davor scheut, über Fehler zu reden. Was wir brauchen, sind eine Muster-Sprache und eine Antimuster-Sprache für das E-Government – mit eigenen Dialekten für Projektmanager, Lösungsdesigner, Ingenieure und Juristen.

AUTOR/AUTORIN: Reinhard Riedl

Reinhard RiedlReinhard Riedl leitet das BFH-Zentrum Digital Society und gibt das Online-Magazin SocietyByte heraus. Er ist Co-Leiter des Instituts Digital Enabling der BFH Wirtschaft und war Präsident der Schweizerischen Informatikgesellschaft sowie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik Bern IGNM.

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