Datenstandards von eCH unterstützen die Zusammenarbeit aller Beteiligten im E-Government

Für die Schweizer Behördenlandschaft gilt das Subsidiaritätsprinzip. Dies führt in sehr vielen Bereichen zu dezentralen Strukturen. Im Unterschied zu zentralen Strukturen implizieren diese einen hohen Bedarf an Datenaustausch zwischen den Informationssystemen der verschiedenen Behördenebenen. eCH (vgl. 1) fördert den Austausch der interessierten Stakeholder (Behörden, Unternehmen, Hochschulen), um sachdienliche Spezifikationen für E-Government-Lösungen zu erstellen. Der vorliegende Bericht adressiert die Herausforderung der Standardisierung von Daten.

Daten entlang der Kernfähigkeiten von Behörden
Behörden sind in sehr vielfältigen und breiten Bereichen aktiv. Will man Standards zu ihren Tätigkeiten bereitstellen, lohnt es sich, dies entlang ihrer Kernfähigkeiten zu tun. «eCH-0122 Architektur E-Government Schweiz: Grundlagen» (vgl. 2) gibt in Abschnitt 4.2 eine Übersicht über die oberste Ebene der Geschäftsfähigkeiten von Behörden. Diese Fähigkeiten sind unterteilt in:

  • Managementfähigkeiten, die die behördeninterne und -übergreifende Koordination unterstützen. Beispiele sind Planung, Prozesse, Analytik …
  • fachliche Kernfähigkeiten, die die inhaltlichen Behördentätigkeiten umfassen. Beispiele hierfür sind Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft …
  • fachliche Kernfähigkeiten mit Voraussetzungscharakter, die inhaltliche Behördentätigkeiten umfassen, die für andere wesentliche Voraussetzungen darstellen. Beispiele hierfür sind Einwohnerinnen und Einwohner, Unternehmen, Geoinformationen …
  • allgemeine Dienste, die die Behörden in der Erbringung ihrer Aufgaben unterstützen. Hierzu gehören Finanzen, Personal, Geschäftsabwicklung …

Für all diese Kernfähigkeiten lassen sich Datenstandards erstellen. eCH agiert als Organisation sehr bedarfsorientiert. So zeichnen sich bezüglich Datenstandards bisher zwei Bereiche aus. Die Kernfähigkeiten mit Voraussetzungscharakter (vgl. Abbildung 1) umfassen Tätigkeiten, die mit dem Führen von Registern assoziiert werden. In diesen Bereich fällt ein grosses Set von bestehenden eCH-Standards.

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Abbildung 1: Übersicht Kernfähigkeiten mit Voraussetzungscharakter (nach eCH-0122)

Ein hoher Nutzen ist auch von der Standardisierung der allgemeinen Dienste zu erwarten. Sie fokussiert sich hier auf die Geschäftsabwicklung (vgl. Abbildung 2).

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Abbildung 2: Übersicht Geschäftsabwicklung (nach eCH-0122)

 

Der Bedarf der Standardisierung der weiteren allgemeinen Dienste ist gering, zumal diese sich nicht wesentlich von den entsprechenden Tätigkeiten in der Wirtschaft unterscheiden.

Realwelt – Semantik – Schnittstelle
Es stellt sich die Frage, welche Art von Daten denn tatsächlich standardisiert werden sollen. Die primäre Erwartung ist, dass die Schnittstelle zwischen Informationssystemen zu standardisieren sind. Abbildung 3 zeigt das Informationsmodell aus «eCH-0171 Qualitätsmodell der Attributwertbestätigung zur eID». Ganz rechts sind in Dunkelblau die zentralen Elemente der Schnittstelle dieses Standards dargestellt. Die Spalte Semantik zeigt die Bedeutung der Schnittstellenelemente. Die Semantikelemente persistieren typicherweise in Informationssystemen (möglicherweise wie in diesem konkreten Beispiel verteilt über viele Informationssysteme).
Dem Kontinuitätsprinzip folgend benennt man in der Informatik die Elemente der Semantik normalerweise gleich wie die der Realwelt. Entsprechend wird konsequent auf die Darstellung der Realwelt in Modellen verzichtet. Die Semantik soll ja schliesslich die Realwelt abbilden. Im Kontext der IAM-Standards wird dieses Prinzip aber nicht angewandt. Im IAM werden (wie in Abbildung 3 dar- gestellt) die Elemente der Realwelt separat dargestellt. Damit wird klargestellt, dass es sich bei den Semantikelementen um Informationselemente handelt, die nicht mit den Realweltobjekten verwechselt werden dürfen. Bei einer Authentifikation muss sich das Subjekt authentisieren, nicht die eIdentity.

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Abbildung 3: Informationsmodell (nach eCH-0171)

Bei eCH werden die Elemente der Semantikebene oft in sogenannten Datenstandards beschrieben und die Schnittstellen entsprechend in Schnittstellenstandards. Bei der Erstellung geniessen Datenstandards üblicherweise Priorität gegenüber den Schnittstellenstandards, weil diese ein eingeschränkteres Anwendungsfeld haben. Damit kann auch die Konsistenz zwischen verschiedenen Schnittstellenstandards, die sich auf die gleichen Daten beziehen, verbessert werden. Damit ein Attribut in allen Schnittstellen gleich codiert wird, wird im Datenstandard manchmal das Austauschformat für das Attribut auch gleich angegeben (z.B. in eCH-0011, Abschnitt 4.3.2.2 firstName – Vornamen, Austauschformat: eCH-0044:baseNameType).

Sehr wesentlich sind bei den Schnittstellen die Identifikatoren, die eine bestimmte Instanz der Realität eindeutig bezeichnen. Ihnen kommt in der organisationsübergreifenden Zusammenarbeit eine herausragende Bedeutung zu. Wenn die Instanzen abschliessend bezeichnet werden können, werden diese auch entsprechend standardisiert (vgl. z.B. eCH-0007:cantonAbbreviationType als Identifikator für einen Kanton). Für die anderen Identifikatoren müssen die Behörden entsprechende Verzeichnisse führen (vgl. z.B. eCH-0097:organisationId als Identifikator für eine UID-Einheit).

Beschreibungssprachen
eCH verwendet, soweit möglich, international anerkannte Standards. Für die Beschreibung von Daten wird in den Standards entweder die Unified Modelling Language (UML) (vgl. 3) oder ein XML-Schema (vgl. 4) verwendet. Dabei wird UML eher für Übersichtsdiagramme verwendet. XML-Schemas werden besonders da verwendet, wo die konkrete Spezifikation von XML-Dokumenten, wie sie an Schnittstellen ausgetauscht werden, das Hauptanliegen ist. Die Best Practice «eCH-0035: Design von XML-Schemas» gibt viele Hinweise zur Gestaltung von XML-Schemas im Kontext von eCH (und darüber hinaus).
Soweit möglich und vorhanden, werden unter http://www.ech.ch/xmlns die zu den Standards zugehörigen XML Schemas versioniert publiziert. Diese bleiben dort, bis ein Standard aufgehoben wird.

Prozess
Die Fachgruppe Meldewesen hat bisher die meisten Daten- und Schnittstellenstandards für eCH erstellt. Durch die Inkraftsetzung des Bundesgesetzes über die Harmonisierung der Einwohnerregister und anderer amtlicher Personenregister (Registerharmonisierungsgesetz vom 23. Juni 2006) ist ein sehr grosser Standardisierungsbedarf entstanden. Die Umsetzung des Gesetzes hat die Integration der SW-Systeme der verschiedenen föderalen Ebenen und damit auch die Standardisierung der auszutauschenden Daten sehr stark vorangetrieben. Um mit den Veränderungen im Kontext Schritt zu halten, werden die Standards zum Teil jährlich aktualisiert. So ist z.B. «eCH-0011: Datenstandard Personendaten» inzwischen bei Version 8.1.

Die konsequente Bearbeitung der Änderungsanträge (Request for Change, RfC) und die Verabschiedung der voneinander abhängigen Dokumente sind in der Zwischenzeit eine Aufgabe für sich geworden, von deren korrekten Umsetzung sehr viele Behörden und ihre SW-Lieferanten direkt abhängen. Das organisationsübergreifende Änderungsmanagement stellt die Beteiligten vor entsprechende Herausforderungen.

Nutzung
Die Erstellung und Pflege der Datenstandards im Bereich der Kernfähigkeiten mit Voraussetzungscharakter (vgl. Abbildung 1) zeigt, wie aufwendig die Integration von SW-Lösungen in föderalen Strukturen sein kann. Die hohe Reichweite dieser Datenstandards – sie werden schliesslich in allen Behördengängen mehr oder weniger intensiv genutzt – fordert alle Beteiligten. Ihre breiten Nutzungsmöglichkeiten führen aber gleichzeitig zu einer enormen Effektivitäts- und Effizienzsteigerung in der gesamten Behördenlandschaft und der E-Society.
Über 3000 Partner bei Bund, Kantonen, Gemeinden und zum Teil auch Unternehmen haben letztes Jahr deutlich über fünf Millionen Transaktionen elektronisch abgewickelt, welche die Datenstandards für den Datenaustausch aktiv einsetzen. Wie in den letzten Jahren zeichnet sich auch 2014 ein weiteres Wachstum um rund eine Million Transaktionen ab. Bei diesen Daten handelt es sich ausschliesslich um die über Sedex abgewickelten Transaktionen. Alles, was über irgendein User Interface in Anwendungen mit Behördenmitarbeitenden, Bürgerinnen und Bürgern oder Unternehmen ausgetauscht wird, ist hier nicht mitgezählt.
Die bisherigen Bemühungen der Datenstandardisierung stehen alles in allem gesehen erst ganz am Anfang. Die aktuelle Situation der Standardisierung bezogen auf alle Geschäftsfähigkeiten von Behörden zeigt, dass noch sehr viel zu tun bleibt.


Quellen

  1. www.ech.ch
  2. Sämtliche in diesem Text erwähnten eCH-Dokumente können unter ech.ch gefunden werden. Am einfachsten zugreifbar sind die Dokumente, wenn man im Internet nach ihrem Kürzel «eCH-xxxx» sucht.
  3. http://www.omg.org/spec/UML/, auch als ISO-Standard 19505-1:2012 und 19505-2:2012.
  4. http://www.w3.org/standards/xml/Schema.

 

AUTOR/AUTORIN: Andreas Spichiger

Schwerpunktverantwortlicher E-Government, SocietyByte, BFH-Zentrum Digital Society.
Leiter E-Government-Institut, Departement Wirtschaft, Berner Fachhochschule

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